Auto
Dieter Klein hat bei seinen Fotos auf Bearbeitungen am Computer verzichtet. Ein Umstand, der sie unglaublich authentisch macht.
Dieter Klein hat bei seinen Fotos auf Bearbeitungen am Computer verzichtet. Ein Umstand, der sie unglaublich authentisch macht.(Foto: Dieter Klein)
Dienstag, 27. Februar 2018

"Forest Punk" - ein Bildband: Wenn Autos Märchen erzählen

Von Holger Preiss

Unsere Mobilität hat vor allem in den vergangenen 100 Jahren Spuren hinterlassen. Einer, der sich mit der Kamera auf die Suche nach diesen Spuren gemacht hat, ist Dieter Klein. Seine Funde hat er in einem berauschenden Bildband zusammengestellt.

Manchmal verschmilzt das Auto fast mit der Kulisse.
Manchmal verschmilzt das Auto fast mit der Kulisse.(Foto: Dieter Klein)

Ob die Mobilität sich eines Tages dahingehend wandelt, dass uns nur noch Robotertaxis von A nach B bringen, die optisch nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir gemeinhin unter einem Auto verstehen, sei dahingestellt. Wenigstens die ersten Versuche der Technologie-Giganten in dieser Richtung sind vorerst auf Eis gelegt worden. So schnell entwickelt sich ein Auto dann doch nicht, auch wenn uns Tesla das immer glauben machen möchte. Doch ein Umstand ist nicht von der Hand zu weisen: Das erste Jahrhundert unserer mobilen Individualität löst sich langsam auf und verschwindet. Nicht so spurlos wie Atlantis, denn wer genau hinsieht, der kann die Anfänge noch heute in neuer Form und Farbe entdecken.

Der sieht genau hin

Einer, der mehr als genau hingesehen hat, ist Dieter Klein. Als er "Rosalie" mitten in einem Holunderbusch im französischen Aquitaine entdeckte, war es um den Fotografen geschehen. Die märchenhafte Szenerie, in der der 80 Jahre alte Citroën gefangen war, fesselte den Kölner so sehr, dass er fürderhin auf der Suche nach ähnlichen Orten in Europa war. Entstanden ist im Wettlauf mit der Zeit ein Bildband unter dem Titel "Forest Punk".

Motive, die man nicht an jeder Ecke findet.
Motive, die man nicht an jeder Ecke findet.(Foto: Dieter Klein)

Am Ende war dem Fotografen der alte Kontinent nicht genug. Im Land der Motels, Drive-In-Restaurants und Autokinos, so dachte Klein, müsste sich doch dieses Bild des mobilen Verfalls und der steten Regeneration noch viel intensiver einfangen lassen.

Insgesamt 25.000 Meilen reist er nun mit seiner Kamera über zwei Jahre kreuz und quer durch Nordamerika. Zu seinen Protagonisten werden die Zeitzeugen vergangener mobiler Epochen, die er in 400 emotionalen Bildern festhält. Die Bilder sind das eine, die Geschichten, die Klein erzählt werden, das andere. Aber die Masse der Bilder steht für sich und die Geschichte liegt im Auge des Betrachters. Klein verzichtet auf Retuschen am Computer, lässt das Licht Farbe und Form bestimmen, sucht nur den richtigen Winkel, um dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, seine eigene Geschichte in den Bildern zu finden.

Wenn der Rost zum Zeitzeugen wird

Zum Beispiel eine Geschichte zu den einst akkurat aufgereihten Fahrzeugen, die heute ohne Räder auf den Bodenplatten ruhen und deren Farbe langsam in das Einheitsbraun des Rostes wechselt. An anderer Stelle stehen die Reliquien neben verlassenen Häusern oder leuchten im Licht der untergehenden Sonne auf, als wollten sie Blätter und Unrat von sich abschütteln, um ein letztes Mal den Motor aufheulen zu lassen. Besonders fasziniert ein Bild, das einen völlig verrosteten Ford zeigt, hinter dem ein Wohnwagen steht; vor dessen Tür scheinen zwei Stühle auf die Bewohner zu warten. Eine surreale Szenerie, die ihresgleichen sucht. Weil sie so momentan, so endlos und so aussichtslos scheint.

Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.
Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein.(Foto: Dieter Klein)

Nicht weniger abgefahren ist der pinkfarbene Dodge Pionier 4-Door Sedan. 1977 stellte der Besitzer den Wagen zum letzten Mal vor seinem Haus ab. Zwei Tage später starb er. Niemand hat seitdem Haus oder Wagen angerührt. "Aus Respekt", sagen die Nachkommen. Hier hat Klein die wahre Geschichte zu diesem unglaublichen Foto erzählt. Auf dem einen scheint John-Boy Walton in nächster Sekunde sein Auto zu besteigen, um Bruder Jason aus der Stadt abzuholen, wo er in einem ziemlich verruchten Laden als Musiker arbeitet. Auf dem anderen warten verrostete Karossen aus den 1950er-Jahren an einer ebenso verrosteten Tankstelle auf den Tankwart.

Immer wieder Neues entdecken

Und so geht die Bilderreise mit Klein weiter. Doch so sehr sich die Bilder auf den ersten Blick gleichen mögen, so unterschiedlich sind sie doch. Klein hat bei seiner scheinbar endlosen Reise darauf geachtet, dass es keine Doppelungen gibt. Mögen die Geschichten hinter den einzelnen Bildern auch ähnlich sein, die Bilder sind es nicht. Manchmal werden die Autos auch nur zu einem Moment in einer atemberaubenden landschaftlichen Kulisse. An anderer Stelle fokussiert sich Klein auf Details: da ist ein von Moos bewachsenes Lenkrad ebenso spannend wie die mannigfachen Logos an der Heckklappe eines Lincoln oder der wie die gefletschten Zähne eines Raubtiers daherkommende Kühlergrill eines Buick Eight.

Nach dem ersten Durchblättern der beiden Bände hat man das Gefühl, dass der Kamera von Dieter Klein nicht das kleinste Detail einer sich verabschiedenden Mobilität entgangen ist. Die Bände schreien förmlich danach, sich die Bilder immer und immer wieder anzusehen. Und versprochen: Selbst nach dem dritten und vierten Mal werden Sie Dinge entdecken, die Ihnen zuvor nicht aufgefallen sind. Wer also die 68 Euro für "Forest Punk – 'The Fabulous Emotion' Retired Automobiles of North America" investiert, der hat nichts verkehrt gemacht.

Bestellen können Interessenten die Bildbände direkt auf der Seite von Dieter Klein.

Quelle: n-tv.de