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50 Jahre Mercedes SL R107 Der Star aus "Hart aber herzlich"

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Der Mercedes SL der Baureihe R107 war seinerzeit für viele ein echtes Traumauto.

(Foto: Mercedes)

Mit der dritten Generation des SL baut Mercedes ab 1971 einen der erfolgreichsten Roadster. Dieses Jahr wird der R107 50 Jahre alt. Zeit für eine Hommage.

Welcher Teenager der 1980er-Jahre kennt dieses Intro nicht? "Das ist mein Boss. Jonathan Hart. Ein Selfmade-Millionär. Der hat Nerven. Das ist Mrs. Hart. Eine traumhafte Frau. Einfach toll. Übrigens, ich heiße Max. Ich kümmere mich um die beiden. Und das ist gar nicht so einfach. Denn ihr Hobby ist mörderisch."

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Auch in der Fernsehserie "Hart aber herzlich" spielte der SL (nicht im Bild) lange eine Rolle.

(Foto: Youtube)

"Hart aber herzlich" ist eine Serie des US-amerikanischen Senders ABC, die ab 1979 mit insgesamt 110 Folgen á 47 Minuten ausgestrahlt wurde. Ab 1983 zeigte sie die ARD als wöchentliche Vorabendserie - und die wurde direkt zum Straßenfeger. Noch bis 2009 wurden im deutschen Fernsehen Wiederholungen gezeigt. Jede spannend, auch beim zweiten oder dritten Mal anschauen. Neben den Hauptdarstellern Stefanie Powers, Robert Wagner und Lionel Stander sind es vor allem die Autos, die den meist jugendlichen Zuschauern imponieren: Aston Martin V8 Volante Cabrio, Bentley S3, Rolls-Royce Corniche Convertible, Ferrari Dino 246 GTS, Mercedes W123 T-Modell und ein SL der Baureihe R107. Anfangs ein 450 SL, später ein 380 SL, beide in Gelb.

Es gibt zu der Zeit nur wenige Vorabendserien aus den USA, in der solch spannende europäische Autos vorkommen. Jennifer und Jonathan Hart verfolgen mit dem offenen Mercedes Verbrecher oder versuchen diesen zu entkommen. Der R107 wird der heimliche Star der Fernsehserie. Noch heute kann man 40- bis 50-Jährigen den R107 als "Jennifer-Hart-SL" oder "Hart-aber-herzlich-SL" erklären.

Zur richtigen Zeit im richtigen Film

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In Hollywood gehört der R107 schon fast zum guten Ton.

(Foto: Mercedes)

Mit dem R107 greifen die Produzenten der Serie auf ein in den USA sehr beliebtes Modell zurück. Der Roadster kommt 1971 erstmals auf den Markt und löst die SL Pagode (W113) ab. Kein anderes Modell dieser Zeit bietet eine ähnliche Kombination an Sportlichkeit, Eleganz, Leichtigkeit und Hochwertigkeit. Kein Porsche 911, 928 oder 6er BMW. Insgesamt 18 Jahre lang bleibt der R107 der Traumwagen mit dem Stern. Zu Beginn kostet der 350 SL 30.000 Mark. Zum Vergleich: Ein VW 1200 Käfer kostet ab August 1971 exakt 5045 Mark. Am Ende der Produktion zahlen Kunden für einen 300 SL 75.200 Mark und für einen 500 SL 100.900 Mark

Unter der langen Haube kommen Reihensechszylinder und V8-Motoren zum Einsatz. Vier Sicken darauf, vorne flachliegende Breitband-Scheinwerfer und ein schmaler Kühlergrill. Was für eine dominante Front. Dazu ein kantiges Heck mit breiten Rückleuchten. Mit dem R107 verlässt Mercedes das Filigrane des Vorgängers "Pagode" und baut ein modernes Auto. Statt verchromter Schalter und Hebel verzichtet das neue Modell auf Prunk und Schmuck. Innen bespannt Mercedes Armaturenbrett, Lenkrad und Türgriffe mit geschmeidigem Kunststoff. Es ist ein Schritt vom Barock zum Zweckform-Design, ein Bruch mit Traditionen - und gleichzeitig Vorbote einer neuen Designsprache für künftige Modelle. Eine, die Jahrzehnte das Straßenbild prägen wird. Parallel zum offenen SL verkauft Mercedes übrigens das Coupé SLC mit 36 Zentimeter längerem Radstand.

Das Sicherheits-Cabriolet

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Hochmodern zeigte sich der R107 auch bei der Sicherheitsausstattung.

(Foto: Mercedes)

Mercedes preist den SL als Sicherheits-Cabrio an. Viele Details sind damals tatsächlich neu: Ein Vierspeichen-Lenkrad mit umschäumten Pralltopf zieht sich bei einem Zusammenstoß dank Teleskop-Lenksäule ins Armaturenbrett zurück. Das besitzt erstmals eine eigene Knautschzone. Beim Cabrio ohne Bügel sollen der besonders feste Windschutzscheibenrahmen und stabilere A-Säulen Insassen bei einem Überschlag schützen. Dazu kommen Intervall-Wischer, Außenspiegel, die unter Berührung abknicken, Türgriffe ohne Druckknopf, Scheinwerfer-Wischanlage und Scheinwerfer mit H4-Lampen.

Die erste Birne mit Halogentechnik für Abblend- und Fernlicht verdoppelt die Sichtweite. Die geriffelten Heckleuchten lässt sich Mercedes sogar patentieren, weil sie Verschmutzungen minimieren sollen. Optional gibt es Sitzheizung, elektrische Fensterheber, Klimaanlage und Funktelefon, ab 1980 ABS und ab 1982 Fahrer-Airbag. Im Handschuhfach liegt für Notfälle eine aufladbare Taschenlampe bereit - nicht nur für Jennifer und Jonathan Hart von Vorteil.

Mit neuem V8 noch attraktiver

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Neu entwickelte V8-Motoren, die keine Kostverächter waren, treiben die SL-Modelle an.

(Foto: Mercedes)

Mehr Prestige und mehr Komfort. Dazu: neu entwickelte V8-Motoren mit 3,5 und später 4,5 Litern Hubraum (die aber schon vorher im W109 und W111 Einzug finden). Zur Premiere des 4,39 Meter langen Roadster stellt Mercedes-Benz erstmals beim SL überhaupt V8-Motoren vor, zunächst den 350 SL mit 200 PS. Damit beschleunigt der 350er mit Automatik in zehn Sekunden auf 100 km/h, fährt bis zu 210 km/h schnell. Allerdings genehmigt sich der Antrieb über 100 Kilometer auch locker 20 Liter Sprit.

Zwei Jahre später folgt der 450 SL mit 225 PS. In den USA heißt der V8 anfangs 350 SL 4.5. Der ideale Antrieb für Jennifer und Jonathan Hart. Denn der V8 bietet mit seinem großen Drehmoment ausreichend Kraftreserven für jedes Abenteuer. Der hohe Verbrauch von über 20 Litern kann den Selfmade-Millionär kaum stören.

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Im Jahr 1980 kommt das vorläufige Spitzenmodell in Form des 500 SL auf den Markt.

(Foto: Mercedes)

Im Juli 1974 ergänzt der Sechszylinder 280 SL mit 185 PS die Baureihe, der sparsamer und laufruhiger als der 350er arbeitet. 1980 folgt das vorläufige Spitzenmodell 500 SL mit 240 PS, der 380 SL mit 218 PS löst den durstigen 350 SL ab. Erstmals seit dem Flügeltürer gibt es ab 1985 wieder einen 300 SL mit 188 PS, der den 280er ersetzt. Ein 420er mit 218 PS ergänzt zudem das Programm und alle Motoren erhalten einen Katalysator. Für den Export bohrt Mercedes den V8 auf und verkauft den 560 SL mit 230 PS und 5,6 Liter Hubraum sowie Katalysator. Mehr geht bei einem Roadster nicht.

Frauen fliegen auf den SL

Was heute noch verwundert: Wie satt und hochwertig die Türen ins Schloss fallen, wie angenehm der V8 im Stand knistert und säuselt. Aber auch: Trotz der Länge von 4,39 Metern und einer Breite von 1,79 Meter bietet der SL im Innenraum verhältnismäßig wenig Platz. Das große Lenkrad liegt gefühlt zwischen den Beinen, die Hebel wuchtig im Armaturenbrett, der linke Arm liegt eng an der Fahrertür. Ausreichend Polsterung bieten die Sitze, dafür wenig Seitenhalt. Hintere Notsitze für Kinder kosten Extra, das abnehmbare Pagoden-Hardtop erbt der R107 von seinem Vorgänger.

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Vor allem bei Frauen erfreut sich der R107 zunehmender Beliebtheit.

(Foto: Mercedes)

Trotz damals moderner Schräglenker-Pendel-Hinterachse, Doppelquerlenker-Vorderachse und Verstärkungen an der Karosserie fährt sich der R107 schwammig. Enge Kurven quittiert der offene Reisewagen mit üppiger Schräglage, die Lenkung verlangt häufige Korrekturen und je nach Antrieb schaltet die Automatik ruppig. Sportliche Fahrweise liegt dem SL daher nicht, auch wenn die Harts damit gerne auf Verfolgungsjagden gehen. Vielmehr lädt der Roadster zum Cruisen ein: Dach mittels zwei Hebel mechanisch öffnen, nach hinten klappen, sauber unter einer Abdeckung verstauen und den säuselnden Motoren und dem Wind zuhören.

237.287 Roadster verkauft Mercedes vom R107 bis 1989, dazu kommen 62.888 Coupés (bis 1981), über 80 Prozent gehen vom 107 in den Export. Gut gepflegte Fahrzeuge mit der Zustandsnote 2 kosten heute mindestens 30.000 Euro. Der Anteil der Käuferinnen ist sehr hoch, nicht zuletzt dank Jennifer Hart, obwohl Mercedes den SL als "schön, schnell und männlich" bewarb. Die löst mit ihrem Mann Jonathan von 1993 bis 1996 in acht neuen Folgen weitere Kriminalfälle. Allerdings fehlt der R107. Kein Wunder. Seit 1989 baut Mercedes den Nachfolger R129. Ebenfalls ein elegantes Cabrio, doch kein Star einer Krimiserie.

Quelle: ntv.de