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Valjean (Jackman) verspricht Fantine (Hathaway), sich um ihre Tochter zu kümmern.
Valjean (Jackman) verspricht Fantine (Hathaway), sich um ihre Tochter zu kümmern.(Foto: AP)

Anne Hathaway brilliert in "Les Misérables": Rache, Liebe, Revolution

Von Markus Lippold

"Les Misérables" begeistert seit 30 Jahren Millionen Menschen. Nun kommt das Musical nach einem Roman von Victor Hugo auf die Leinwand. Stars wie Anne Hathaway und Hugh Jackman überraschen mit Glanzleistungen in einem opulenten, stimmungsvollen Film, der aber stellenweise zu pathetisch gerät.

Anne Hathaway liefert als Fantine eine Glanzleistung ab.
Anne Hathaway liefert als Fantine eine Glanzleistung ab.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Filmmusicals sind immer ein Wagnis. Zumindest, seit deren große Zeit in den 1950er und 1960er Jahren vorbei ist. Da feierten Filme wie "Singin' in the Rain", "West Side Story" und "My Fair Lady" große Erfolge. Seitdem dümpelt das Genre so vor sich hin, auch wenn es immer wieder mal auf sich aufmerksam macht mit Werken wie "Cabaret", "Grease", "Chicago" (Oscar für den besten Film 2002) und zuletzt "Mamma Mia!". Doch dem standen immer wieder äußerst maue Filme wie "Nine" gegenüber, die dem Ruf den Genres nicht gerade guttaten.

Nun versucht es wieder ein Regisseur, mit einem Stück, dass auf den Bühnen der Welt enorme Erfolge feiern konnte. "Les Misérables" haben seit seiner Uraufführung 1980 mehr als 60 Millionen Menschen gesehen, in Dutzenden Ländern und Sprachen. Es ist das am längsten laufende Stück in London und steht in dieser Kategorie am New Yorker Broadway auf dem beachtlichen dritten Platz.

Hugh Jackman spielt den ehemaligen Strafgefangenen Valjean zwischen Verzweiflung und Kampfeswillen.
Hugh Jackman spielt den ehemaligen Strafgefangenen Valjean zwischen Verzweiflung und Kampfeswillen.

Das sind gute Voraussetzungen, die sich Regisseur Tom Hooper ("The King's Speech") bieten. Und auf den ersten Blick scheint sich der Aufwand, den der opulent ausgestattete Film betreibt, gelohnt zu haben: Er gewann drei Golden Globes und wurde zudem für acht Oscars nominiert, darunter die für den besten Film, für Hauptdarsteller Hugh Jackman (vor allem bekannt als Wolverine aus den X-Men-Filmen) und Nebendarstellerin Anne Hathaway ("The Dark Knight Rises").

Hinzu kommen aber auch Nominierungen für Kostüm und Make-Up. Denn "Les Misérables" ist nicht nur Musical, sondern auch Historienfilm, der in Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt. Die Grundlage bildet der Roman "Die Elenden" von Victor Hugo von 1862, der in Frankreich zu den bekanntesten literarischen Werken zählt. Als sich in den 70er Jahren die Franzosen Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg daran machten, den Stoff zu einen Musical zu verarbeiten, existierten bereits etliche Verfilmungen, inzwischen sind es fast vier Dutzend.

19 Jahre Zuchthaus

Russell Crowe gibt den harten Inspektor Javert, der Valjean unablässig jagt.
Russell Crowe gibt den harten Inspektor Javert, der Valjean unablässig jagt.

Auf diesem Musical, genauer gesagt: auf der längeren Version von 1985 basiert nun Hoopers Film. Wobei das Musical die sozialkritische und politisch-ethische Ebene der Romanvorlage zurückdrängt zugunsten einer Geschichte um Rache, Liebe und Vergebung. Im Mittelpunkt steht Jean Valjean (Jackman), der nach 19 Jahren aus dem Zuchthaus entlassen wird. Doch wie ihm der harte Inspektor Javert (Russell Crowe, "Gladiator") mitteilt, steht er unter Bewährung. Deshalb bleibt er ein Ausgestoßener der Gesellschaft. Erst als er untertaucht und damit gegen die Auflagen verstößt, kann er ein neues Leben beginnen.

Einige Zeit später hat es Valjean unter falschem Namen zu einem erfolgreichen Unternehmer und geachteten Bürgermeister einer Stadt gebracht. Doch Javert ist ihm nach wie vor auf den Fersen. Mit seiner Ankunft in der Stadt fühlt sich Valjean erneut bedrängt. Gleichzeitig wird seine Mitarbeiterin Fantine (Hathaway) durch einen Vorarbeiter entlassen. Aus Armut muss sie sich prostituieren und erkrankt schließlich schwer. Auf dem Sterbebett verspricht ihr der schuldbewusste Valjean, sich um ihre Tochter Cosette zu kümmern. Er befreit diese aus den Klauen des habgierigen Ehepaars Thénardier (Helena Bonham Carter, "The King's Speech"; Sacha Baron Cohen, "Borat") und flieht mit ihr vor Inspektor Javert nach Paris.

Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen sorgen als Gaunerpärchen für Unterhaltung.
Helena Bonham Carter und Sacha Baron Cohen sorgen als Gaunerpärchen für Unterhaltung.

Neun Jahre später leben Valjean und die nun erwachsene Cosette (Amanda Seyfried, "Mamma Mia!") immer noch in Paris. In der Stadt brodelt es. Junge Revolutionäre rufen zum Aufstand gegen das System unter dem sogenannten Bürgerkönig Louis-Philippe. Unter ihnen ist Marius Pontmercy (Eddie Redmayne, "My Week with Marilyn"), der sich auf den ersten Blick in Cosette verliebt. Aber auch Javert ist inzwischen in Paris und nimmt erneut die Spur von Valjean auf. Dieser beschließt, mit Cosette nach England zu fliehen, wodurch die jungen Liebenden wieder getrennt würden. Doch dann bricht der Juniaufstand von 1832 aus und der Strudel um Cosette und Marius, um Valjean und Javert dreht sich immer schneller.

Die Darsteller singen live

Liebe in Zeiten der Revolution: Cosette (Seyfried) und Marius (Redmayne).
Liebe in Zeiten der Revolution: Cosette (Seyfried) und Marius (Redmayne).

Dieses Szenario bietet genug Raum für jede Menge Gefühle. Und Hooper setzt diese opulent und mit starken Bildern in Szene, wobei die Inszenierung insgesamt doch eher antiquiert wirkt. Der Regisseur hält sich eben eng an die Bühnenversion und vernachlässigt auch die sozialkritischen Aspekte des Romans. Aber diese sind auch nicht das Ziel eines Musicals. Hier geht es um die Musik, und davon bietet "Les Misérables" sehr viel. Von wenigen gesprochenen Zeilen abgesehen, wird über die 158 Minuten nur gesungen. Wer Musicals nicht ausstehen kann, wird also ohnehin einen großen Bogen um den Film machen, Musicals-Fans kommen an dem Film dagegen kaum vorbei.

Alle anderen sollten den Versuch wagen, aus mehreren Gründen. Zum Beispiel ist der Film sehr atmosphärisch. Die Verzweiflung Valjeans wird spürbar in der düsteren Stimmung, die sich zum Ende hin mit revolutionärem Drang vermischt. Gerade hier ist die Musik sehr mitreißend, sie hat aber auch viele einprägsame Melodien zu bieten. Zu den unterhaltsamsten Szenen gehört wiederum jene in der Kneipe des Ehepaars Thénardier, wo Bonham Carter und Baron Cohen eine klamaukige Vorstellung abliefern. Eine Neuentdeckung ist Samantha Barks als deren Tochter Éponine, die die Rolle bereits auf der Bühne verkörperte und deshalb besonders gesanglich überzeugt. Womit wir auch schon bei der größten Stärke des Films wären: den Darstellern.

Über Anne Hathaway als Fantine wurde bereits viel geschrieben - tagelang hungerte sie, um der Rolle gerecht zu werden. Tatsächlich scheint sie sehr viele eigene Gefühle in die Rolle zu legen. Ihre Darstellung ist sehr überzeugend, nach dem Golden Globe ist auch der Oscar durchaus möglich. Für Hugh Jackman wird es wohl nicht zum Oscar reichen, aber er überrascht und überzeugt in der Rolle des Valjean. Russell Crowe fällt dagegen ab, zumindest gesanglich. Das merkt man vor allem deshalb, weil Hooper seine Darsteller live beim Dreh singen ließ. Anders als bei ähnlichen Produktionen wurden die Lieder nicht im Studio nachsynchronisiert, was die Darbietungen lebendiger und kraftvoller macht - aber eben auch gesangliche Schwächen aufzeigt. Unterstützt wird dies durch die Kameraführung, die in den Solodarbietungen die Protagonisten in Großaufnahme zeigt und eine sehr intensive Stimmung schafft. Ohne Schnitte singt etwa Hathaway ihr "I Dreamed a Dream" - eine schauspielerische und gesangliche Meisterleistung.

Es sind diese Kunstgriffe, die "Les Misérables" zu einem sehenswerten Film machen. Da kann man sich auch mit der inhaltlich allzu glatten Oberfläche abfinden: Die Barrikadenkämpfe von 1832 und die sozialen Zustände sind nur ein romantischer Hintergrund für die Geschichte um Valjean und Javert beziehungsweise Cosette und Marius, deren Liebe allerdings etwas blass bleibt. So kommt der Film stellenweise sehr pathetisch und gefühlig daher, die Geschichte wird episch ausgebreitet. Aber so ist das eben in Musicals. Die sind im Kino immer ein Wagnis - diesmal immerhin gelingt der Versuch.

"Les Misérables" startet am 21. Februar in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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