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Nicht schnell, aber spektakulär Mit Rallye-Legende durch Eis und Schnee

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Walter Röhrl gibt Tipps für die richtige Drift.

(Foto: Hans-Dieter Seufert)

Manche wollen es um jeden Preis verhindern, andere unbedingt herbeiführen: Quer zur anvisierten Fahrtrichtung in die Kehre schlittern. In einem Porsche kann das besonders vergnüglich sein, vorausgesetzt, man beherrscht die Drift. Mit prominenter Hilfe geht’s einfacher.

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Die pure Theorie von Walter Röhrl vermittelt ist das eine, die praktische Fahrt auf dem Eis das andere.

(Foto: Hans-Dieter Seufert)

"Der Walter" ist verschnupft. Doch er ist nicht nur für seine Fahrkünste, sondern auch für seine Selbstdisziplin bekannt. Walter Röhrl tritt mit geröteten Augen und verstopfter Nase vor seine Zuhörer. Dem "Rennfahrer des Jahrhunderts" ist es wichtig, seine persönlichen Erfahrungen und Praxis-Tipps ungefiltert weiter zu geben. Seit 25 Jahren arbeitet er für Porsche, ist in Fahrevents ebenso eingebunden wie in die Entwicklung neuer Modelle. "Wir wollen nicht schnell fahren", erklärt Ex-Weltmeister zur das Lernziel, "wir wollen spektakulär fahren". Was damit gemeint ist, kennen die meisten nur aus dem Fernsehen. Das Auto rutscht im 45-Grad-Winkel zur gewünschten Richtung, gleichzeitig geschmeidig und ohne Verlust der Fahrzeugbeherrschung.

Für manche Teilnehmer ist es das erste Mal, dass sie auf einer präparierten Piste aus Schnee und Eis unterwegs sind, auf der weiße Böschungen und rot gestreifte Pylonen den Weg markieren. Dass sie für die erwartete Rutschpartie nigelnagelneue Sportwagen aus Zuffenhausen benutzen sollen, nur vereinzelt unter 100.000 Euro teuer, macht die Sache nicht einfacher. Entsprechend groß ist der Respekt, als der Instruktor die ersten Kommandos durch die Walkie-Talkies schickt.

Die Physik hat immer die Oberhand

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Wenn der Schnee am Heck spritzt, steht der Wagen für die Drift nicht verkehrt.

(Foto: Hans-Dieter Seufert)

"Drauf, drauf, drauf, drauf", bellt Reini Sampl ins Funkgerät. Er meint das Gaspedal, denn die ersten Versuche einer gestellten Ausweichsituation – scharf anbremsen, einlenken und geschickt die Pylonen umrunden – gehen ihm noch zu verhalten vonstatten. Langsam tastet sich jeder heran, und muss mitunter feststellen, dass schon fünf Stundenkilometer Unterschied über Erfolg und Scheitern entscheiden können. "Auch ein Profi kann die Physik nicht außer Kraft setzen", weiß Walter Röhrl, und Amateure tun sich mit dem Erkennen der Grenzen noch schwerer.

Wichtige Parameter, die in der Balance zu halten sind, werden von Einschlagwinkel des Lenkrades und der Drehzahl der Antriebsräder bestimmt. Kompliziert wird es aber erst recht, wenn verschiedene Antriebskonzepte am Start sind. Historisch gesehen kommt Porsche vom Hinterradantrieb her, heute sind allradgetriebene Fahrzeuge wie der Macan oder der Cayenne die Verkaufsschlager. Seit 30 Jahren gibt es auch den 911 Carrera mit 4x4-Schub. Zum Mittelmotor-Coupé Cayman hat Walter Röhrl eine ganz dezidierte Meinung: "Der ist schon brutal, wenn Du das Gas nur anschaust, geht der schon weg".

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Geschwindigkeit ist auf Eis nicht alles, denn auch hier wirken die Gesetze der Physik.

(Foto: Hans-Dieter Seufert)

So schlimm ist es in der Praxis natürlich nicht, denn die Teilnehmer der Wochenend-Trainings bringen ihren Testautos den nötigen Respekt entgegen. Die dritte und vierte Runde fällt schon leichter, der Parcours ist verinnerlicht, die Reaktion des Wagens vorhersehbar. Wenn jetzt noch das Gefühl im Gasfuß und die möglichst damit synchronisierte Bewegung der Lenkhände stimmen, ist der Erfolg nah. Die Instruktoren versuchen, per Funk zu dirigieren, doch nicht immer ist der Geheimcode der Eingeweihten auf Anhieb hilfreich: "Den Gegenpendler mitnehmen", ruft Reini Sampl, ein anderes Mal "in die Linie investieren!" Wenn das Heck mal zur einen, und grad, wenn die Kurve geschafft zu sein scheint, wieder kräftig in die andere Richtung ausbricht, bleibt der Instruktor gelassen: "Gib dem Auto die Chance dahin zu fahren, wo wir hinwollen".

Gewöhnung an Grenzsituationen

Was sich mit zunehmender Trainingsdauer zur fidelen Schneegaudi auf vier Rädern entwickelt, hat einen ernsten Hintergrund. Fahrsicherheit und Unfallvermeidung bei winterlichen Verkehrsbedingungen. Walter Röhrl findet es "vorbildlich", dass in Österreich für Fahranfänger im ersten Jahr die Teilnahme an einem Sicherheitstraining obligatorisch ist. Viele lernen ein instabiles Auto erst kennen, wenn es zu spät ist. "Wenn ein Fahrer auf dem sicheren Parcours erlebt, plötzlich nur als Passagier unterwegs zu sein, dann lernen die meisten ihre Lektion. Im realen Verkehr kann das erste Mal auch das Letzte sein".

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Wer das erste Mal quer um die Kurve geht, der hat es geschafft.

(Foto: Busse/Textfabrik)

Die Gewöhnung an Grenzsituationen und ihre Beherrschung ist es, was die Instruktoren vermitteln wollen. Sollte dabei noch ein bisschen Spaß rüberkommen, umso besser. Wenn Reini Sampl seine Kursteilnehmer zu beherztem Umgang mit Pedalen und Lenkrad ermuntert, tut er das häufig vom Rollstuhl aus. Seit einem Skiunfall ist der 44-jährige darauf angewiesen. Auf seine Fähigkeiten hinterm Steuer hat das keinen Einfluss. Gekonnt lässt er das Heck seines GT3 RS wedeln, wenn er die Übungen mit der Gruppe in Kolonne abfährt.

"Der Walter" steigt indes zum einen oder anderen auf den Beifahrersitz, kommentiert live das Geschehen und hat eine Sekunde später auch gleich die Fehleranalyse parat. Im vergangenen Jahr hat der Altmeister seinen 70. Geburtstag gefeiert, der Firma, für die er arbeitet, steht dies Jubiläum 2018 noch bevor. Seine Expertise ist über jeden Zweifel erhaben, weshalb es an Wünschen, ihn einzuspannen, nicht mangelt. "Wenn ich wollte, könnte ich jedes Wochenende unterwegs sein", sagt die Rallye-Ikone. So sind seine wertvollen Hilfestellungen, die er gern mit einer Prise Humor gewürzt aus dem Motorsport-Chinesisch in anschauliche Bilder übersetzt, nur sorgsam dosiert zu haben.

"Nur quer is' ma wer"

Sorgen, in solch einen Fahrtraining mit Begriffen aus dem Wörterbuch von Fahrdynamik und Physik überfordert zu werden, braucht niemand zu haben. Walter Röhrl zum Beispiel kann Begriffe wie "Übersteuern" oder "Untersteuern" für jeden einleuchtend übersetzen: "Wenn Du den Baum siehst, in den du reinfährst, hast Untersteuern, wenn du ihn nur hörst, hast Übersteuern". Mit wachsender Routine lernen die Teilnehmer, sich auf unterschiedliche Antriebssysteme, Fahrzeugkonzepte und Gewichtsklassen einzustellen. Wenn auf der Kreisbahn die erste Runde in permanenter Drift geschafft ist, wird ein beliebtes Bonmot der Vollgas-Branche auch für Anfänger verständlich: "Nur quer is' ma wer!"

Einer von Röhrls wichtigsten Ratschläge für alle, die unangenehme Überraschungen bei Schnee und Eis entgegen wirken wollen, lautet: "Wegen der deutlich herabgesetzten Reibwerte mit noch mehr Gefühl fahren: weicher Lenken, weicher Bremsen, sanfter Beschleunigen". Angepasstes Tempo gehört dazu, ebenso wie die richtigen Reifen, also gute Winterreifen mit entsprechendem Profil. "Keine Panik beim Rutschen", rät Röhrl, am besten sei, vorher zu üben, da wo es ungefährlich ist – zum Beispiel bei einem Winterfahrttraining, wie es viele Veranstalter anbieten. Doch eines könnten die Teilnehmer nur selbst regeln, damit es nicht zum Crash-Kurs wird: "Seid vorsichtig und überschätzt Euch nicht".

Quelle: n-tv.de

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