Frage & Antwort

Frage & Antwort Nr. 564 Wie wurde der Wolf zum Hund?

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Erkennen wir uns im Wolf wieder?

imago/Martin Wagner

Mit kaum einem Tier pflegt der Mensch eine innigere Bindung als mit dem Hund. Doch gleichzeitig wird dessen Urahn, der Wolf, gehasst und gefürchtet - bis heute. Warum also kamen sich Raubtier und Mensch einst dennoch so nahe?

In der Jungsteinzeit vor etwa 30.000 Jahren sah sich der Mensch einer wahren Übermacht an Raubtieren gegenüber. Löwen, Hyänen und Säbelzahnkatzen lauerten in den Steppen Europas und Asiens. Mit einem Raubtier jedoch freundeten sich unsere Vorfahren an: mit dem Wolf. Warum aber wurde ausgerechnet er der treueste Begleiter des Menschen?

Die ältesten Spuren von Hunden

Der älteste gefundene Hundeschädel stammt aus dem Altai-Gebirge und ist 33.000 Jahre alt. Allerdings ist dieses Tier wahrscheinlich nicht der direkte Vorfahr heutiger Hunde. Vermutlich wurde in verschiedenen Regionen der Welt zu unterschiedlichen Zeiten Wölfe zu Haustieren. In einigen Fällen erloschen diese Hunde-Linien auch wieder. Laut neuesten Erkenntnissen gehen die meisten der heute lebenden Hunde auf eine Domestikation vor rund 17.000 Jahren in Südostasien zurück.

Dies liege vor allem an der sozialen Ähnlichkeit von Mensch und Wolf, sagt der Biologe Kurt Kotrschal zu n-tv.de. Er leitet das von ihm mitgegründeten Wolf Science Center im niederösterreichischen Ernstbrunn gemeinsam mit Friederike Range und Zsofia Viranyi. Mensch und Wolf existierten in Kleingruppen, denen gemein sei, dass innerhalb dieser sehr stark kooperiert werde - etwa bei der Jagd.

So hätten die Menschen wohl schnell gemerkt, dass man mit einigermaßen sozialisierten Wölfen ziemlich gut jagen kann. Kotrschal hat in seiner Wolf-Forschungsstätte selbst beobachten können, dass Wölfe mit Menschen bei der Jagd eng kooperieren können. "Wölfe verstehen sofort, worum es geht." Sie seien dabei mindestens so kooperativ wie moderne Hunde.

Erfolgsmodell: Mammutjagd

Die gemeinsame Jagd von Wolf und Mensch könnte ein Erfolgsmodell gewesen zu sein, glaubt Kotrschal. Auffällig sei zumindest, dass die ersten Hunde zeitlich parallel zum Erscheinen der Mammutjäger-Kultur in Europa und Asien auftraten. "Auch mit damals schon hochentwickelter Waffentechnik war es für Menschen nicht trivial, ein Mammut zu töten", so der Experte. Die großen Tiere müssen erstmal zum Stehen gebracht werden. Diesen Part könnten möglicherweise die frühen, wolfsähnlichen Hunde übernommen haben.

Doch die Nähe der zunehmend zahmen Wölfe bot auch weitere Vorteile: "Menschen konnten in der Nacht nicht mehr so leicht überfallen werden", so Kotrschal. Bereits der zahme Wolf stoße Warnlaute aus, wenn ihm etwas verdächtig erscheint. So könnte er den Menschen schon früh vor anderen Wildtieren wie Bären gewarnt haben. Das machte ihn womöglich unentbehrlich.

Welpen mit der Brust aufgezogen?

Aber wer macht den ersten Schritt - Hunde oder Mensch? "Wölfe waren immer schon neugierige Tiere. Ich nehme an, dass sie einfach zu den Lagern kamen und geschaut haben, was die Menschen so tun", sagt der Wolfexperte. Aber auch die Vorstellung, dass Jäger Wolfswelpen mit ins Lager gebracht und Frauen diese an der Brust mit aufgezogen haben, sei nicht so weit hergeholt.

Dafür spreche auch, dass ein Wolf, der sich dem Menschen lediglich anschließt, keinen Grund gehabt hätte, Menschenkinder zu verschonen. Dann allerdings hätte der Mensch diese Wölfe sofort getötet - ein Hund wäre daraus also nicht geworden. "Die einzige Möglichkeit, mit dem Wolf auf Vertrauensbasis zu kooperieren und zu verhindern, dass dieser sich an den Kindern vergreift, ist, dass man die Wolfswelpen selbst aufzieht", glaubt Kotrschal.

Doch erst mit der Sesshaftwerdung des Menschen, die mit Viehzucht und Getreideanbau einherging, wurde aus dem vor allem als Jagdbegleiter dienendem Wolfshund der Hund. Einher ging dies wohl mit einer gezielten Selektion des Menschen, die er unter den Welpen vornahm: "Nur die zahmsten Welpen eines Wurfes wurden für die weitere Vermehrung ausgewählt", so Kotrschal.

Selektion brachte Hund seine Schlappohren ein

Der Wolfshund machte innerhalb weniger Generationen eine Wesensänderung durch, wurde zahmer und unterwürfiger. Die Menschen konnten ihn zum Bewachen von Viehherden, Haus und Hof einsetzen. Diese Selektion brachte nach heutigem Wissen auch die Merkmale der Hunde mit sich, die sie vom Wolf unterscheiden: kürzere Schnauzen, kleinere Zähne, Schlappohren und geschecktes Fell.

Mit dem Aufkommen der Ackerbauernkulturen kam immer öfter auch Getreide in den Fressnapf der Tiere. Heutige Hunde können daher, im Unterschiede zu Wölfen, Stärke verdauen. "Auch das Bellen ist eine Neuentwicklung", so Kotrschal. Hunde heulen nicht mehr so oft, wie Wölfe es tun. Auch das Bellen könnte eine Anpassung an das Leben mit Menschen gewesen sein. "Menschen können Bellen besser deuten als das Geheule der Wölfe." Ein weiterer Aspekt, zum gegenseitigen Verständnis.

Übrigens: In den vergangenen 35.000 Jahren haben fast alle Menschengruppen mit Hunden zusammengelebt. Eine Ausnahme bilden die Aborigines in Australien - sie erreichten vor 40.000 ohne Hunde den Südkontinent. Erst vor etwa 3000 Jahren besiedelten Hunde in Form von Dingos das Land. Womöglich wurden sie durch Handelskontakte aus Südostasien eingeführt.

Quelle: n-tv.de

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