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"Deutschland hat ein Hygieneproblem": 600.000 Erkrankungen jährlich

Deutsche Krankenhäuser haben ein Hygieneproblem. Hunderttausende Menschen infizieren sich jährlich in Deutschland mit Krankenhauskeimen, viele sterben daran. In den Niederlanden, wo dieses Problem kaum existiert, behandelt man Patienten aus deutschen Kliniken vorsorglich als Risikopatienten. Dr. Ron Hendrix kennt beide Seiten. Der holländische Mikrobiologe arbeitet am Medisch Spectrum in Twente, dem größten Krankenhaus der Niederlande. Gleichzeitig berät er in seiner Funktion als Leiter des Euregio-Netzwerks unter anderem das Universitätsklinikum Münster, das seitdem als deutsches Vorzeigekrankenhaus in Sachen Infektionsvorbeugung gilt.

n-tv.de: Die schwarz-gelbe Regierung plant, neue Richtlinien für die Krankenhaus-Hygiene zu erlassen. (Hendrix bricht in lautes Lachen aus) Warum lachen Sie?

Ron Hendrix: Na ja, weil es keinen Zweck hat, neue Richtlinien zu erlassen, denn die gibt es schon. Deutschland hat sehr gute Hygiene-Richtlinien für Krankenhäuser. Das große Problem ist die Umsetzung.

Was läuft da schief?

Die Regeln werden nicht in die Tat umgesetzt und auch nicht kontrolliert. Da fehlt es am Personal, aber auch am Bewusstsein für das Problem.

Die Regierung spricht davon, dass sich in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr mindestens 600.000 Menschen mit multiresistenten Bakterien infizieren, den MRSA. Etwa 40.000 sterben daran. In den Niederlanden gibt es das Problem dieser Krankenhausinfektionen beinahe nicht. Was machen die Holländer anders?

Mikroskopische Aufnahme von MRSA-Bakterien.
Mikroskopische Aufnahme von MRSA-Bakterien.

In den Niederlanden sind die Richtlinien für die Krankenhäuser nicht gesetzlich festgehalten, sondern werden von Fachleuten aus der Praxis formuliert und daran halten sich die Krankenhäuser auch. So kommt es, dass in den Niederlanden jedes Krankenhaus einen eigenen Mikrobiologen hat, der das Personal in Hygienefragen berät und außerdem darauf achtet, dass möglichst wenige Antibiotika verschrieben werden. Es gibt in Deutschland zwar auch Mikrobiologen und Hygienefachleute. Aber erstens sind es zu wenige und zweitens sind sie nicht so eng in die Arbeit eingebunden wie bei uns in Holland. Sie gehen nur selten in die einzelnen Stationen, um die tägliche Arbeit zu beobachten. Zudem spielt in holländischen Krankenhäusern die Kommunikation zwischen den Fachrichtungen eine viel größere Rolle. Ich begegne ständig den Internisten, den Chirurgen oder den Gynäkologen und die sprechen sich wiederum untereinander ab.

Kommunizieren deutsche Ärzte zu wenig miteinander?

Das könnte sein. Hinzukommt, dass es in Deutschland viel mehr kleine Spezialkliniken gibt als in Holland, zum Beispiel für Orthopädie. Da hat man keine Experten für andere Fachrichtungen. In Holland sitzen die Spezialisten alle zusammen in einem Haus und beraten sich gegenseitig. Für uns ist es ganz normal, dass ein Mikrobiologe einen Arzt bei Infektionskrankheiten berät und ihm sagt, ob ein Antibiotikum anzuwenden ist. Ein Chirurg beispielsweise kann ja nicht auch noch Experte auf dem Gebiet der Antibiotika sein.   

Werden in den Niederlanden tatsächlich viel weniger Antibiotika verschrieben?

Ron Hendrix arbeitet als Mikrobiologe am Medisch Spectrum in Twente. Er ist außerdem Leiter der Euregio-Netzwerks, das sich für die Bekämpfung von MRSA-Infektionen in Krankenhäusern einsetzt.
Ron Hendrix arbeitet als Mikrobiologe am Medisch Spectrum in Twente. Er ist außerdem Leiter der Euregio-Netzwerks, das sich für die Bekämpfung von MRSA-Infektionen in Krankenhäusern einsetzt.

Ja, bestimmte Sorten von Antibiotika werden in Holland nur in Absprache mit den Mikrobiologen verordnet. Wenn ein Arzt in dem Krankenhaus, in dem ich arbeite, ein solches Antibiotikum verordnet, ruft mich der Apotheker an und fragt, ob ich davon weiß. Und wenn nicht, rufe ich den Arzt an und kann ihm eventuell dazu raten, ein anderes Antibiotikum zu verschreiben oder auch gar keins. Unsere Ärzte sind dadurch viel vorsichtiger im Umgang mit Antibiotika und auch in der Bevölkerung herrscht in Holland eine große Sensibilität, was Antibiotika betrifft. Wenn ein holländisches Kind wegen einem Schnupfen ein Antibiotikum verschrieben bekommt, wird seine Mutter den Arzt fragen, ob das wirklich nötig ist.

Was ist denn so problematisch an Antibiotika?

Je mehr Antibiotika verschrieben werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bakterien dagegen resistent werden. Erst vor wenigen Tagen wurde über ein Bakterium berichtet, das überhaupt nicht mehr auf unsere heutigen Antibiotika reagiert. Deshalb werden in Holland nur selten Antibiotika verschrieben – und wenn, dann möglichst alte Präparate, zum Beispiel Penicillin. Die sind erstens günstiger und zweitens immer noch besser gegen normale Infektionskrankheiten.

Neue Regeln bringen also wenig, was könnte die Bundesregierung aber machen?

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Es muss mehr Geld investiert werden. Mehr Geld in Mikrobiologen, mehr Geld in Hygienefachleute. Der riesige Vorteil davon ist, dass man dieses Geld doppelt und dreifach zurückbekommt, weil man dadurch enorm viel spart. Jeder Patient, der sich mit MRSA infiziert, kostet im Durchschnitt 20.000 Euro zusätzlich, weil er länger im Krankenhaus liegt und mit ganz neuen und damit sehr teuren Antibiotika behandelt werden muss.

Stimmt es, dass Patienten aus deutschen Krankenhäusern in den Niederlanden in Quarantäne versetzt werden?

Ja, das stimmt. Wenn sich ein Holländer in Deutschland das Bein gebrochen hat und dort operiert wurde, isolieren wir ihn für ein paar Tage und untersuchen ihn auf MRSA. Deutsche Ärzte operieren zwar sehr gut, aber wir haben Angst vor Infektionen.

Würden Sie Ihr Kind in ein deutsches Krankenhaus schicken?

Natürlich! Die technischen Voraussetzungen in Deutschland sind sehr gut. Aber wenn ich könnte, würde ich ein Krankenhaus mit dem MRSA-net-Siegel wählen, das unser Euregio-Netzwerk an Krankenhäuser mit hohen Hygienestandards vergibt.

Mit Ron Hendrix sprach Leonard Goebel.

Quelle: n-tv.de

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