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Früher wurde auch mal mit dem guten alten Nudelholz der Körper abgerollt. Auch das war Faszientraining.
Früher wurde auch mal mit dem guten alten Nudelholz der Körper abgerollt. Auch das war Faszientraining.(Foto: imago/STPP)

Der Mensch auf der Rolle: Faszination Faszien

Von Jana Zeh

Wieder so ein Fitness-Trend: Faszientraining ist der neueste Schrei bei Selbstoptimierern und Bewegungswilligen. Eine Rolle soll dabei helfen, das in den Fokus gerückte Bindegewebe zu stärken. Funktioniert das?

Viele haben noch nie etwas von ihnen gehört, einige trainieren dagegen nur noch für sie: Die Rede ist von Faszien, einer Bindegewebsstruktur, die lange Zeit als passive Muskelhülle angesehen wurde. Doch diese Zeiten sind nun vorbei.

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Die dünnen, weißen Bindegewebsschichten durchziehen jeden Körper wie ein dreidimensionales Spinnennetz. Sie bestehen aus unzähligen Lagen von Fasern aus Kollagen, die bei Bewegung aufeinander gleiten. So lange Faszien als passives Gewebe angesehen wurden, erhielten sie wenig Beachtung. Heute weiß man: Sie sind viel mehr als das. Faszien sind eher ein Netzwerk im Körper, das diesen zusammenhält und strukturiert, zum Beispiel indem sie Muskeln von anderem Gewebe trennen. Schmerzen, vor allem im Rücken, können von verklebten Faszien verursacht werden.

Genaue Begriffsklärung fehlt noch

Was genau alles zu den Faszien gehört, darüber sind sich Experten bisher nicht einig. Dr. Robert Schleip, Direktor der Faszienforschungsgruppe an der Universität Ulm und Faszien-Papst Deutschlands, ist die klassische Bezeichnung der Weichteil-Komponenten im Bindegewebe zu eng gesteckt. Seiner Meinung nach sollten auch Gelenk- und Organkapseln, Sehnen, Bänder und alle lockeren Bindegewebsformen unter dem Oberbegriff Faszien geführt werden. Das allerdings geht einigen Medizinern zu weit. Sie sehen die Gefahr einer begrifflichen Verwässerung. Dennoch sind die Faszien in den Fokus der Fitnessgemeinschaft gerückt. Egal, ob Faszienyoga, -pilates oder -stretching: Es scheint geradezu einen Hype um die Bearbeitung dieser Gewebsstrukturen zu geben.

Diesen kann Professor Ingo Froböse nicht nachvollziehen. "Jeder gute Masseur und jeder gute Physiotherapeut hat schon immer auch an Faszien gearbeitet", betont der Sportwissenschaftler und Autor im Gespräch mit n-tv.de. Dabei nutzten sie vor allem ihre Hände und manchmal auch das gute alte Nudelholz, um den Körper "abzurollen".

Ab auf die Rolle

Schon lange werden Hartschaumrollen in Physiotherapien und Massagepraxen eingesetzt.
Schon lange werden Hartschaumrollen in Physiotherapien und Massagepraxen eingesetzt.(Foto: Finfit, wikipedia)

Das ist heute nicht mehr nötig, denn sogenannte Faszienrollen gibt es in jedem guten Sportgeschäft, im Internet und sogar im Angebot beim Discounter - in verschiedenen Farben, Ausführungen und Preisklassen. Die Rollen sollen bei einer bestimmten Art von Selbstmassage helfen, Verspannungen und Verklebungen zu lösen, Schmerzen zu lindern und die Dehnbarkeit von verhärtetem Gewebe zu lösen. Ob die Rollen halten, was die Hersteller versprechen, ist bisher wissenschaftlich nicht bewiesen.

Dennoch gibt es eine Reihe von Erfahrungsberichten, die auf die Wirksamkeit der Rollen schwören. Zudem wenden Spitzensportler die Rollen seit Jahren vor und nach dem Training an, um das Bindegewebe bei der Regeneration zu unterstützen und zu dehnen. Auch bei Muskelkater soll der Einsatz der Rollen hilfreich sein. Doch was genau passiert im Körper, wenn man solch eine Rolle benutzt?

Bei den meisten Übungen liegt die Rolle auf dem Boden und der Körper auf ihr. Meistens rollt man so über Rücken, Schenkel, Waden und Po. Ein Teil des eigenen Körpergewichts drückt auf das Gewebe, in dem sich eben auch die Faszien befinden. Der Druck sorgt dafür, dass Gewebestrukturen gegeneinander verschoben und dadurch besser versorgt werden. Die Anwendung kann zunächst schmerzhaft sein und sollte mit Vorsicht und wenn möglich unter fachkundiger Anleitung erfolgen, denn Faszien bestehen aus Kollagen und müssen deshalb ganz langsam gedehnt werden. "Wenn man zu schnell mit der Rolle arbeitet, dann können die Faszien einreißen und es kann erneut zu Schmerzen kommen", erklärt der Experte. Das führt zur nächsten Frage: Können Faszien Schmerzen auslösen?

"Tatsächlich enthalten die Faszien Nervenenden und Rezeptoren" ergänzt Sportwissenschaftler Froböse. Kommt es zu Rissen und Verklebungen, dann verfilzen sie allmählich. Entzündungsstoffe werden produziert. In diesem Fall können die Muskeln nicht mehr richtig arbeiten, Schmerzen entstehen. "Ein Großteil der Rückenschmerzen im unteren Bereich entsteht durch Verklebungen", so Froböse weiter.

Faszienrollen kann beweglicher machen

Faszien muss man nicht extra trainieren. Die Faszienrolle kann aber ein geeignetes Werkzeug für die Bekämpfung von Schmerzen durch Verspannungen und Verklebungen sein, bei denen das Bindegewebe einbezogen ist. Mit ihr und dem eigenen Körpergewicht massiert man nicht nur die Faszien, sondern auch die Haut und die Muskulatur. Vor allem für Bewegungsmuffel und Menschen, die viele Stunden am Tag sitzen, kann das Rollen eine geeignete und wenig aufwendige Methode sein, um Schmerzen zu bekämpfen und körperlich flexibel zu bleiben - und vielleicht auch ein Einstieg für einen artverwandten Kurs.

Faszientraining allein kann aber weder ein normales Training ersetzen noch ist es zum Muskelaufbau geeignet. Es soll vielmehr eine wohltuende Ergänzung sein, das bei regelmäßiger Anwendung - und im besten Falle - zur Erhöhung der Beweglichkeit führt. Menschen mit Lymph- oder Durchblutungsstörungen sollten vor der Anwendung einer Faszienrolle mit ihrem behandelndem Arzt sprechen. Zudem ist es ratsam, vor dem Kauf einer Faszienrolle, die es in verschiedenen Härtegraden und Oberflächenstrukturen gibt, diese selbst auszuprobieren - und die Tests zur Schadstoffbelastung zu studieren. Wem das zu aufwendig ist, der kann erst einmal das Nudelholz ausprobieren. 

Quelle: n-tv.de

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