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Abstand, toter Winkel und Kamera Ride Vision - Blitzlichtsicherheit für Biker

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Aus zwei Kameras, Leuchtdioden am Spiegel, einem GPS-Sender, einem Sensor für das Vorderrad und einem Steuergerät besteht das Assistenz- und Warnsystem für Motorradfahrer von Ride Vision.

(Foto: Holger Preiss)

Toter Winkel, Abstand zum Vordermann oder Auffahrwarnung: Bis dato waren Motorradfahrer für ihre Sicherheit selbst verantwortlich. Das israelische Unternehmen Ride Vision hat jetzt ein gleichnamiges System zur Selbstmontage entwickelt, das den Fahrer hier entlasten soll. So ganz ohne ist das aber nicht.

Wer heutzutage ein neues Auto kauft, kauft in der Regel auch gleich eine ganzes Arsenal an Assistenzsystemen mit. Da wird der Abstand zum vorausfahrenden Auto vermessen, vor Fahrzeugen im toten Winkel gewarnt oder vor einer drohenden Kollision. Diese kleinen Helferlein sind Motorradfahrern eher fremd. Tatsächlich gibt es momentan nur sehr wenige Hersteller, die solche umfänglichen Sicherheitssysteme anbieten. Das israelische Unternehmen Ride Vision hat diese Lücke erkannt und unter dem gleichen Namen einen Nachrüstsatz entwickelt, der sie schließen soll.

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Auf einem Naked Bike geben die zwei Weitwinkelkameras von Ride Vision kein wirklich schönes Bild ab.

(Foto: Holger Preiss)

Das Assistenz- und Warnsystem umfasst zwei an Front und Heck fest zu montierende Weitwinkelkameras, Warn-LEDs, die es auf die Seitenspiegel aufzusetzen gilt, einen Sensor, der am Vorderrad montiert wird und ein Steuergerät, das alle Informationen verarbeitet und am Ende für die entsprechenden Informationen sorgt. Das hört sich überschaubar an und das Unternehmen Ride Vision verkauft den mindestens 500 Euro teuren Bastelsatz auch zur Selbstmontage. Allerdings stellt sich die Anbringung mit der üppigen Kabelage und den Anbringungsanforderungen für die Weitwinkelkameras und den Radsensor dann doch nicht ganz so einfach dar.

Ein Spezialist musste her

Dem Autor dieser Zeilen wurde tatsächlich ein Spezialist aus Israel gesandt, der bei der Anbringung der einzelnen Komponenten behilflich war und ohne den es wahrscheinlich in einem Desaster geendet hätte. Denn so einfach, wie es der Hersteller behauptet, ist es dann doch nicht. Auch dann nicht, wenn entsprechende Klebematerialien bereits mit einer recht überschaubaren Montageanleitung geliefert werden. Dennoch verlangen zum Beispiel die Kameras freie Sicht und müssen so an Bug und Heck angebracht werden, dass die freie Sicht durch nichts gestört wird.

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Der GPS-Sender wird neben dem Sitz verklebt und der Radsensor leuchtet, wenn er bereit ist.

(Foto: Holger Preiss)

Das bringt noch anderes Ungemach. Jedenfalls für Leute, die die Linien ihres Bikes lieben: Die wird nämlich durch die nicht ganz kleinen Kameraaugen und die sie mit dem Steuergerät verbindenden Kabel empfindlich gestört. Vor allem bei Naked Bikes oder gar bei Renngeräten wirkt das Ganze im wahrsten Sinne des Wortes etwas aufgesetzt. Besser verstecken lassen sich die Augen durch die etwas anderen Verblendungen bei Enduro-Modellen. Zugegeben, aufgrund der zu erwartenden Sicherheitsfeatures sollte die persönliche Eitelkeit mit Blick auf das Motorrad in den Hintergrund gestellt werden, aber irgendwie tut es der Seele schon weh. Auch dann, wenn man weiß, dass es selbst für Serienmotorräder momentan kein so ausgefeiltes System gibt wie das von Ride Vision.

Das Einfallstor für Feuchtigkeit?

Wenn dann aber die Zuleitung für die Heckkamera aus dem Rücklicht kommt und genau da eine Lücke entsteht, die ein Einfallstor für Feuchtigkeit jeder Art ist, dann sollte man doch noch mal über die Montageidee nachdenken. Denn hier wird billigend in Kauf genommen, dass Nässe unter den Sitz dringt. Eben an jenen Platz, an dem bei den meisten Motorrädern auch die Batterie sitzt. An die muss dann auch das Steuergerät selbst angeschlossen werden. Klar, denn das Teil braucht Strom, um zu arbeiten. Und hier war der Autor einen Moment lang kurz vor dem Herzkasper, als der Kollege aus Israel mit dem Cutter die Isolierung der Hauptleitung der Batterie öffnete, um das Steuergerät damit zu verdrahten und anschließend auch noch zu verlöten.

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Das Steuergerät für das Ride-Vision-System muss durch die Batterie des Motorrads mit Energie gespeist werden.

(Foto: Holger Preiss)

Auch die Verkabelung der an den Spiegeln montierten LEDs schmeichelt mit der Arretierung durch Kabelbinder dem Auge des Ästheten nicht wirklich. Zumal hier zur Verlegung in Richtung Steuergerät die komplette Seitenverkleidung abgenommen werden muss. Also nochmal: Die Montage des Systems ist nicht ohne und hat tatsächlich so ihre Tücken, an denen der Laie durchaus scheitern kann. Insofern sollte Ride Vision die Bewerbung mit dem Satz "Leichte Montage" noch mal überdenken. Vonseiten des Herstellers heißt es: "Wir haben festgestellt, dass die meisten Motorradfahrer echte Schrauber sind und mit so einer Montage keine Probleme haben." Na gut, der Autor gehört nicht dazu.

Am Ende funktioniert es hervorragend

Am Ende ist aber dank des netten Kollegen aus Israel alles dran und funktioniert auch ganz hervorragend. Als Beweis dafür blinken beim Anfahren zwei gelbe Leuchtdioden im jeweiligen Seitenspiegel kurz auf. Allerdings tut sich zur Überraschung des Autors beim Rollen an die Kreuzung mal gar nichts. Dabei ist das Auto kaum noch zwei Meter entfernt. Alles richtig, erklärt der Spezialist von Ride Vision, das System reagiert erst ab einer Geschwindigkeit von 40 km/h. Dafür leuchtet plötzlich die äußere gelbe LED am linken Spiegel und mahnt vor einem VW Touran, der im toten Winkel auftaucht, um dann auch zügig am eigenen Motorrad vorbeizuziehen. Das ist hilfreich, denn das Lämpchen ist schneller als der Schulterblick.

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Die Warnungen werden durch die Leuchtdioden am Spiegel visualisiert, in der Ride-Vison-App kann man sie anschließend samt aller anderen Fahrdaten ansehen.

(Foto: Holger Preiss)

Auf der Landstraße und Autobahn beginnt dann aber bei zügiger Fahrt und vollen Straßen eine Art Lichtorgelgeflimmer. Geradezu hektisch blinken die roten LEDs an beiden Spiegeln und geben eine Kollisionswarnung nach der anderen aus. Weil das tierisch nervt und das Geflimmer auch beim Überholen selbst kein Ende hat, wird der nächste Halt zur Justierung genutzt. Ride Vision liefert nämlich zum System eine App zur Steuerung mit. Solange die Steuereinheit unter Strom steht, also so lange die Zündung an ist, kann hier die Sensibilität der Warnungen ebenso eingestellt werden wie die Helligkeit der LEDs.

Das wilde Blinken einbremsen

Jetzt, wo das wilde Blinken etwas zurückgenommen wurde und die Leuchtdioden nicht mehr die Augen verblitzen, wird das System recht hilfreich. Denn ja, im Endeffekt ist die Aufmerksamkeit beim Motorradfahren eine andere als wenn man im Auto so vor sich hintrödelt. Aber sollte man doch mal den Vorausfahrenden oder gar den Abbiegenden übersehen, dann ist das Lichtgewitter ein probates Mittel, die Bremse rechtzeitig durchzureißen und vor einem möglichen Zusammenprall zum Stehen zu kommen. Auch wenn Fahrzeuge von hinten auf das eigene Motorrad zu dicht auffahren, warnen die LEDs.

Wenn es dann wirklich kracht, kann die Aufzeichnung der beiden Kameras sehr hilfreich sein. Aber lieber sieht man sich die Filmchen zur persönlichen Unterhaltung nach dem Ausritt an. Tatsächlich funktionieren die zwei Kameras wie eine Dashcam. Ride Vision versichert aber, dass die Aufzeichnungen, die auf einem Server landen, innerhalb von drei Stunden gelöscht werden, wenn sie vom Nutzer nicht heruntergeladen werden. Denn im Zusammenspiel mit den ebenfalls in der App gespeicherten Daten wie Entfernung, erreichte Höchstgeschwindigkeit, Schräglage sowie Anzahl und Art der Warnungen könnte sie nicht in allen Fällen hilfreich für den sportlichen Fahrer sein. Letztgenannte Daten abseits der Filme werden übrigens nur auf dem Smartphone des Nutzers verwahrt und können dort auch jederzeit unwiederbringlich gelöscht werden.

Quelle: ntv.de

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