Praxistest

Der feinere BMW M4? BMW Alpina B4 Gran Coupé Allrad - ein sanfter Sportler

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Dezent sportlich, aber nicht aufdringlich – der Alpina-Schriftzug des spezifischen Frontspoilers fällt sogar Laien auf.

(Foto: Patrick Broich)

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Mit dem Alpina B4 Gran Coupé Allrad bekommt der Kunde eine feine automobile Spezialität, die den Spagat zwischen Komfort und Sportlichkeit virtuos beherrscht. Ab 2025 ist Schluss mit den edlen Manufakturfahrzeugen. Also schnell noch einen ergattern!

Bevor eingestiegen und losgefahren wird, noch einen Blick unter die Motorhaube: Jawohl, der Alpina B4 trägt den begehrten S58-Motor unter dem Blech - also nicht den schnöden Dreiliter, der alle möglichen BMWs antreibt, sondern ausdrücklich jener, der auch die Topathleten BMW M3- und M4-Modelle befeuert.

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Verdampfendes Kondenswasser bei kalten Temperaturen ist der Beweis, dass unter der Blechhaut ein klassischer Verbrenner steckt. Und zwar einer mit richtig Dampf!

(Foto: Patrick Broich)

Abgesehen von der kurzhubigen Auslegung (macht ihn drehfreudiger) verfügt dieser besondere Dreiliter-Reihensechszylinder über zwei vollwertige Turbolader statt einem Singlelader mit Twinscroll-Technik. Und dann kommen schließlich noch die Alpina-Feinheiten hinzu. Sprich: Ein modifizierter Ansaugtrakt, Optimierung am Turbo und jüngst auch noch überarbeitete Elektronikkomponenten machen die Auslegung des feinen Triebwerks individuell. Zwar erreicht der (ab 91.800 Euro startende) B4 mit nunmehr 495 PS in der Spitzenleistung nicht die 510 PS eines M4 Competition geschweige die 551 PS des jüngst debütierten CSL.

Doch die Alpina-Ingenieure setzen andere Schwerpunkte. Sie trumpfen nämlich mit einem bärigen Drehmoment von 730 Newtonmetern auf, das innerhalb eines breiten Drehzahlbandes von 2500 bis 4500 Umdrehungen anliegt. In den M-Modellen gibt es lediglich 650 Newtonmeter, die erst ab 2750 Touren an der Kurbelwelle zerren und bis über 6000 Rotationen anliegen.

Extreme beherrscht der Alpina definitiv

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Viel vom geschmeidigen Reihensechszylinder S58 sieht man nicht, dafür aber die mächtigen Streben zur Eindämmung von unerwünschter Torsion.

(Foto: Patrick Broich)

In der Konsequenz lässt sich der Alpina schaltfaul fahren respektive der geschmeidige Achtgang-Wandlerautomat kann es gelassener angehen. Natürlich schiebt das viertürige Coupé unerbittlich bei entsprechendem Umgang mit dem rechten Pedal (3,7 Sekunden bis 100 km/h). Die Extreme beherrscht das individualistische Produkt aus Buchloe definitiv. Entweder mit über 300 km/h über den Asphalt preschen oder sich einfach über Verbrauchswerte von diesseits der Achtliter-Grenze freuen bei moderater Fahrt auf der Autobahn um Richtgeschwindigkeit herum. Beides kann er. Und er federt dabei verbindlich, nicht zu stramm, aber so, dass er auch präzise und ambitioniert um die Ecken pfeilen kann. Die adaptiven Dämpfer erlauben dank ihrer breiten Range eine Portion Restkomfort für entspannte Tourer-Qualitäten.

Unter dem Radar unterwegs sein kann er übrigens auch. Vielleicht nicht gerade in der historischen Alpina-Lackierung "Alpina Grün II", die auch den Testwagen ziert. Und dann gibt es ja noch die charakteristischen Alpina-Dekorstreifen - beim Demo-Auto aus dem Allgäu immerhin in einem Silberton. Es geht aber auch in golden schimmernder Farbgebung, warum nicht.

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Jeder Alpina trägt die berühmte Plakette mit der Nummer des jeweiligen Exemplars.

(Foto: Patrick Broich)

Man kann auf diese Merkmale ebenso verzichten und sein Gran Coupé in einer BMW-Lackierung ordern. Dann verraten den Individualisten nur seine Felgen und die vierflutige Auspuffanlage nebst markantem Diffusor plus Abrisskante. Sieht aber ehrlich gesagt dezenter aus als beim M-Modell aus München. Und dem Laien fällt das Lametta ohnehin nicht auf.

Dezent grollen statt brüllen

Wer übrigens eine entsprechend emotionale Motorisierung in dieser Karosserieform sucht, muss sogar zum Alpina greifen - denn das stärkste Vierer Gran Coupé (544 PS) unter dem BMW-Label fährt rein elektrisch (i4). So stimmen die beiden Marken häufig ihr Produktangebot ab, um sich nicht gegenseitig die Kunden abzugraben. Nur den Kombi-Vorteil hat Alpina verloren seit dem Debüt des M3 Touring.

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Das Elektronikzeitalter macht auch vor dem Alpina B4 nicht halt.

(Foto: Patrick Broich)

Dezenz ist außerdem das entscheidende Stichwort bei Alpina. Heiser grollen statt brüllen im oberen Drehzahlbereich und säuseln statt zornig fauchen bei niedertouriger Last ist das Dauermotto des B4. Er macht kein akustisches Gewese um seine überbordende Performance, und als Pilot belässt man es meist bei seichter Wohlfühlstimmung. Schließlich möchte nicht jeder Fahrer (und schon gar nicht jeder Beifahrer) immerzu auf Adrenalin mit der - virtuellen - Drehzahlmessernadel im oberen Drittel der Skala unterwegs sein.

Spätestens an dieser Stelle schickt sich der Sitze-Check an. Die in nobler Tönung irgendwo zwischen Cognac und Terrakotta angesiedelten Rindshautüberzüge halten, was sie versprechen: ein komfortables Plätzchen bieten nämlich in geräumiger Umgebung. In der zweiten Reihe gibt der B4 indes den eher den knapper geschnittenen Maßanzug. Hier heißt es, Köpfe bitte einziehen, und es kann auch mal kuschelig werden. Natürlich sind die Kontaktflächen eher straff-definiert denn flauschig-weich, aber so soll es bei einem sportiven Auto ja auch sein. Langstrecke kann der B4 dennoch, die vier Buchstaben schmerzen selbst nach mehrstündiger Fahrt am Stück nicht wirklich.

Individualisierung ist Kernkompetenz von Alpina

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Es geht auch eine Nummer unter Lavalina-Leder – nobel ist ein Alpina B4 immer, selbst mit der Basispolsterung.

(Foto: Patrick Broich)

Wer noch mehr Alpina-Flair möchte, muss zur (7300 Euro teuren) Lavalina-Polsterung greifen, deren dann zarte Sitzmittelbahn charakteristisch aussieht, und bei der Farbwahl gibt es quasi keine Grenzen. Was die restliche Funktionalität angeht, insbesondere die elektronische, setzen die Allgäuer auf die bestehenden BMW-Architekturen auf. Ob man es mag oder nicht - auch der Alpina B4 verkneift sich demnach jegliche klassische Feinmechanik. Das Kombiinstrument wurde längst zur Displayfläche degradiert. Nicht einmal traditionelle Rundskalen gönnt man dem Highend-Mittelklässler, hätte Alpina hier nicht eingreifen können? Womöglich nicht, weil man eine aufwendige Fahrzeugelektronik eben nicht mal eben umschmeißen kann.

Sei es drum, immerhin lassen sich sämtliche Features intuitiv ansteuern. Und beim B4 kann man störende Assistenten (nicht alle sind sinnvoll) mit einem längeren Druck auf eine zentral angeordnete Taste einfach komplett deaktivieren statt lange im Menü herumsuchen zu müssen. Das geht heute auch nicht mehr überall.

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Das eher hochkantige Nierendesign zitiert Designelemente aus der Vergangenheit.

(Foto: Patrick Broich)

Übrigens ist das B4 Gran Coupé der erste Alpina-Vertreter mit der neuen, eher vertikal gestalteten Niere. Entweder man liebt oder hasst sie - ich gestehe, sie längst lieben gelernt zu haben. Denn als Automobilhistoriker rufe ich mir gerne die Modelle der Sechziger- und Siebzigerjahre in Erinnerung - hier steht die Niere generationenübergreifend über die gesamte Palette hochkant im Wind, was die heutigen Mittelklasse-Coupés eben zitieren. Doch dieses Nierenformat steht noch einmal klar im Gegensatz zu jenem vielgescholtenen der neuen Siebenerreihe, bei der die Niere ganz andere Dimensionen angenommen hat.

Datenblatt

BMW Alpina B4 Gran Coupé Allrad

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)

4,79 / 1,85 / 1,44 m

Radstand

2,86 m

Leergewicht (DIN)

1965 kg

Sitzplätze

bis zu 5

Ladevolumen

470 bis 1290 Liter

Motorart

3,0-Liter-Reihensechszylinder-Doppelturbo

Getriebe

Achtgang-Wandlerautomatik

Leistung, Verbrenner

495 PS (364 kW)

max. Drehmoment

730 Nm / bei 2500 bis 4500 U/min

Kraftstoffart

Super Plus

Antrieb

Allradantrieb

Beschleunigung 0-100 km/h

3,7 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit

301 km/h

Tankvolumen

59 Liter

Verbrauch (kombiniert)

10,1 Liter (WLTP)

CO₂-Emission kombiniert

229 g/km (WLTP)

Grundpreis

Ab 91.800 Euro

Fazit: Einen Alpina bestellt man dieser Tage mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Glücklich kann sich schätzen, wer die Möglichkeit hat, sich einen der letzten "echten" Alpina sichern zu können. Ab 2025 übernimmt die BMW Group die Hoheit über die Marke, und was sie aus ihr machen wird, steht noch in den Sternen. Dass dabei an Individualität verloren gehen wird, gilt jedoch als ausgemacht.

Quelle: ntv.de

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