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Spektakulärer geht's nicht Grand Prix in Macau - Stadt auf Speed

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Ein kleiner Fehler kann in Macau sehr, sehr große Folgen haben

Gegen die Rennen auf dem Stadtkurs in Macau ist selbst die Formel 1 in Monaco nur ein besserer Kindergeburtstag. Spektakulärer als im Las Vegas des Ostens kann man Motorsport kaum inszenieren. Das wissen auch die 50.000 Zuschauer.

Der Mann hat zweimal die 24 Stunden von Le Mans gewonnen und die Grüne Hölle des Nürburgrings bezwungen. Doch wenn es eine Strecke gibt, die Rennfahrer Earl Bamber Respekt abringt und ihm zugleich ein Grinsen bis über beide Ohren ins Gesicht treibt, dann ist es der Stadtkurs in Macau: Einmal im Jahr steckt die FIA in dem Spielerparadies eine Fährstunde von Hongkong entfernt einen Kurs ab, wie es ihn nirgends sonst gibt.

Kurven wie die Melco-Hairpin

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Für die Fahrer sind die 6,115 Kilometer mit den 19 Kurven Nervenkitzel pur.

6,115 Kilometer geht es auf dem so genannten Guia Circuit durch die Häuserschluchten im Las Vegas des Ostens, mit Kurven, die wie die Melco-Hairpin so eng und so langsam sind, dass dort dauerhaft Überholverbot gilt und sie es mit ihren maximal 50 km/h als langsamste Rennstreckenkurve weltweit in die Annalen geschafft hat. Gleichzeitig gibt es aber auch Geraden, auf denen man trotzdem 240 Sachen erreicht, es geht auf und ab wie bei einer Berg- und Talbahn und es gibt auf dem bisweilen gerade mal sieben Meter breiten Kurs Streckenabschnitte, die von so hohen und so nahen Mauern gesäumt sind, dass man sich fühlt wir auf einer Bobbahn. "Ein kleiner Fehler kann hier sehr, sehr große Folgen haben", sagt Bamber. Aber der Neuseeländer klingt dabei nicht nach Angst, sondern nach Vorfreude und Nervenkitzel, zwei Stunden bevor er im Porsche 911 GT3 R um den Sieg im GT World Cup ringen wird.

Aber Bamber hat auch gut Lachen. Erstens kennt er die Strecke ganz gut, obwohl man hier, anders als auf festen Rennstrecken, nicht trainieren kann und die halbe Stunde fürs Qualifying der einzige Testlauf im Jahr ist. Und zweitens kann er die Startnummer 912 jetzt tatsächlich durch die Häuserschluchten treiben, während sein Team-Kollege Laurens Vanthoor einen freien Sonntag hat. Denn er musste beim Qualifying die ganze Grausamkeit des Gran Premio de Macau erfahren: Nur einen Augenblick lang wurde er von einem Mercedes-AMG GT touchiert und schon krachte er mit seinem Halb-Millionen-Renner so in die Mauer, dass das Wochenende für ihn gelaufen war, bevor es so richtig angefangen hatte.

Die wahren Helden sind die Biker

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Die Fahrer sind Stars in Macau.

Zwar ist es mehr als eindrucksvoll, wie sich Bamber mit seinem 510-PS-Porsche, der in Rot und Gold foliert ist und an das chinesische Jahr des Hundes erinnern soll, von den Fans aber gleich "Iron Man" getauft wurde, ins Getümmel stürzt. Wie er im Blindflug durch Kurven schießt und wie er auch dort zu überholen versucht, wo es eigentlich keinen Platz für zwei Autos nebeneinander gibt. Doch die wahren Helden von Macau sind die Motorradfahrer. Während Bamber allenfalls ein paar Kampfspuren an seinen extrabreiten Kotflügeln davon trägt, sind die Kratzer bei ihnen am Helm. Denn wenn man in Macau als Biker gewinnen will, dann muss man volles Risiko und eine ganz besonders enge Linie fahren. So eng, dass man sich in maximaler Schräglage buchstäblich an die Betonmauern anlehnt – nie hat der Begriff "die Kurve kratzen" besser gepasst.

Für die Fahrer sind die 6,115 Kilometer mit den 19 Kurven Nervenkitzel pur und Bamber ist nach 18 Runden und etwa 45 Minuten mindestens so kaputt wie nach einer Schicht am Steuer in Le Mans. Doch auch für die Teams ist der Grand Prix von Macau eine besondere Herausforderung. Weil an dem Wochenende ein halbes Dutzend unterschiedliche Serien ausgetragen werden und mehrere hundert Fahrzeuge auf die Strecke gehen, es aber bis auf die Haupttribüne keine dauerhafte Infrastruktur gibt, müssen die Veranstalter seit mehr als 60 Jahren improvisieren und die Teams gleich mit. Die Boxen sind kleiner als üblich, so dass sich die zwei Dutzend Mitarbeiter der Porsche Crew, die sich um zwei Werks- und zwei Kundenautos kümmern, permanent auf den Füßen stehen. Und das Fahrerlager der Tourenwagen wurde sogar in die Tiefgarage des Fährterminals verbannt. Ohne Frischluft und Tageslicht fristen dort mehr als 100 Mechaniker buchstäblich ein Schattendasein und tun alles dafür, dass die Audi A3 und VW Golf, Honda Civic und Hyundai i30N bereit sind, Höchstleistungen zu bringen.

Eine spektakuläre Zeit

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Mehr als 50.000 Zuschauer verfolgen das Spektakel in Macau.

Während die Mechaniker schwitzen und die Fahrer flitzen, haben die rund 50.000 Gäste auf den Tribünen und die Hundertschaften, die sich auf jedem Hotel-Balkon und Casino-Dach breitmachen, einfach nur eine großartige Zeit. Spektakuläre Schikanen, halsbrecherische Überholmanöver und immer mal wieder ein Crash, dazu relativ ungehinderter Zugang zu Boxen und Starting Grid – beim Autorennen in Macao bekommen die Zuschauer mehr geboten als überall sonst auf der Welt.

Und sie danken es dem Rennzirkus mit einer Begeisterung, die kaum Grenzen kennt. Die Boxengasse ist ihre Flaniermeile, die Speicherkarten laufen vor lauter Selfies über und die Fahrer kommen mit dem Autogramme-Schreiben kaum hinterher. Und das ist nicht nur tagsüber so, wenn das Rennen läuft und der Spielbetrieb in den Casinos ausnahmsweise mal zur Nebensache wird, so dass sich die Croupiers an den Tischen gelangweilt die Nägel machen oder Vokabeln lernen.

Wenn die Motoren schweigen geht es weiter

Es geht selbst dann weiter, wenn die Motoren endlich still sind, Macao wieder glitzert wie Las Vegas am anderen Ende der Welt und sich die Roulette-Räder wieder schneller drehen als die Turbo-Motoren. Auch davon kann Bamber ein Lied singen. Denn als er für ein Fotoshooting spät abends durch die Altstadt zieht, kommt sein Fotograf kaum zum Schuss, weil er ständig von Fans umgeben ist, die selbst Fotos machen wollen "Das würde einem in Deutschland oder Amerika so nie passieren", sagt der charismatische PS-Profi: "Die Fans hier sind einfach genauso verrückt wie das ganze Renn-Wochenende."

Die Fans können in Macau aber nicht nur ihren Idolen huldigen und ein Wochenende lang den Duft von verbranntem Gummi, heißem Motoröl und unverbranntem Benzin genießen. Sondern anders als überall sonst können sie die Erfahrung mit den PS-Profis sogar unmittelbar teilen. Denn nur wenige Minuten, nachdem der letzte Rennwagen wieder in der Box ist, öffnen die Marschalls die Absperrungen und der Circuito da Guia gehört ist wieder ein ganz normaler Ring von Stadtstraßen. Dumm nur, dass dort nach wenigen Minuten auch wieder der ganz normale Verkehr herrscht und selbst Bamber nur im Schritttempo zurück ins Hotel kommt.

Quelle: n-tv.de, sp-x

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