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Code für Individualisten Das BMW-Geheimnis der 719

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Die 719 ist für Motorrad-Individualisten die magische Zahl bei BMW.

(Foto: Holger Preiss)

Vielen Motorradfahrern reicht es nicht, bereits als Biker ein Individualist im Straßenverkehr zu sein, auch das Gefährt muss bis in die letzte Schraube Teil seiner Persönlichkeit werden. BMW hat dieses Ansinnen mit dem Code 719 getarnt und n-tv.de entschlüsselt ihn.

Wer will schon gerne Sachen von der Stange? Anders ist das neuzeitliche Besser. Das gilt nicht nur für die Kleidung, die man trägt, sondern auch für die Hülle, die das Smartphone schützt oder für die Möbel, die man sich in die Wohnung stellt. Warum sollte das also ausgerechnet bei Motorrädern anders sein? Noch dazu, wo Biker auf ihre Art die Individualisten des Straßenverkehrs sind. Nun können die natürlich mit ihrem Zweirad zum Customizer gehen und sich den Bock entsprechend ihrer Wünsche personalisieren lassen. Das wäre zweifelsohne die hohe Schule der Individualisierung.

Individualität ist gefragt

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Die filigranen Linien auf der Zylinderkopfhaube aus Aluminium machen schon was her.

(Foto: Holger Preiss)

Inzwischen haben aber auch die Hersteller mitbekommen, dass Käufer nicht nur ein Motorrad wollen, sondern ein Einzelstück. BMW zum Beispiel hat sein Customizing-Angebot als "Option 719" ins Programm genommen. Früher lief das Ganze schlicht unter der Bezeichnung "Sonderausstattungs-Programm". Doch bevor der Name ausgesprochen war, hatte der Kunde bereits vergessen, was er wollte. Nein, das ist Quatsch. Dennoch, der Name war sperrig und so kamen kluge Köpfe auf den Gedanken, den BMW-intern benutzten Code für die Dinge, die "von der Serie abweichen", eben die 719, zur "Option 719" zu machen.

Tatsächlich hat das Charme, ist ein bisschen geheimnisvoll und lässt sich auch noch in das Design der Sonderausstattungen integrieren. Man stelle sich nur vor, auf der individualisierten Zylinderabdeckung stünde Sonderausstattungs-Programm. Nicht auszudenken. Na gut, das ist ja nun allen Freunden der Individualisierung bei BMW erspart geblieben. Dafür haben die Bayern unterdessen eine ganze Kollektion an Veredelungen ins Programm genommen, die der Kunde bereits bestellen kann, bevor sein Bike das Motorradwerk in Berlin-Spandau verlässt.

Mit Leidenschaft fürs Detail

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Der Tank, der hier verbaut wird, ist eine der Sonderoptionen 719.

(Foto: Holger Preiss)

Doch das ist alles nur Kataloggerede. Mit welcher Akribie und Leidenschaft in Spandau gearbeitet wird, versteht man erst, wenn man das Werk in Berlin besucht. Und das gilt nicht nur für die Extras, die aus Carbon, Titan und Aluminium hergestellt werden. Nicht umsonst nennt BMW diese Teile High Performance Parts (HP Parts). Allein die Frästeile haben es in sich. Für eine Zylinderkopfhaube braucht es mehr als eine Stunde, bis die Maschine die filigranen Linien ins Aluminium geschnitzt hat. Wer jetzt aber glaubt, dass das ja keine Kunst wäre, der kann mal versuchen, einen Programmierer zu finden, der ein solches Programm schreibt, bei dem Start- und Endpunkt, an dem der Fräskopf ansetzt, nicht zu sehen sind. Gleiches gilt für die Handhebel und Fußrasten, die aus einem vollen Aluminium-Block geschält werden.

Klar, das sind Kleinigkeiten, die vielleicht nicht mal jedem Betrachter auffallen. Ändert aber nichts daran, dass jedes dieser Stücke in Spandau von den Arbeitern in der Produktion mit Glacéhandschuhen angefasst wird. Ist auch nur der kleinste Fehler an einem solchen Teil, wird es ausgetauscht. Einen ebensolchen Perfektionismus legt man bei den Speziallackierungen an den Tag. Eine schöne Geschichte gibt es hier für Entstehung der Vintage-Lackierung der R nineT. Als man einen solchen Look für das Bike entwarf, hatten die Designer die Idee, den Schriftzug auf dem Tank auftauchen zu lassen. Da der aber asymmetrisch ist, funktionierte das optisch nur auf einer Seite. Auf der anderen waren die Buchstaben völlig verzerrt.

Wie die 21 auf den Tank kam

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So entsteht der Vintage-Look der 21 auf dem Tank.

(Foto: BMW)

Irgendwann sagte jemand: "Last es uns doch mal mit einer 21 versuchen." Und tatsächlich passte die Zahl hervorragend auf beide Tankseiten ohne visuelle Verwerfungen. Ja und warum wurde es die 21? Weil es sich hier um den internen Modellcode der r nineT handelt: K21. Doch zurück zur Handarbeit. Um dem Lack diesen einzigartigen Vintage-Look zu geben, müssen, nach dem die Farblackierung aufgebracht wurde, per Hand mit einer Drahtbürste Teile des Lacks wieder abgekratzt werden. Da das bei keinem Tank gleich sein kann, ist jede R nineT in Blackstorm metallic/Vintage ein Unikat. Gleiches gilt im Übrigen für die neu Lackierung: Option 719 Marsrot metallic matt/Cosmicblue metallic matt. Wie war das noch mit zu langen Namen, bei denen man vergisst, was man will, während man sie ausspricht?

Na egal. Viel spannender ist, dass es sich hierbei um einen gebürsteten Aluminiumtank handelt. Und den kann nicht jeder schweißen. Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal für das Motorradwerk in Berlin- Spandau. Ebenso wie die insgesamt angesetzten Qualitätsstandards für jedes einzelne Bike. Dabei ist es völlig egal, ob eines der 800 pro Tag gebauten Bikes das Band mit oder ohne Individualisierungen verlässt. Denn vom Ein- bis zum Sechszylinder wird in Berlin alles gebaut. Ausgenommen sind die G 310 R und G 310 GS, die in Indien gefertigt werden und die Reihen-Zweizylindermotoren für die neuen 750er und 850er Modelle, die aus China kommen.

BMW holt das Stripen zurück

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Das Pinstriping ist eine echte Kunst, erfordert Talent und viel Übung.

(Foto: Holger Preiss)

Doch während man einen Teil der Produktion ausgelagert hat, hat sich die Option 719 etwas zurückgeholt. Seit 2017 gibt es nämlich wieder die sogenannte Serienlinierung. Dabei ist das Stripen eine uralte Kunst. Schon die alten Römer zierten mit feinen Linien ihre Streitwagen. Damals wie heute besteht die Kunst aber darin, dass diese Linien freihändig gezogen werden. Da gibt es kein Abkleben der Linie. Wenn Pascal seinen Pinsel mit Haaren vom Eichhörnchenschwanz in die Hand nimmt, dann zieht er einen akkuraten Strich. Selbst Rundungen halten ihn nicht auf. Anschließend kommt ein nur halb so breiter Strich daneben. Und? Wahnsinn, keine Breitenabweichung, keine Ansatz- oder Abrisskanten. Einfach ein Strich.

Und woran erkennt man nun, dass das nicht doch abgeklebt war? Wenn das so wäre, dann wäre eine scharfe, optisch etwas erhabene Kante zu sehen. Beim Hand-Strich läuft die am Rand ganz weich aus. Einfach schön. Und beeindruckend, denn das Pinstriping ist eine echte Kunst. Um die nach Berlin zurückzuholen, zog BMW los und fragte bei den Malern und Malerinnen in Porzellanmanufakturen nach, ob die nicht Lust hätten, statt des edlen Geschirrs lieber den Tank einer BMW zu verzieren. Unterdessen ist es so, dass die Pinstriper mindestens ein Jahr lang eingearbeitet werden, bis sie das Rüstzeug haben, eine BMW im Rahmen der 719 zu verzieren.

Rolls Royce lernt von den Spandauern

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Die handgezeichneten Linien auf der Seitenverkleidung einer BMW K 1600.

(Foto: Holger Preiss)

Ach und noch was: Inzwischen sind die Berliner Pinstriper so gut, dass sie im vergangenen Jahr ins englische Goodwood reisten, um dort die Mitarbeitern von Rolls Royce in die Geheimnisse dieser Pinselkunst einzuweihen. Irgendwie ist das auch nur konsequent, denn die platinfarbene Handlinie gibt es unter anderen auf speziellem Metallic-Lack einer K 1600 GT. Und irgendwie ist ja der Sechszylinder auch der Rolls Royce unter den BMW-Motorrädern. Allerdings fallen die exklusiven Malarbeiten per Hand und auf dem Aluminiumtank einer R nineT nicht in die Rubrik Schnäppchen. Für den Sechsender kostet es 1715 Euro. Die Tankverschönerung bei der Scrambler gibts für 1100 Euro. Wenn man allerdings mal zum Lackierer geht und eine ähnliche Farbgebung in Auftrag gibt, wird man Zahlen auf der Rechnung finden, die größer sind.

Quelle: n-tv.de

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