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Informationsflut Das digitale Universum wird mobil

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Entertain me: Das Multimediasystem thront über der Mittelkonsole.

Mit einer Fülle neuer Komfort- und Bediensysteme peilt der Audi A8 den Spitzenplatz unter den deutschen Oberklasse-Limousine an. Doch das Google-Mobil wirft Fragen auf: Wird Fahren bald zur Nebensache?

Noch ist von den Kunden Geduld gefragt, aber wenn der neue Audi A8 ausgeliefert wird, soll er "der neue Maßstab in seinem Segment" sein. So stellt sich das jedenfalls Peter Fromm vor, der bei Audi als Bereichsleiter Entwicklung Aufbau an dem neuen Topmodell der Marke mitgewirkt hat. Sein Chef, Rupert Stadler, holt noch weiter aus: "Der A 8 steht für alles, was wir bei Audi können. Unser Ziel war es, dem perfekten Automobil möglichst nahe zu kommen", sagt der Vorstandsvorsitzende.

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Die Bedienelemente für das Multimediasystem sind vor den Ganghebel gerutscht. Ob das wirklich ein günstiger Platz ist?

Wer die bis jetzt bekannten Daten des Fahrzeugs wertet, kommt an einer Kenntnis nicht vorbei: Die Reduzierung von Massen und Abmessungen, Rücknahme von Leistung oder Hubräumen, wie sie von vielen Herstellern aus Umweltgründen inzwischen mehr oder weniger konsequent betrieben wird, stand als Entwicklungsziel des A8 nicht an erster Stelle. Doch ausschließlich diese in Deutschland sehr verbreitete Bewertungs-Perspektive gelten zu lassen, wird dem Anspruch einer Oberklasse-Limousine nicht gerecht. Sie muss auch in China und den USA, in Südkorea, Russland und dem Mittleren Osten attraktiv sein, wo der Öko-Aspekt zum Teil eine unterordnete Rolle spielt.

Die globale Ausrichtung des Angebots ist nicht zuletzt an dem Motorenangebot abzulesen, mit dem der A8 in den Markt startet. Zwei Achtzylinder-Triebwerke, der Benziner mit 372 PS, der Diesel mit 350 PS. Feintuning am Motormanagement, geringerer Stromverbrauch verschiedener Aggregate sowie die Rückgewinnung von Bremsenergie lassen die beiden überarbeiteten Motoren im EU-Normtest besser aussehen als ihre gleichvolumigen Vorgänger – die Einsparungen betragen laut Audi zwischen 13 und 22 Prozent. Was der Modellwechsel des Spitzen-Audis noch nicht bringt, sind ein Hybrid oder eine Start-Stopp-Automatik. Das mag kritikwürdig erscheinen, andererseits aber auch einleuchtend, denn das Sparpotenzial beider Techniken erscheint für die angepeilte Kundenschicht als ein eher nachrangiger Anschaffungsgrund.

Innovation hauptsächlich beim Entertainment

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Neu ist das Touchpad, auf dem sich auch Buchstaben und Zahlen eingeben lassen.

Ebenso wie die Antriebsquellen, bieten auch Kraftübertragung und Fahrwerk keine wirklichen Sensationen. Die Achtstufen-Automatik von ZF wird in ähnlicher Form bereits von BWM im 7er verbaut, bei Audi lediglich für den Allradantrieb modifiziert. Luftfederung und aktives Hinterachsdifferenzial hat Audi selbst schon in die Serie eingeführt, allerdings bei kleinen Modellreihen. Voll-LED-Scheinwerfer, neu beim A8, gibt es schon beim Sportwagen R8. Den fürs Markenimage so wichtige "Vorsprung durch Technik" muss also anderswo verwirklicht sein. Das wird nirgendwo so deutlich wie zwischen den Vordersitzen, dort wo der Fahrer Navigation und Entertainment, Komfort und Kommunikation steuert.

Der Druck-Drehschalter für die Anwahl von Menüs und Einzelfunktionen wanderte vor den Gangwähler, der nun wie der Schubhebel einer Motoryacht gestaltet ist. In Fingerreichweite davor liegt eine wenige Zentimeter große berührungsempfindliche Fläche, die als wahre Innovation am A8 gelten kann: Das Touchpad, das mit dem Finger aufgemalte Zeichen- oder Zahlenbefehle für die Navigation oder die Zielwahl des Telefons umsetzt. Die Handschiftenerkennnung sei, so die Audi-Entwickler, bei Kundenbefragungen in den USA und China, aber auch in Deutschland, auf "große Zustimmung" gestoßen. Markentreue Kunden waren dabei ebenso interviewt worden wie die Fahrer von Jaguar, Lexus, Mercedes S-Klasse und 7er BMW. Wer sich schon einmal über die mühsame Buchstabenwahl auf dem Monitor-Drehkranz der bisherigen A8-Technik geärgert hat, kann dieses Befragungs-Ergebnis leicht nachvollziehen.

Weniger Ablenkung?

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Auf den hinteren Plätzen können sich die Passagiere ganz und gar berieseln lassen.

Das Touchpad wurde inklusive der Elemente für die bekannte MMI-Steuerung vor den Ganghebel verlegt, um die Blindbedienung zu erleichtern. Wer zur Kontrolle einen Blick auf die Tasten oder den Drehschalter riskieren will, findet das Gesuchte leichter am Rande des Gesichtsfelds und muss nicht erst den Kopf in Richtung Mittelkonsole neigen. Das neue System führe nachweisbar zu kürzeren Blickabwendungszeiten wie zum Beispiel die herkömmliche Touchscreen, so Audi-Ingenieur Dr. Werner Hamberger, und bedeute deshalb einen zusätzlichen Sicherheitsgewinn.

Während die Hand also entspannt auf dem Knauf des Schubhebels legt, der Finger Zeichenbefehle malt und das System das Erkannte hörbar quittiert, öffnet sich auf dem ausklappbaren Monitor im Zentrum des geschwungenen Armaturenbretts ein ganzes Universum von Funktionen. Neben den fahrspezifischen Einstellungen der Dämpfer oder der Sitzpolster, der Klimazonen und der Musikauswahl bringt aber bereits die erweiterte Navigation die Versuchung mit sich, mit den Augen länger auf dem Bildschirm als auf der Fahrbahn zu bleiben.

Reizüberflutung

Nicht nur, dass mobiles Internet und die Anbindung an Google ein wunderbar genaues Abbild der Wirklichkeit auf den Monitor zaubert, auch die Hinterlegung mit Nachrichten, reiseführerähnlichen Zielinformationen oder Wetterdaten schüttet ein Füllhorn an Informationen über den Bediener aus, dass es strenge Selbstdisziplin erfordert, nicht ganz in die digitale Inszenierung einzutauchen. Während zwar in lobenswerter Eigenverpflichtung und "aus Sicherheitsgründen" der TV-Empfang gesperrt ist, während das Fahrzeug rollt, bleiben Google-Earth-Fotos ebenso verfügbar, wie die CD-Cover der Mediathek, die durch Blättern die Musikauswahl erleichtern sollen. Ein geteilter Bildschirm, der etwa Navigations-Informationen Richtung Fahrer abbildet, während der Beifahrer im Internet surft, ist herstellerseitig nicht vorgesehen. So ist eine Arbeitsteilung hinsichtlich der Bewältigung der Informationsflut unmöglich.

Audi hat mit großer Sorgfalt Warn- und Assistenzsysteme entwickelt, die Aufmerksamkeitsdefizite ausgleichen, Abstände automatisch regeln, vor Kollisionen warnen, die Blickabwendungszeiten verkürzen und per Wärmebild schemenhafte Hindernisse klar sichtbar machen können. Doch diese Entwicklungs-Erfolge können leicht durch Reizüberflutung konterkariert werden, die von Entertainmentsystemen ausgeht. Aufmerksamkeit scheint angesagt, damit der Fortschritt durch Technik nicht unversehens die Richtung ändert und zum Rückschritt wird.

Quelle: ntv.de