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Freitag, 25. Juli 2014

Das Dorf der Glückseligen: Vier Tage Wacken-Wahnsinn in 3D

Von Matthias Bossaller

Jedes Jahr im Anfang August fallen Horden von Heavy-Metal-Fans in die norddeutsche Idylle von Wacken ein. Die Geschichte des Festivals kennt mittlerweile sogar der Pfarrer in der Kirche. Dennoch ist der Film "Wacken 3D" nie langweilig. Er liefert spektakuläre Bilder und kommt dem Phänomen Wacken sehr nahe.

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Fast fühlt sich der Zuschauer an das Märchen "Hans im Glück" erinnert. Dort zieht es einen jungen Mann hinaus in die Welt. Auch in der Anfangs-Sequenz des Films ist ein Wanderer zu sehen, der mit seinem vollgepackten Rucksack auf dem Rücken über die Felder des weiten Landes von Schleswig-Holstein läuft. Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen weht durch sein langes Haar. Sein Ziel ist ein Dorf. Dort kommt er an gutbürgerlichen Backsteinhäusern vorbei. Noch ist alles ruhig. Wenig später wird er aber in die brodelnde, bunte und lärmende Welt des Wacken Open Air eintauchen. Hier in der ländlichen Idylle, wo normalerweise Kühe grasen, tobt jedes Jahr am ersten August-Wochenende vier Tage lang das größte Heavy-Metal-Festival der Welt.

Der Film "Wacken 3D" läuft am 24. Juli in den Kinos an. "Viele Leute machen sich in Deutschland oder irgendwo auf dieser Welt auf die Reise zum Festival - oft auch alleine", sagt der Regisseur Norbert Heitker, "aber wenn die Menschen dann auf das Festival kommen, leben sie plötzlich in dieser Gemeinschaft." Heitker, der sich in der Musik-Szene durch seine Arbeit mit Rammstein und den Ärzten einen Namen gemacht hat, ist kein ausgewiesener Metalfan. Das berühmte Festival, wo Jahr für Jahr Horden von metallischen Feierbiestern in Wacken einfallen, hat ihn aber schon immer gereizt.

"Es geht um die Kraft der Musik"

Feierbiester in Wacken.
Feierbiester in Wacken.

"Als Filmemacher habe ich sehr schnell gemerkt: Das ist spannend. Visuell bin ich allerdings erst mal erschlagen worden", erinnert er sich an seine ersten Eindrücke vom Festival. Als Zuhörer gab's für Heitker vor einem Jahr auch klangtechnisch ordentlich auf die Ohren. "Ich dachte, mir platzt das Trommelfell." Trotz der vielen überwältigenden Eindrücke fehlte dem Regisseur zuerst der Zugang zum Thema. Dann hörte er die Ansage des Sängers Rob Flynn der Band Machine Head, und er wusste plötzlich, worum es in Wacken geht. "Frei übersetzt sagte er, dass er nicht mit Religion aufgewachsen ist, sondern mit Musik, die immer da war – egal, ob es ihm schlecht oder gut ging. Sie hat ihm Halt gegeben", berichtet Heitker: "Es geht schlussendlich um die Kraft von Musik. Sie ist es, die die Menschen auf diesem Festival vereint."

Flynns Kernaussage läuft in der Anfangs-Sequenz des Films im Hintergrund. Der Zuschauer bekommt im weiteren Verlauf des Streifens einen Großteil der Facetten des Festivals serviert, das wegen seines Kultstatus mittlerweile sogar den Feuilletons angesehener Tageszeitungen eine Berichterstattung wert ist. Die aufwendige 3D-Technik vermittelt das Gefühl, leibhaftig dabei zu sein. Sei es nun aus der Bühnen-Perspektive des Schlagzeugers, der über seinen Bandkollegen thront und die beste Sicht auf die Massen von Menschen vor der Bühne hat. Oder als Fan inmitten des Publikums mit Blick auf die Bands. "In unserem Film geht es um den Kosmos Festival", hält Heitker fest. Um den viertägigen Wacken-Wahnsinn möglichst umfangreich auszuleuchten und erlebbar zu machen, setzten die Macher 18 Kameras in 6 verschiedenen Filmteams ein. Die gesamte Crew bestand aus 140 Leuten. Neben Bands wie Deep Purple, Motörhead, Alice Cooper, Anthrax oder Rammstein gehören auch die Festival-Besucher zu den Protagonisten.

Brüste anfassen verboten

Die Welt ist doch ein Dorf.
Die Welt ist doch ein Dorf.

Das ist etwa die junge Frau, die aus Taiwan in die schleswig-holsteinische Provinz gereist ist. Sie zieht ihren schweren Hartschalen-Koffer über die stoppeligen Wiesen des Festival-Geländes und baut ihr Zelt auf. Dann schmeißt sie sich ins Getümmel. Ihr Vorsatz, keinen Alkohol zu trinken, endet indes schon recht bald. So ist zu sehen, wie sie am Morgen des zweiten oder dritten Festivaltages verkatert aus ihrem Schlafsack steigt. Das von einem Zeltnachbarn angebotene "deutsche Frühstück" mit Bier lehnt sie dankend ab. Die Kamera begleitet auch einen Metalhead, der versucht, die an seinem Camping-Platz vorbeiziehenden Konzertbesucher in spaßige Trinkspiele zu verwickeln. Drei aus den USA angereiste Frauen müssen die Erfahrung machen, dass eine Gruppe stark alkoholisierter Teenager gerne mal ihre Brüste anfassen möchte. Ein vorbildlicher Versuch, Kontakt zum weiblichen Geschlecht aufzunehmen, ist das freilich nicht. Mit der nötigen Portion Gelassenheit und Humor können die drei Metal-Queens dieses Ansinnen abwehren.

Aggressiv ist in dem Film nur die Musik. Auch deshalb stellt Regisseur Heitker eine Spur zu euphorisch fest: "Ich habe noch nie Menschen erlebt, die so liebevoll und nett miteinander umgehen. In Wacken fragt dich keiner, welchen Beruf du hast. Da ist es völlig egal, woher du kommst oder welcher Religion du angehörst."

Um Festival-Besucher zu finden, die bereit waren, gefilmt zu werden, startete das Team um Produzent Tomas Erhart einen Aufruf auf der Wacken-Homepage. "So haben wir Dutzende von Kandidaten kennengelernt, circa zwölf ausgewählt, von denen sich schließlich sechs in dem Film wiederfinden", erklärt Erhart. Von Anfang war klar, dass die Protagonisten nicht die gesamte Zeit mit der Kamera begleitet und keine Schauspieler eingesetzt werden, sondern nur Besucher, die sich ein Ticket gekauft haben. "Ich habe vorher schon gesagt, ich werde keine Leute bezahlen oder casten. Das wäre nicht authentisch gewesen", betont Heitker.

Schlammschlacht galore

Der Regisseur bei der Arbeit.
Der Regisseur bei der Arbeit.

Zur Realität des Wacken-Festivals gehören immer wieder kurze, heftige Regengüsse, die das 220 Hektar (etwa 300 Fußballfelder) große Gelände in eine Landschaft aus Matsch und Schlamm verwandeln. Die Lust, sich im dunklen Matsch zu suhlen und andere mit hineinzuziehen, wird im Film natürlich auch dokumentiert. Die obligatorische Schlamm-Schlacht darf nicht fehlen: Schwere Körper wirbeln die braune Brühe auf, wenn sie in die Pfützen klatschen. Schwarz verkrustete Gestalten schleudern beim Headbangen mit ihren langen Haaren Dreckklumpen durch die Luft. Konträre Bilder dazu liefert der Film aus dem nahe gelegenen Freibad, das sich fest in metallischer Hand befindet und zur erweiterten Partyzone erklärt wird.

Die Idee zu dem Wacken-Film stammt aus dem Jahr 2011, als Produzent Erhart zum ersten Mal Kontakt zu den Gründern Thomas Jensen und Holger Hübner Kontakt aufnahm. Die Umsetzung des Projekts verlief alles andere als einfach. Mögliche Geldgeber und auch die Festival-Betreiber mussten erst einmal überzeugt werden. Die Filmwelt hatte nicht unbedingt auf einen Wacken-Film gewartet. Einer der meistgenannten Vorbehalte lautete: "Moment mal, da gibt es doch schon 'Full Metal Village'." Der Film der Regisseurin Cho Sung-hyung aus dem Jahr 2006 verhalf dem Festival seinen Bekanntheitsgrad noch einmal zu steigern. Plötzlich berichteten die öffentlich-rechtlichen Sender über Wacken.

Als Türöffner für das aktuelle Werk erwies sich ein von Produzent Erhart bei Regisseur Heitker in Auftrag gegebener Trailer, den dieser vom 2012er Festival erstellte. Der zeigte, wo es ungefähr langgeht. "Als wir den Trailer gesehen haben, habe ich bei der Einführungs-Szene mit Rob Flynn gleich eine Gänsehaut bekommen", erzählt Wacken-Mitorganisator Jensen.

"Wir wussten gar nicht, wie man Open Air schreibt"

Früher haben sie "Urmel aus dem Eis" gemacht ....
Früher haben sie "Urmel aus dem Eis" gemacht ....

Jensen hätte sich nicht im Traum vorstellen können, dass aus der Party mit 800 Mann vor 25 Jahren einmal das größte und wichtigste Heavy-Metal-Festival überhaupt erwachsen würde. "Wir wussten damals gar nicht, wie man Open Air schreibt. Wir sind ganz naiv an die Sache rangegangen", erinnert sich Jensen. Die ersten international renommierten Combos traten 1992 auf. Saxon und Blind Guardien spielten damals noch auf einer Bühne in einer alten Kiesgrube.

Die Organisatoren mussten sich für Band-Gage und Sicherheitspersonal bei der ortsansässigen Bank Geld leihen. 25.000 Mark mussten die Organisatoren laut Jensen allein für die Security zusammenbringen. Jensen war damals noch Student und kannte einen Bankmitarbeiter, der selber Rockfan war. "Ich habe zu ihm gesagt: 'Mensch, wir können Saxon bekommen.' Da hat der gesagt: 'Echt, da müssen wir was machen'". So konnte wegen der guten Dorf-Kontakte die Finanzierung realisiert werden.

Jensen und sein Kumpel Holger Hübner mussten in den Anfangstagen oft ins finanzielle Risiko gehen. Eine Art  Befreiungsschlag stellte das Jahr 1996 dar, als wegen der Böhsen Onkelz rund 8000 Besucher kamen und das Festival erstmals auf einem Feld des Bauern Uwe Trede stattfand. Auf dessen Äckern wird noch heute die Metal-Sause veranstaltet. Bis dahin hatten sich Jensen, der als Kulturreferent an der Fachhochschule Kiel tätig war, und sein Kompagnon nebenher noch mit Party- und Musical-Veranstaltungen durchgewurstelt. "Wir haben zum Beispiel Kindermusicals wie Urmel aus dem Eis organisiert", erinnert sich Jensen.

Das ist lange her. Mittlerweile muss Jensen nicht mehr versuchen, Reggae- oder Cover-Bands für Uni-Partys an den Start zu bekommen, sondern Schwergewichte wie Metallica oder AC/DC. Die haben nämlich noch nicht in Wacken gespielt. Vielleicht lassen sich die Bandmitglieder von dem Film "Wacken 3D" davon überzeugen, doch mal einen Abstecher ins weite schleswig-holsteinische Land zu unternehmen.

"Wacken" in 3D läuft seit dem 24. Juli 2014 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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