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Teile des Meteoriten schlugen in einen See ein.
Teile des Meteoriten schlugen in einen See ein.(Foto: dpa)

Nicht ungewöhnlich, doch das erste Mal: 1000 Verletzte durch Meteoriten

Über dem südlichen Ural ereignet sich ein Schauspiel, das spektakulär und für Forscher dennoch nicht ungewöhnlich ist: Ein Meteorit rast mit 30 Kilometer pro Sekunde auf die Erde zu, explodiert und löst einen Meteoritenschauer aus. Dieser Schauer geht auf bewohntem Gebiet nieder, fast 1000 Menschen erleiden Verletzungen. So etwas habe es noch nicht gegeben, sagt ein Esa-Experte.

Heiner Klinkrad zeigt einen Meteoriten, der 1947 in Russland auf die Erde stürzte.
Heiner Klinkrad zeigt einen Meteoriten, der 1947 in Russland auf die Erde stürzte.(Foto: dapd)

"Meteorit kracht auf Russland", "Erde unter Beschuss" - die Überschriften vieler Online-Medien überschlagen sich geradezu mit Hinweisen darauf, wie sensationell das Ereignis in der entlegenen Region im südlichen Ural-Gebirge ist. Dennoch ist der spektakuläre Meteoritenschauer an sich nichts Ungewöhnliches.

Im Gegenteil: "Das passiert signifikant häufiger als ein Mal im Jahr", sagte Heiner Klinkrad von der Abteilung "Weltraumrückstände" der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in Darmstadt. Allerdings schlagen die meisten dieser Gesteine im Meer oder auf unbewohntem Gebiet ein.

Einen Einschlag über bewohntem Gebiet mit so vielen Verletzten gab nach Einschätzung seines Kollegen Detlef Koschny noch nicht. "Das ist das erste Mal, dass das passiert ist - zumindest soweit wir das dokumentiert haben", sagte der Esa-Experte Koschny. Alle paar Monate schlügen Objekte auf der Erde auf. "Meistens passiert das aber über dem Ozean, über den Wüsten oder in Sibirien." Deswegen sei bislang nichts Schwerwiegendes passiert.

Fast 1000 Verletzte

Tscheljabinsk liegt an der Grenze zu Kasachstan.
Tscheljabinsk liegt an der Grenze zu Kasachstan.

Der Himmelskörper, der die Einwohner der etwa 1500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Region Tscheljabinsk aus ihrer winterlichen Ruhe riss, hatte gegen 9.23 Uhr Ortszeit (4.23 Uhr MEZ) eine massive Druckwelle ausgelöst. Nach neuesten Zahlen wurden fast 1000 Menschen verletzt, davon etwa 200 Kinder.

Wie Gouverneur Michail Jurewitsch laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Ria Nowosti mitteilte, erlitten rund 950 Menschen Verletzungen. Bei zwei Dritteln der Fälle handele es sich um leichte Verletzungen durch umherfliegende Glassplitter oder andere Materialien. Allein in der Stadt Tscheljabinsk hätten sich mehr als 750 Menschen in ärztliche Behandlung begeben.

Lichtblitze und Explosionen

Die mehr als eine Million Einwohner zählende Stadt Tscheljabinsk und die umliegende gleichnamige Region wurden von einem grellen Blitz und von einer anschließenden Druckwelle erschüttert. Durch die Druckwelle zerbarsten in der Region Fensterscheiben, mindestens ein Fabrikgebäude wurde schwer beschädigt. Hunderte Menschen erlitten infolge dessen Prellungen und Schnittverletzungen.

Eine Zink-Fabrik in Tscheljabinsk wurde stark beschädigt.
Eine Zink-Fabrik in Tscheljabinsk wurde stark beschädigt.(Foto: REUTERS)

Augenzeugen berichteten von Lichtblitzen, Explosionen und Rauchwolken am Himmel. Viele dachten, ein Flugzeug sei explodiert. "Das war ein großer Feuerball, der dann runterfiel. Das Ganze dauerte ein paar Sekunden", sagte ein Bewohner der Region der Agentur Itar-Tass.

Es habe einen Blitz gegeben, "ich sah eine Rauchfahne am Himmel und spürte die Druckwelle, die Fensterscheiben eindrückte", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen weiteren Augenzeugen. Alarmanlagen von Autos gingen los, Mobiltelefone funktionierten nicht mehr. "Ich war auf dem Weg zur Arbeit, und es war noch dunkel", sagte der 36-jährige Viktor Prokofjew aus Jekaterinburg. "Aber plötzlich war es taghell, und ich fühlte mich wie von Scheinwerfern geblendet."

Die weiße Rauchwolke, die der Meteorit am Himmel hinterließ, war bis in 200 Kilometer entfernte Jekaterinburg zu sehen. Nach Angaben der russischen Weltraumbehörde Roskosmos raste der Meteorit mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometer pro Sekunde auf die Erde zu. Die Explosion des Himmelskörpers löste einen Überschallknall aus. Dann folgte ein "Meteoritenregen in Form von Feuerbällen", wie es das Katastrophenschutzministerium umschrieb.

"Ziemlich großes Objekt"

Video

Bei dem Meteoriten habe es sich um ein "ziemliches großes Objekt mit einem Gewicht von mehreren Dutzend Tonnen" gehandelt, sagte der russische Astronom Sergej Smirnow dem Fernsehsender Rossia 24.

Da viele Autofahrer in Russland an den Frontscheiben ihrer Wagen eine Videokamera fest installiert haben, gab es schon bald zahlreiche Filme im Internet, die das Schauspiel und seine Folgen dokumentieren.

Sechs Meter breiter Krater entdeckt

Ein Teil des Meteorits sei in der Nähe des zugefrorenen Sees Tschebarkul rund 80 Kilometer westlich von Tscheljabinsk niedergegangen, teilte die Gebietsverwaltung mit. Hier entdeckten die Behörden am Mittag einen sechs Meter breiten Krater sowie mehrere etwa einen Zentimeter große Splitter.

"Die meisten Splitter sind verdampft, einige schafften es aber bis zur Erdoberfläche", sagte Valeri Schuwalow von der Russischen Wissenschaftsakademie. Er vermutet, dass es sich um einen Nickel-Eisen-Meteoriten handelt. Nur ein solcher Körper sei fest genug, um die unteren Schichten der Atmosphäre zu erreichen.

"Kein Grund zur Sorge"

Ein Mitarbeiter der Regionalregierung sagte, der Meteorit stamme möglicherweise von dem Asteroiden, der die Erde in 27.520 Kilometern Entfernung passieren soll. Dieser Ansicht widersprachen Experten von Esa und Nasa übereinstimmend. "Das ist ein faszinierender Zufall. Aber er erinnert uns daran, was da draußen noch so alles rumfliegt und von uns erforscht werden soll", sagte Dante Lauretta im Informationskanal der US-Weltraumbehörde Nasa. "Aber die beiden Objekte haben definitiv nichts miteinander zu tun, weil sie aus ganz unterschiedlichen Ecken des Sonnensystems kommen."

Der Asteroid 2012 DA 14, der an diesem Freitag an der Erde vorbeifliegen sollte, sei eine große Chance für die Wissenschaft. "So nah ist noch nie ein Himmelskörper an der Erde vorbeigeflogen, seit die Wissenschaft zurückdenken kann. Natürlich sind heute alle Augen auf den Asteroiden gerichtet - inklusive unserer Radarteleskope." Eine Gefahr bestünde jedoch nicht: "Wir können die Flugbahn sehr gut voraussagen. Er wird nicht die Erde treffen, nicht die Raumstation ISS und auch keinen wichtigen Satelliten. Also: Kein Grund zur Sorge."

Fenster müssen rasch ersetzt werden

Die russischen Behörden mobilisierten in der Region rund um die Industriestadt Tscheljabinsk 20.000 Katastrophenhelfer. Wegen der niedrigen Temperaturen und der zerstörten Fenster blieben die Schulen am Freitag In Tscheljabinsk geschlossen.

Gebietsgouverneur Jurewitsch brach eine Moskauer Dienstreise ab. "Bei Temperaturen von minus 18 Grad in Tscheljabinsk ist jetzt am wichtigsten, dass die zertrümmerten Fensterscheiben ersetzt werden", sagte der Verwaltungschef.

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Quelle: n-tv.de

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