Auto

T-Roc Cabrio aus den 1990ern Biagini Passo - der VW, den keiner kannte

IMG_5083.JPG

Der wahrscheinlich größte Exot der VW-Geschichte war der Biagini Passo.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Vom Golf hat VW über die Jahrzehnte Millionen Fahrzeuge verkauft. Dennoch gibt es in der Erfolgsgeschichte des Bestsellers ein paar Exoten. Einer davon ist der Biagini Passo aus den 1990ern. Heute lebt die Idee in Form des T-Roc Cabrio gerade wieder auf.

IMG_5014.JPG

Genau genommen ist der Biagini Passo nichts anderes als die Vorwegnahme des T-Roc Cabrio.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Mit Trends haben die Spürnasen in der VW-Hochburg Wolfsburg so ihre Probleme, und mit kleinen Stückzahlen auch. Zudem ist die Volkswagenmaschine so gut geölt, dass sie in so hohen Taktzahlen läuft, dass es den Niedersachsen ein wenig an Experimentierfreude mangelt. Egal ob weiland beim Van oder später beim SUV, sie zählen immer zu den letzten, die auf einen Zug aufspringen. Und war der Volkswagendampfer doch mal vorne dabei, erlitt er in der Regel Schiffbruch.

Zum Beispiel beim Golf Country, der zwar im Grunde nichts anderes war als der T-Roc der 90er, für den sich damals aber niemand interessierte. Genauso wenig wie zum Beispiel für den Golf Pick-Up oder später für den Eos oder das Remake des Scirocco.

Der Exotischste unter den Exoten

IMG_5031.JPG

Das Innenleben des Biagini Passo haben die Italiener in Gänze vom Golf I übernommen.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Doch all diese vermeintlichen Flops und Sonderlinge sind noch Stückzahlkönige gegen den weißen Oldtimer, der heute aus der VW-Sammlung schnurrt – ein Biagini Passo. Nie gehört? Kein Wunder, denn der Umbau des italienischen Karosseriebauers ACM zählt so ziemlich zu den exotischsten Golf-Derivaten, die es in den letzten 40 Jahren auf die Straße geschafft haben.

Dabei wollten die Italiener doch eigentlich nur eine aussichtsreiche Lücke schließen, die VW selbst gelassen hat. Denn obwohl das Cabrio des Golf 1 als "Erdbeerkörbchen" zum Erfolgsmodell geworden ist, haben sich die Niedersachsen bei der zweiten Auflage gegen ein Open-Air-Modell entschieden. Weil südlich der Alpen das Wetter aber besser ist und die Italiener das "Dolce Vita" schätzen, haben sie das Cabrio eben in den Abruzzen gebaut und über ein paar ausgewählte VW-Händler sogar bei uns vertrieben. Dumm nur, dass sie dafür als Basis keinen normalen Golf gewählt haben. Weil sie zugleich an den Strand gedacht haben und Autos wie die Manx Buggys aus Kalifornien, den Mini Moke aus England oder den Citroen Mehari aus Frankreich im Sinn hatten, musste als Basismodell ein Golf Country samt Allradantrieb und erhöhter Bodenfreiheit herhalten.

IMG_5192.JPG

Die Rückleuchten des Biagini Passo stammen vom Opel Kadett.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Während man davon innen noch einiges erkennt, ist außen vieles neu oder zumindest anders – und nicht immer VW. Denn die Karosseriebleche haben die Italiener nicht vom zweiten, sondern vom ersten Golf stibitzt. Im selbst gestalteten Kühler funzeln die Scheinwerfer des Fiat Panda, der auch seine Blinker spenden musste. Und links und rechts des außen angeschlagenen Ersatzrades schaut man auf die Rückleuchten der Opel Kadett Limousine. Dazu ein massiver Rammschutz, der aussieht als käme er vom Klempner statt vom Karosseriebauer, ein wuchtiger Überrollbügel zwischen der ersten und der zweiten Sitzreihe und ein Verdeck aus der Abteilung Pfadfinder-Zelte – fertig war ein Cabrio für Beach und Berge.

Einzigartiges Fahrerlebnis

Das Fahrerlebnis ist so einzigartig wie das Auto: Hoch über dem Asphalt kauert man tief unten auf dem Bodenblech in eng ausgeschnittenen Recaros, schaut auf seit Jahren verwendete und millionenfach vertraute Instrumente, die trotzdem irgendwie fremd wirken, und sonnt sich nicht nur in der warmen April-Sonne über Niedersachsen, sondern auch in der ungeteilten Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer. Denn auch wenn niemand so recht weiß, was ihm da unter die Augen kommt, erkennt man den Biagini Passo doch als absoluten Exoten, der jedem anderen Youngtimer aus der VW-Garage die Schau stiehlt.

IMG_5176.JPG

Angetrieben wird der Biagini Passo von einem 1,8 Liter großen VW-Vierzylinder mit 98 PS.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Und Fahrspaß bietet der luftige Golf fürs Grobe obendrein: Denn auch wenn die 98 PS aus einem 1,8 Liter großen VW-Vierzylinder nicht mehr zeitgemäß klingen, ist der sonnige Senior damit flott unterwegs. Jedenfalls fühlt es sich so an, wenn schon jenseits von 80 km/h ein Orkan durch den Innenraum fegt, dem selbst die stärkste Dauerwelle nicht trotzen kann. Und wem es auf der Landstraße zu lahm wird, der biegt einfach auf einen Feldweg ab und fährt dorthin zum Sonnenbaden, wo die Käufer schnellerer und stärkerer Cabrios nur zu Fuß hinkommen.

Nur regnen darf es nicht. Denn erstens ist man längst durchgeweicht, bis das Verdeck mal aufgespannt ist. Und zweitens war es schon bei den Neuwagen nie richtig dicht, kann man in den Internetforen nachlesen – das dürfte bald 30 Jahre später kaum besser sein.

Keine Geschichte für die Ewigkeit

IMG_5071.JPG

Die Fahrt im Biagini Passo mag unvergesslich sein, seine Geschichte hingegen war nur kurz.

(Foto: Benjamin Bessinger)

Selbst wenn eine Fahrt unvergesslich ist und für die Ewigkeit in Erinnerung bleibt, währte die Geschichte des Biagini Passo nicht lange. Denn nur drei Jahre nach dem Start der Produktion schlitterte der Hersteller in die Pleite, und in Wolfsburg dachte man nicht im Traum daran, den Sonderling auf den eigenen Bändern in Serie zu fertigen.

Zwar sind die meisten Exemplare des Exoten mittlerweile dem Rostfraß zum Opfer gefallen, denn beim Korrosionsschutz haben die Italiener alle Vorurteile jener Zeit bedient. Doch so schräg der Biagini Passo gewesen sein mag, und so schnell der Sonderling auch wieder verschwunden ist: Die Idee hat sich offenbar gehalten und wird jetzt gerade wiederbelebt. Denn genau wie der Kübelwagen und der Buggy steht er als luftiger Geländewagen in jener Ahnenreihe, aus der gerade das T-Roc Cabrio hervorgegangen ist.

Und selbst wenn sich noch niemand traut, den Erfolg dieses ersten offenen SUV einer Volumenmarke präzise zu prognostizieren, hat er zumindest den Passo schon nach der ersten Schicht im Werk überholt. Denn von dem italienischen Exoten wurden keine 100 Exemplare gebaut.

Quelle: ntv.de, Benjamin Bessinger, sp-x