Wissen
Nur eine einzige Samenzelle kann für die Befruchtung in die Eizelle eindringen.
Nur eine einzige Samenzelle kann für die Befruchtung in die Eizelle eindringen.(Foto: picture-alliance / dpa)

Immer mehr ungewollte Kinderlosigkeit: Wie Spermien agil bleiben

Von Jana Zeh

In Deutschland herrscht Kindermangel. Das ist nicht nur Ausdruck von schlechter Familienpolitik und gutem Zugang zu sicheren Verhütungsmitteln, sondern auch von immer mehr ungewollt kinderlosen Menschen, wie eine Studie beweist. Eine unzureichende Spermienqualität ist bei ungefähr 40 Prozent der Fälle die Ursache für Kinderlosigkeit – Tendenz steigend. Ob Männer, die Väter werden wollen, für ihre Zeugungskraft tatsächlich etwas tun können, erklären wir hier.

1. Müssen Männer wirklich etwas für die Qualität ihrer Spermien tun?

"Ja, denn seit mehr als 20 Jahren müssen wir beobachten, dass bei Männern in Deutschland die Spermienqualität abnimmt. Das bezieht sich auf die Spermienanzahl, die Beweglichkeit, die Überlebensfähigkeit etc. Alle Parameter werden schlechter", sagt Professor Lothar Weißbach, Wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Männergesundheit n-tv.de. Diese Beobachtungen lassen sich in allen westlichen Industrienationen machen. Es scheint die Kehrseite der Medaille unseres modernen Lebensstils zu sein. Über die tatsächlichen Ursachen weiß man jedoch bisher noch nichts Genaues. Zwar ist die ständige Abnahme der Spermienqualität und -dichte, vor allem bei jungen Männern, noch kein Grund für ungewollte Kinderlosigkeit, da ja nur eine einzige gesunde Samenzelle die Eizelle zur Befruchtung erreichen muss. Der Trend allerdings ist besorgniserregend. So gibt es immer mehr Männer, deren Spermienqualität auf solches Maß absinkt, dass eine Befruchtung immer unwahrscheinlicher wird.

2. Kann das Mobiltelefon in der Tasche zu Schäden an Spermien führen?

Die Auswirkungen vom Handy in der Hosentasche konnten bisher nicht sicher belegt werden.
Die Auswirkungen vom Handy in der Hosentasche konnten bisher nicht sicher belegt werden.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Zu Auswirkungen von Handys in der Hosentasche gibt es bereits viele Untersuchungen. In Anbetracht der Tatsache jedoch, dass Mobiltelefone erst 10 bis 15 Jahre intensiv genutzt werden, kann es noch keine abschließenden Ergebnisse im Rahmen einer Langzeitbeobachtung geben. Auch Wissenschaftler sind sich nicht einig. Viele Männer behalten ihre Mobilfunkgeräte während eines Telefonats in der Hosentasche. Das, so fanden Wissenschaftler heraus, beeinträchtigt die Samenzellen in den Hoden. Die Studie vom Zentrum für Reproduktionsmedizin an der Cleveland Klinik zeigte, dass die Samenqualität von Männern abnahm, wenn sie während des Telefonats das Mobiltelefon in der Hosentasche oder am Gürtel ließen. Da diese Studie jedoch nur mit Samenproben von 32 Männern durchgeführt wurde und die Verfahrensweise nicht den Alltagsumständen entsprach, kann sie auch nicht als eindeutiger Beweis für die negative Wirkung von Handystrahlen angesehen werden, sondern nur Anhaltspunkte dafür liefern. So lange bleibt die Geschichte vom Handy in der Hosentasche als Spermienkiller ein Mythos.

3. Ist es nicht egal, was man wiegt, wenn man Vater werden will?

Viel stärker als das Handy in der Hosentasche dürften sich Über- und Untergewicht auf die Spermien auswirken. Männer mit Übergewicht haben durchschnittlich eine um 24 Prozent geringere Spermienkonzentration als Normalgewichtige. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Universität von Süd-Dänemark mit 1558 jungen Männern im Durchschnittsalter von 19 Jahren. Diese ergab, dass nicht nur die Anzahl der Samenzellen im Ejakulat von übergewichtigen Männern geringer ist, sondern auch die Beweglichkeit der Spermien mit höherem Gewicht sinkt. Nahmen die Männer an Körpergewicht ab, dann verbesserte sich auch gleichzeitig die Qualität und Anzahl ihrer Samen. Erstaunlicherweise war die Qualität der Spermien von Männern mit Untergewicht noch schlechter im Vergleich zu den Werten von Männern mit Übergewicht. Bei den leichten Männern lag die Spermienkonzentration um bis zu 36 Prozent unter der Norm. Auch in diesem Zusammenhang können Forscher über die Ursachen nichts Genaues sagen. Es wird vermutet, dass sowohl ein Zuviel an Nahrungsmitteln als auch ein Zuwenig die Hormonproduktion in den Hoden beeinflusst. Höchstwahrscheinlich stören aber mehrere Faktoren die erfolgreiche Spermienproduktion.

4. Kann eine bestimmte Ernährungsweise, Diät oder Nahrungsergänzung die Spermien fit halten?

Der Schwerenöter Casanova soll täglich 50 Austern gegessen haben, um seine Lendenkraft zu erhalten und zu stärken. Die Meerestiere enthalten viel Zink. Nur eine Auster deckt bereits den Tagebedarf von 15 Milligramm Zink. Pro Ejakulation werden 5 Milligramm Zink verbraucht. Zink soll außerdem dazu führen, dass die Spermien ihre volle Kraft entfalten und so schnell zur Eizelle gelangen können. Neben zinkhaltigen Lebensmitteln werden mehrere Vitamine (A, B6 und B12, E und C) als Fänger freier Radikale, außerdem Selen, Kalzium und Folsäure für eine gute Spermienqualität empfohlen. "Bisher hat jedoch keine einzige Ernährungsstudie die vorausgesagten Erwartungen erfüllen können", betont Lothar Weißbach die Empfehlungen. Prinzipiell kann man aber sagen, dass die Ernährung einen direkten Einfluss auf die Zeugungskraft hat. Eine relativ kalorienarme, aber ausgewogene Ernährung mit Vollkornprodukten, Obst, Gemüse, pflanzlichen Ölen und Milchprodukten oder auch die sogenannte Mittelmeerdiät wirken sich positiv auf die Spermienqualität und das Körpergewicht aus. Zucker oder zuckerhaltige Nahrung oder Getränke sollten dagegen nur in geringen Dosen verzehrt werden. Östrogenhaltige Inhaltsstoffe in Sojaprodukten und Hülsenfürchten stehen sogar im Verdacht, die Spermien zu schädigen.

5. Können Walnüsse die Spermienqualität erhöhen?

Walnüsse sind nicht nur Nervenfutter.
Walnüsse sind nicht nur Nervenfutter.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nüsse gelten allgemein als Symbol der Fruchtbarkeit. Forscher der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) können das nun beweisen. Sie haben herausgefunden, dass sich 75 Gramm Walnüsse (das entspricht 7 bis 10 Stück mit Schale) am Tag tatsächlich günstig auf Struktur und Vitalität von Spermien auswirken können. Dafür untersuchten sie die Spermien von insgesamt 117 gesunden, nichtrauchenden Männern im Alter zwischen 21 und 35 Jahren. Die Studie zeigte, dass sich bei den Nussessern die Anzahl der lebenden Spermien um 5 Prozent erhöht hat. "Nicht geklärt werden konnte innerhalb dieser Studie, welcher Inhaltsstoff der Nüsse diese Verbesserung der Spermiqualität bewirkt hatte und ob dies auch Männern mit Zeugungsproblemen helfen könnte", sagt Professor Helmut Schatz von der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie n-tv.de. Es wird vermutet, dass die mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Nüsse für die Qualitätssteigerung der Spermien verantwortlich sind. So konnte man im Serum der Probanden, welche Walnüsse gegessen hatten, tatsächlich höhere Spiegel an Linolsäure feststellen, in den Spermien selbst allerdings war der Fettsäuregehalt nicht verändert. Diese Studie wurde unter anderem von der California Walnut Commission unterstützt. Ob der Verzehr von anderen Nüssen ebenfalls diese Effekte zeigt, bleibt unklar.

6. Wirken Nikotin, Alkohol und Koffein auf die Spermienqualität?

Nikotin und Alkohol können sich negativ auf die Zeugungsfähigkeit auswirken. Experten sind der Meinung, dass mit der Rauchentwöhnung die Chancen, ein Kind zu zeugen um 30 Prozent steigen können. Alkoholgenuss senkt den Testosteronspiegel beim Mann, was wiederum Einfluss auf die Spermienproduktion und –qualität haben kann. Bisher konnte in Untersuchungen jedoch kein Grenzwert für Alkoholkonsum und Veränderungen der Spermienqualität ermittelt werden. Der mäßige Kaffeegenuss dagegen soll die Samenzellen erst so richtig auf Trab bringen, wie eine Studie der brasilianischen Universidade de São Paulo zeigte. Die Forscher hatten die Spermien von 750 Probanden über zweieinhalb Jahre hinweg untersucht. Jedoch sollten Männer auch hier Maß halten. Schon drei Tassen Kaffee am Tag könnten die Samenqualität wieder herabsetzen, wie Forscher der University of California und der Bradford University herausfanden.

7. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Spermienqualität und Sport?

Regelmäßig Sport zu treiben ist gesund, kann bei Männern die Produktion des Hormons Testosteron erhöhen und das Körpergewicht im Normalbereich halten. Das sind alles Faktoren, die zu einer Erhöhung der Spermienqualität führen können. Zu viel Sport dagegen oder die falsche Sportart kann die Spermien schädigen. Extreme Ausdauersportarten führen dazu, dass das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird, das wiederum den Testosteronspiegel senken kann. Ebenso kann sich exzessives Radfahren von mehr als zwei Stunden pro Tag negativ auf die Samenzellen auswirken. Besonders schmale Rennsättel sollten von Männern mit Kinderwunsch gemieden werden. Der Sattel drückt die Durchblutungsgefäße, die zu Hoden und Penis führen, extrem zusammen. Das kann die Qualität der Spermien negativ beeinflussen und sogar die Manneskraft einschränken.

8. Erhöht häufiger Sex oder häufiges Masturbieren die Samenqualität?

Sex kann die Spermienproduktion ankurbeln.
Sex kann die Spermienproduktion ankurbeln.(Foto: picture-alliance / dpa)

Wie bei allen Dingen gilt auch beim Sex: Die Dosis macht das Gift – zumindest in Bezug auf die Qualität der Samen. "Wer mehrmals am Tag masturbiert, der verringert die Anzahl der Spermien im Ejakulat erheblich", sagt Lothar Weißbach. Jeder kann sich vorstellen, dass die Hoden einige Zeit benötigen, um neue Spermien zu produzieren. Wenn Spermien allerdings zu lange in den Hoden verbleiben, dann werden sie zum Teil vom Körper zerlegt und wieder aufgenommen. In diesem Fall werden die alten Spermien beschädigt, das wirkt sich negativ auf deren Qualität aus.

9. Stimmt es, dass Sitzheizungen, Saunabesuche oder heiße Bäder den Spermien zusetzen?

Eine Temperatur von mehr als 37 Grad Celsius kann zu langwierigen Schäden an den Hoden und damit auch an den Spermien führen. Die Samenzellen sind am beweglichsten zwischen 33 und 35 Grad Celsius. Diese Temperaturen herrschen normalerweise an den Hoden und genau aus diesem Grund befinden sich die spermienproduzierenden Keimzellen des Mannes auch außerhalb des Körpers. Langes Sitzen im Auto bei eingeschalteter Sitzheizung sowie ausgiebige Saunagänge oder heiße Bäder sollten Männer mit Kinderwunsch aus diesem Grund vermeiden. Absichtliches Kühlen von Hoden ist allerdings auch nicht zu empfehlen, weil Kälte beispielsweise die Beweglichkeit der Spermien erheblich senkt.

10. Können zu enge (Unter-)Hosen die Bildung von Spermien behindern?

Lässige Boxershorts sind empfehlenswert.
Lässige Boxershorts sind empfehlenswert.(Foto: picture alliance / dpa)

Schlabber-Shorts und Feinripp-Unterhosen sind für viele jungen Männer tabu. Sie setzen auf enganliegende Slips, die ihren Körper voll zu Geltung bringen. Die engen Unterhosen und sogar sehr enge Hosen können allerdings dazu führen, dass die Hoden dicht an den wärmeren Körper gedrückt werden und sich so die Temperatur der Hoden erhöht. Besonders durch langes Sitzen mit übergeschlagenen Beinen wird Stauwärme erzeugt, die Schäden an den Spermien herbeiführen kann. In Studien konnten bisher keine einheitlichen Erkenntnisse zu dieser Frage gewonnen werden. Experten warnen trotzdem Männer davor, den Laptop beim Arbeiten auf dem Schoß abzulegen, denn auch hier werden die Keimdrüsen unnötig durch das Gerät und die ungünstige Sitzhaltung erwärmt.

11. Kann das Tragen von Wegwerfwindeln in der Kinderzeit die Spermienqualität im späteren Leben beeinträchtigen?

Auch das ist ein möglicher Anhaltspunkt, den Wissenschaftler interessant finden, aber bisher nicht eindeutig belegen können. Messungen an 22 Babys haben ergeben, dass sich die Temperatur an den Hoden bei mit Wegwerfwindeln gewickelten Kindern im Durchschnitt nur um ein Grad von der Körpertemperatur unterscheidet. In Baumwollwindeln dagegen lag der Temperaturunterschied zwischen Hodensack und Körper bei mehr als zwei Grad Celsius. Die Abnahme der Spermienqualität in den letzten Jahrzehnten könnte mit der Erwärmung der Hoden in Wegwerfwindeln zusammenhängen. Aus Experimenten mit Ratten weiß man bereits, dass ein Bad in 40 Grad Celsius heißem Wasser einen Hodenschaden für das nächste Jahr mit sich brachte. Bei jungen Ratten allerdings blieb dieser Effekt aus, da die spermienproduzierenden Zellen dieser Tiere noch gar nicht aktiv waren. Solange also die Zusammenhänge der Windelwärme und der abnehmenden Spermienqualität nicht eindeutig belegt sind, gehört auch dieser ins Reich der Mythen. Kinder mit Fieber, egal ob Junge oder Mädchen, sollten allerdings prinzipiell von ihren wärmenden Windeln befreit werden.

12. Schadet Viagra den Spermien?

Bilderserie

Die blaue Wunderpille, die dem Mann wieder auf die Sprünge helfen soll, könnte für dessen Zeugungsunfähigkeit verantwortlich sein. Britische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Viagra zwar die Spermien insgesamt aktiver macht, jedoch die Kopfkappen nicht mehr so funktionieren, wie sie sollten. In den sogenannten Akrosomen befinden sich die Chemikalien, die ein Spermium benötigt, um die Wand der Eizelle zu durchbrechen. Die Forscher der Queen’s University Dublin konnten bei 80 Prozent der Samenzellen, die unter dem Einfluss des Potenzmittels standen, beobachten, dass dieser chemische Prozess (akrosomale Reaktion) bereits abgelaufen war, obwohl die Samenzelle niemals eine Eizelle erreicht hatte. Tests an Mäusen konnten diese Ergebnisse untermauern. Auch die im Kraftsport oft zum Einsatz kommenden anabolen Steroide können bei Männern zu einer Störung der Spermienproduktion führen.

Quelle: n-tv.de