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Zwei Generationen von Bentley-Cabrios: Azure und Continental GT V8 S Convertible
Zwei Generationen von Bentley-Cabrios: Azure und Continental GT V8 S Convertible
Montag, 29. Januar 2018

Bentley Azure und Continental GT: Zwei britische Genussmittel im Vergleich

Vor 20 Jahren war der Bentley Azure die einzige Option, ein Modell der Marke offen zu bewegen. Im direkten Vergleich mit dem aktuellen Continental GT V8 S Convertible ist der Azure selbst heute noch ein angesehener Luxusliner.

Stolze 518.300 D-Mark musste man vor ziemlich genau 20 Jahren auf den Tisch legen, um einen Bentley Azure zu kaufen – das damals einzig verfügbare Cabrio der britischen Nobelmarke. Das aktuelle Continental Cabrio ist dagegen schon für relativ schlanke 174.700 Euro zu haben – und das sogar als "S" mit etwas mehr Leistung.

Im Azure gibt es eine wuchtige Mittelkonsole mit vielen Rundinstrumenten.
Im Azure gibt es eine wuchtige Mittelkonsole mit vielen Rundinstrumenten.

Der Azure ist heute deutlich günstiger, wenngleich auch als gebrauchter Youngtimer für Durchschnittsverdiener noch keine Empfehlung. In den einschlägigen Internet-Börsen wird man ab knapp unter 70.000 Euro fündig. Der Azure ist selbst als betagter Gebrauchter ein angesehener Luxusliner – gewaltige 5,34 Meter lang und mit dem klassischen "Sechsdreiviertel"-Achtzylinder (6,75 Liter Hubraum) unter der endlosen Motorhaube ausgestattet.

Fast wie ein kompaktwagen

Dagegen wirkt der heutige Kapuzenbentley, der zweifellos ein Segment niedriger angesiedelt ist, fast wie ein Kompaktwagen mit seinen 4,81 Metern. Unter der Haube steckt ebenfalls ein Achtzylinder: der auf vier Liter gekappte Konzern-Einheitsmotor mit 528 PS und zwei Twinscroll-Ladern mit Ladeluftkühlung, der seinen Dienst auch bei Audi und Lamborghini verrichtet.

Wenn der Continental noch immer deutlich zu teuer ist, ist der Azure vielleicht eine überlegenswerte Alternative.
Wenn der Continental noch immer deutlich zu teuer ist, ist der Azure vielleicht eine überlegenswerte Alternative.

Bassig-tieffrequent bollert der moderne Achtender los und schiebt den Zweieinhalbtonner mit einer unbeschreiblichen Macht aus dem Drehzahlkeller an. Sportlich wirkt dieser Brite nicht, aber eben souverän und unendlich kraftvoll. Wer nicht wüsste, was da werkelt – man würde diesem Cabrio auch einen großen Sauger abnehmen. Der Continental erreicht Landstraßentempo in weniger als fünf Sekunden – und Traktionsprobleme sind ihm fremd, schließlich verteilt sich die Kraft auf vier Räder. Der Neuzeit-Bentley basiert auf einem Plattform-Mix aus dem Volkswagen-Konzern, auf dem seinerzeit auch der Phaeton aufbaute. Das garantiert dem Continental Convertible-Fahrer: Er bekommt eines der verwindungssteifsten Cabrios auf dem Markt.

Mehr Cruiser als Sportler

Doch steigen wir um in den noch etwas luxuriöseren Youngtimer. Dort wird der Passagier von einer breiten Klavierlack-Front empfangen – so wurde vor zwanzig Jahren nobler Sportsgeist verströmt. Die kleinen, analogen Rundinstrumente lassen Reminiszenzen an das frühere Automobilisten-Dasein anklingen – hier werden noch so altmodische Dinge wie Öltemperatur und Batterie-Ladestand angezeigt. Der Azure ist neben seiner Eigenschaft als Statussymbol vielleicht noch etwas mehr Fan-Auto als der Continental.

Im Continental geht es moderner und recht aufgeräumt zu.
Im Continental geht es moderner und recht aufgeräumt zu.

Wo der viel größervolumige Achtzylinder sich zu kaum mehr als viereinhalbtausend Touren aufschwingt (kein anderer Drehzahlmesser eines Benziners hat einen so weit unten angesiedelten roten Bereich), wird der Überfluss noch getoppt durch Turboaufladung. Damals hatte man jedoch die schiere Leistungssteigerung im Sinn, nicht etwa eine drohende CO2-Grenzwert-Gesetzgebung. Wenn man qua Gaspedal mehr Vortrieb befiehlt, hebt der 2,6-Tonner seine lange Nase und setzt sich durchaus behände in Bewegung.

Immerhin sind hier auch 385 PS im Spiel, die trotz opulenten Gewichts leichtes Spiel mit dem vornehmen Briten haben (6,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h). Beide Cabrios sind mehr Cruiser als Sportler, beide verfügen über unbändige Kräfte. Beim Azure, der das Thema Überfluss noch frivoler lebt als der Continental, geht es eine Spur gedämpfter zu. Auch er macht keinen Hehl aus seiner Achtzylindrigkeit, doch das heutige akustische Zurschaustellen geht ihm ab – er tritt einen Hauch vornehmer auf.

Vornehm und offen

Den Continental kann man problemlos im Alltag bewegen, der Azure hat da ob seiner schieren Größe Probleme.
Den Continental kann man problemlos im Alltag bewegen, der Azure hat da ob seiner schieren Größe Probleme.

Vornehm, das ist ein gutes Stichwort beim Offenfahren: Wenn die beiden vollautomatischen Verdecke fallen, werden die Gentlemen nicht zu wilden Fönfrisur-Zerstörern, sondern lassen, dank üppig dimensionierter Windschutzscheiben, den Sturm allenfalls seicht über das Haar streichen. Man muss schon höhere Autobahn-Tempi an den Tag legen, damit es in den großzügig geschnittenen Fahrgasträumen böig wird. In der zweiten Reihe kommen Frischluftfans allerdings voll auf ihre Kosten.

Beide Autos faszinieren gleichermaßen. Wenn der Continental noch immer deutlich zu teuer ist, ist der Azure eine überlegenswerte Alternative – bietet er als Youngtimer doch enorm viel Auto für eher überschaubares Geld. Den Continental kann man problemlos im Alltag bewegen, wenn es das Konto zulässt und man mit einem gewissen Showeffekt keine Probleme hat. Die Komponenten aus der Großserie machen den Briten zum unverwüstlichen und exzellent verarbeiteten Genussauto. Vielleicht liegt ja hier auch sein Makel, schließlich ist er so ein bisschen zum Massen-Bentley verkommen, während der Azure mit seinen wenig mehr, als 1000 Exemplaren, an Exklusivität (und an Charme) kaum zu überbieten ist. Aber mit diesem Makel kann man leben.

Quelle: n-tv.de