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Billigreise im Selbstversuch Abenteuer Flixtrain - Hauptsache billig?

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Ist der Flixtrain die grüne Alternative zur Deutschen Bahn?

(Foto: Flixtrain)

Wer billig kauft, kauft zweimal, sagte die Oma und hatte mit Blick auf die Qualität nicht ganz unrecht. Denn genau die bleibt auch beim Flixtrain zum Teil auf der Strecke. Aber das stört angesichts der Preise nicht jeden, der mit dem grünen Zügen reist.

Wer als Fernreisender keine Möglichkeit hat, mit dem Auto zu fahren und Fliegen aus CO2-Gründen meidet, findet auf vielen Routen kaum Alternativen zur Deutschen Bahn. Doch genau die hat auf einigen Strecken mit Flixtrain Konkurrenz bekommen. Wie schon das Schwesterunternehmen Flixbus, versucht der Mobilitätsanbieter mit seinem noch jungen Schienenangebot vor allem mit günstigen Preisen zu locken. Doch ist billig auch gut? Die Fahrt auf der Route Köln - Hamburg, genauer gesagt auf einem Teilabschnitt, der bereits in Nienburg (Weser) endete, soll die Erkenntnis bringen.

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Die Flixtrain-Abteile haben schon bessere Zeiten gesehen.

(Foto: Mario Hommen)

Wer diesen Trip mit der Deutschen Bahn machen will, muss ohne Rabatte für ein Ticket Zweiter Klasse rund 90 Euro bezahlen. Bucht man mit Vorlauf, setzt eine Bahncard ein und greift vielleicht sogar ein Sparticket ab, geht das natürlich auch wesentlich günstiger. An Freitagnachmittagen sind die Aussichten auf ein solches Bahn-Schnäppchen allerdings meist vergebens. Bei Flixtrain ist die Sparoption hingegen fest im Tarifsystem verankert. Wie auch bei der DB können die Preise variieren - allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau. In Fall des Köln-Hamburg-Tickets lag das Angebot bei schmalen 17,99 Euro für einen Erwachsenen. Das Billet lässt sich sehr einfach online buchen, bezahlen kann man mit der Kreditkarte oder per Online-Zahldienst. Auch in einigen Supermärkten werden Flixbus/-train-Guthaben angeboten, die im Testfall zufällig noch mit einem Aktionsrabatt von 15 Prozent verknüpft waren. Das bedeutet eine zusätzlich Ersparnis von drei Euro. Die hätte man ruhig in eine Sitzplatzreservierung (3,49 Euro) investieren können, wie sich später zeigen sollte.

Reservieren lohnt sich

Doch unbedarft und mit einer gewissen Reservierungs-Aversion wird das maximal günstige Flixtrain-Abenteuer gebucht. Der Bahnsteig ist belebt, der Zug kommt pünktlich und sorgt bei seiner freitagnachmittäglichen Einfahrt in den Kölner Bahnhof für leicht hektisches Treiben. Sieht man von zwei Reservierungswaggons ab, besteht in den restlichen elf Wagen freie Wahl des Sitzplatzes. Der Run auf die freien Plätze beginnt natürlich schon vor dem Einsteigen, doch von Ellenbogenmentalität keine Spur.

Wie in einigen Internet-Kommentaren bereits zu lesen war, haben die Flixtrain-Züge schon bessere Tage gesehen. Gefunden wird ein Sitzplatz in einem betagten Schlafwaggon mit Sechserabteilen. Seinerzeit konnten hier theoretisch sechs Gäste liegen, die Klappbetten wurden jedoch für die Reise als Sitzbänke arrangiert. Der allgemeine Zustand des Abteils lässt sich wohl am besten mit verwohnt umschreiben. Das ist nicht wirklich schön, aber auch nicht abstoßend. Der ganze Zug besteht aus bunt zusammengewürfelten Waggons mit klassisch bestuhlten Sechserabteilen oder Waggons mit Klein- und Großabteilen. Aus ökologischer Sicht lässt sich das Flixtrain-Geschäftsprinzip mit den veralteten Waggons natürlich auch positiv interpretieren: Schließlich mussten hier keine neuen Züge gebaut werden. Dazu passend werden die grünen Züge nach Aussagen des Betreibers mit 100 Prozent Ökostrom betrieben.

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Defekte Toiletten machen die Reise im Flixtrain nicht angenehmer.

(Foto: Mario Hommen)

Bereits nach dem ersten Stopp in Düsseldorf ist das Abteil mit sechs Personen voll belegt. Platz ist genug, allerdings gibt es keine Armlehnen, man sitzt also zu dritt wie auf einer großen Bank ohne seitliche Barrieren und Stützmöglichkeiten. Der Altersdurchschnitt der Gäste ist niedrig. Es sind viele junge Menschen und Studenten an Bord, wenngleich letztlich alle Altersgruppen und auch Schichten vertreten sind. Anzugträger oder auffallend wohlhabende Personen, wie man sie gehäuft in Erste-Klasse-Abteilen der ICEs erleben kann, sind allerdings nicht vertreten. Erste Klasse? Gibt es bei Flixtrain nicht. Klar, mit diesem Zug fährt man vor allem, weil man günstig reisen will.

Kaum Toiletten, aber gutes WLAN

Flixtrain weist auf seiner Buchungsseite auf die Zusatzleistungen hin. Dazu gehören Stromanschlüsse, WLAN und Toiletten. Letztere waren allerdings zum Teil gesperrt, was den ohnehin nicht gerade gediegenen Reisekomfort noch einmal deutlich einschränkte. Die Toiletten, die zugänglich waren, ließen allerdings ein gehöriges Maß an Sauberkeit vermissen. Vorbildlich war hingegen die Stromversorgung für Smartphones und Notebooks. Selbst in dem alten Liegewagen gab es zwei neue 230-Volt-Steckdosen mit je zwei zusätzlichen USB-Anschlüssen. Auch das WLAN überraschte. Obgleich der Zug überbucht war, gab es keine wirklichen Engpässe beim Netzzugang.

Wer am Rechner arbeiten will, muss diesen auf den Schoss nehmen, denn zumindest der Schlafwagen bot keine Klapptische. Ein Restaurant gibt es ebenfalls nicht, dafür aber ein zum Bistro umfunktioniertes Abteil, das Snacks und Getränke verkauft. Vor allem das Bistro-Bier war an diesem Nachmittag gefragt. Ohnehin herrschte in einigen Bereichen des Zugs eine feucht-fröhliche Stimmung, mancherorts stapelten sich sogar die Kisten. Angesichts der Enge wird das nicht jedem Gast behagt haben. Atmosphärisch erinnerte die Fahrt an die wilden Schnäppchen-Zeiten der Guten-Abend-Tickets in den ICEs der Bahn. Doch nicht überall im Zug herrschte Enge und Partylaune. Vor allem die beiden vorderen Waggons, dort wo es ausschließlich reservierte Sitzplätze gibt, waren eine Oase der Ruhe. Der moderate Aufpreis für eine Reservierung kann sich also für Menschen, die in Ruhe reisen möchten, lohnen.

Wohltat Regio

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Was allerdings die Preise angeht, sind die Flixtrain-Angebote kaum zu schlagen.

(Foto: Flixtrain)

Dass im Flixtrain nicht immer Remmidemmi angesagt sein muss, bestätigte ein junger Mitreisender im Abteil, der nach eigenen Angaben alle zwei Wochen mit dem Bahnkonkurrenten zwischen Westdeutschland und Hamburg pendelt. Dieses Mal sei der Zug ungewöhnlich voll. Mit dem hingegen grundsätzlich abgerockten Zustand der Waggons könne er sich angesichts der extrem niedrigen Preise durchaus anfreunden. Nun gut, aber über die fast vier Stunden Reisezeit wurden die ergonomisch wenig vorteilhaften Sitzbetten dann doch zur echten Tortur.

Alternativ im Gang zu stehen, bereitete infolge der herrschenden Betriebsamkeit der Reisenden ebenfalls wenig Freude. Mit gut zehn Minuten Verspätung endete das Abenteuer dann in Nienburg. Glücklicherweise hatte auch der Anschlusszug ein wenig Verspätung. Flixtrain kocht in Sachen Pünktlichkeit wie die Bahn ebenfalls nur mit Wasser. Die anschließende Fahrt im Regional Express der DB Regio war angesichts der plötzlichen Ruhe und der schon nahezu schicken Inneneinrichtung eine echte Wohltat.

Quelle: ntv.de, Mario Hommen, sp-x