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Sie ist so italienisch Lambretta V200 Special - eine Vespa-Jägerin

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Die V200 Special ist technisch modern, knüpft optisch aber an die Lambretta-Modelle der 50er- und 60er-Jahre an.

(Foto: RKM)

Der Motor für die Lambretta V200 kommt aus Taiwan, gezeichnet und gebaut wurde sie in Österreich und dennoch ist der Motorroller so italienisch, wie es sonst nur eine Vespa sein kann. Und die muss sich schon mal warm anziehen.

Sofern es einen natürlichen Gegner für die Vespa gibt, heißt dieser Lambretta. Die "andere" italienische Kultmarke machte der Vespa schon in deren Anfangszeit das Leben schwer: 1945 hatte man beim italienischen Unternehmen Innocenti die Entwicklung eines Motorrollers angeschoben, mit einem Markennamen, der den Standort des Unternehmens im Mailänder Ortsteil Lambrate aufnehmen sollte.

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Auf formschönen Mehrspeichen-Felgen im 12-Zoll-Format umrundet die Lambretta sämtliche Hindernisse.

(Foto: RKM)

Schnell nahm das Geschäft Schwung auf, in den 50er- und 60er-Jahren machte sich die Lambretta einen Namen als Jugendsymbol und Ausdruck von Unabhängigkeit und Individualismus. Mehr als vier Millionen Exemplare liefen vom Band.

Doch mit der Herrlichkeit war es Ende der 60er-Jahre vorbei, 1971 wurde die Fertigung eingestellt. Zwar geriet der Name nie in Vergessenheit, doch die vielen Wiederbelebungsversuche der Kultmarke waren allesamt nicht von Erfolg gekrönt. Bis das in Krems an der Donau beheimatete Zweirad-Unternehmen KSR den Inhaber der Namensrechte davon überzeugen konnte, gemeinsam und unter Mithilfe des Lambretta-Pabstes Vittorio Tessera die Marke mit einem spektakulären Revival auf der EICMA 2017 wieder aus der Taufe zu heben - deshalb kommt die neue Lambretta V200 Special nun aus Österreich.

Neuinterpretation mit Retro-Touch

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Die "Fix Fender" genannte Konstruktion mit rahmenfestem Kotflügel ist genauso ein Lambretta-Erkennungsmerkmal wie die dünne Sportsitzbank.

(Foto: RKM)

Für die zeitgenössische Neuinterpretation der Originalvorlage zeichnen die österreichischen Fahrzeugdesigner von Kiska in Salzburg verantwortlich. Die bewahrt typische Merkmale wie die Hupe überm Kotflügel und das Innocenti-Logo unterm eckigen Scheinwerfer, auch die flächigen Seitenverkleidungen und das steil abfallende Heck sind geblieben. Ins traditionelle Design ist jedoch Technik von heute eingebettet, etwa wie LED-Beleuchtung rundum. Als Rückgrat fungiert ein Semi-Monocoque-Stahlrohrrahmen, der die Verkleidungsteile aus Kunststoff trägt. Zahllose Kohlefaserteile aus dem Zubehör werten eine V200 auf und schaffen einen Kontrast zum typischen Lambretta-Orange.

Die "Fix Fender" genannte Konstruktion mit rahmenfestem Kotflügel ist genauso ein Lambretta-Erkennungsmerkmal wie die dünne Sportsitzbank. Auf dieser ergibt sich eine sehr natürliche, entspannte Haltung mit lässigem Griff an den Lenker. Auf Dauer verursacht die knappe Polsterung jedoch etwas Gesäßpein. Mit aufrechtem Oberkörper, entspannten Kniewinkeln und reichlich Platz auf dem flachen Trittbrett genießt der Lambretta-Pilot einen guten Überblick und Fahrzeugkontrolle. Nur der Blick auf das LCD-Instrument bietet zumindest bei Sonnenschein zu wenig Kontrast, der darüber angeordnete Analogtacho liegt ohnehin nicht im Blickfeld.

Keine Gefahr für Temposünder

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Das Innocenti-Logo unterm eckigen Scheinwerfer darf bei einer Lambretta nicht fehlen.

(Foto: RKM)

Große Gefahr, Speedlimits reihenweise zu übertreten, besteht allerdings nicht. Das liegt am zurückhaltenden Antritt des luftgekühlten Zweiventilers, den der taiwanische Motorenhersteller Sanyang beisteuert. Aus echten 169 Kubik Hubraum holt er gerade mal 12 PS - dennoch braucht man für die V200 den großen Motorradführerschein. Zum Anfahren verlangt er nach ordentlich Drehzahl, dann setzt sich die Lambretta behäbig, aber sehr gleichmäßig in Bewegung bis in Regionen von rund 80 km/h. Danach brauchts noch ein Weilchen bis zur Endgeschwindigkeit von rund 100 km/h. In allen Temporegionen untermalt der Remus-Endtopf das Ganze mit einem sonoren Klangteppich, kräftig genug, aber ohne die Umwelt zu verärgern.

So flüssig die Lambretta über Landstraßen surft, so spielerisch kurvt sie durch die Stadt und sorgt für beste Unterhaltung. Auf formschönen Mehrspeichen-Felgen im 12-Zoll-Format umrundet sie sämtliche Hindernisse im Handumdrehen. Dabei hält sie präzise die Spur und bleibt in ihrem Fahrverhalten neutral.

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An allen möglichen Ecken und Enden erinnern Lambretta-Logos daran, auf welchem fahrbaren Untersatz man unterwegs ist.

(Foto: RKM)

Das verdankt sie nicht zuletzt der recht straffen Fahrwerksauslegung, die gelegentlich als unkomfortabel wahrgenommen wird. Asphaltversatzstücke landen schon mal trocken bei der Besatzung, dafür neigt das Heck nicht zum Nachwippen über Bodenwellen. Diese Auslegung hilft den nur vorn mit ABS bewehrten Bremsen zu einer ordentlichen Verzögerung, obwohl das entsprechende Gefühl gerade fürs Vorderrad nicht sehr klar ausgeprägt ist.

Gutes Material, gute Verarbeitung

Nichts auszusetzen gibt es an der Verarbeitung und der Materialgüte, selbst sämtliche Zubehörteile fügen sich passgenau und sauber ein. Etwas unterdimensioniert fallen die Schalter und Knöpfe an den Lenkerenden aus, die sich mit dicken Handschuhen nicht gut bedienen lassen. Ins Fach unter der vom Zündschloss aus bedienbaren Sitzbank passt zwar ein Demijet-Helm von der Breite gut hinein, allerdings lässt sich die Sitzbank dann nicht mehr verschließen.

Rund 3600 Euro Verkaufspreis zeugen vom Selbstbewusstsein der Lambretta-Macher, die zur eigenständigen Farbgebung und traditionellen Linie an allen möglichen Ecken und Enden und sogar auf dem sechseckigen Scheinwerfer mit dem Lambretta-Logo daran erinnern, auf welchem fahrbaren Untersatz man unterwegs ist. Eigentlich überflüssig: Denn wer außer Lambretta wäre der legitime Herausforderer einer Vespa?

Quelle: ntv.de, Thilo Kozik, sp-x