Praxistest

Der Thronhalter im Praxistest Mercedes GLS 500 – der König unter den SUV

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Der Mercedes GLS 500 4Matic ist mit 5,13 Metern Länge einer der größte seiner Klasse.

(Foto: Holger Preiss)

Manche Autos gebieten Ehrfurcht. So auch der Mercedes GLS 500. Mit über fünf Metern fällt er hierzulande durchaus aus dem Rahmen. Hinzu kommt, dass sein V8-Triebwerk ein Ausbund an Kraft ist. Aber wie alltagstauglich ist der königliche Trumm?

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Optisch ist an der ehemaligen M-Klasse nur sanft retuschiert worden.

(Foto: Holger Preiss)

Oh mein Gott. Ich höre Sie schon rufen: "Der GLS der König unter den SUV? Niemals! Das können doch nur der, die, das sein …" Ja, können er, sie, es und dann doch wieder nicht. Lassen Sie mich erklären: Was den GLS an erster Stelle adelt, ist das S. Allein dieser Buchstabe sorgt im Vergleich mit den größten SUV auf deutschen Straßen für etwa 20 Zentimeter mehr in der Länge. Also mehr als ein Range Rover, mehr als ein BMW X5, mehr als der Klassenkamerad GLE, ja sogar mehr als ein Audi Q7. Den überragt der GLS zwar nur um vier Zentimeter, aber immerhin. Mit 3,1 Metern hat der GLS auch den längsten Radstand im Ensemble der Thronaspiranten, mit 680 Litern aber nicht den größten Kofferraum. Den hat mit 890 Litern der Q7.

Allerdings hat der das Nachsehen, wenn alle Bänke – im GLS gibt es nämlich optional eine dritte Sitzreihe – auf Knopfdruck elektrisch flach gelegt wurden. Jetzt eröffnet sich ein planer Stauraum von gigantischen 2300 Litern. 225 Liter mehr als im Ingolstädter. Was da rein soll? Da findet sich schon was. Die Frage ist vielmehr: Wie bekommt man es wieder raus? Antwort: Nur mit Hilfe! Die Ladekante ist mit 82 Zentimetern richtig hoch und selbst wer über der Hüfte ins Gepäckabteil abknickt, wird das Ende nicht mit den Fingerspitzen erreichen. Das gelingt Normalgewachsenen nicht einmal, wenn die zweite Sitzreihe noch steht. Deshalb ist es ein super Service, dass die Lehnen aller Reihen auch elektrisch aufgerichtet werden können. Was auch immer hinter der Heckklappe verstaut wird und irgendwann wieder raus muss, darf in der Summe 805 Kilogramm wiegen.

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Der Kofferraum des GLS 500 kann sich mit bis zu 2300 Litern zu einer gigantischen Ladefläche erweitern.

(Foto: Holger Preiss)

Dazu gehören natürlich auch die Passagiere, die sich auf der dritten Sitzreihe platzieren wollen. Der Einstieg für sie gelingt komfortabel, denn die Einzelsitze in Reihe zwei können komplett nach vorn geklappt werden. Zu sitzen kommt man auf zwei sehr gut ausgeformten Plätzen. Dennoch möchten Erwachsene sich nicht gerne über längere Strecken dort aufhalten, denn die Kniefreiheit ist nicht so üppig, wie die oben genannten Maße es vermuten lassen. Für Kinder hingegen ist es ein Paradies. Mehr als ausreichend Platz finden Erwachsene in der zweiten Reihe. Hier ist der Abstand – und das spricht wieder für das S – zur Rückenlehne des Vordermanns so groß, dass die Beine getrost gekreuzt werden können.

Ein leichter Schlag auf den Hinterkopf

Über Platzprobleme muss also in einem GLS niemand jammern. Auch über die Anhängelast gibt es bei 3,5 Tonnen keinen Zweifel. Im Test-GLS mit der Superzahl 500 am Heck arbeitet ein V8, der aus 4,6 Liter Hubraum unter wunderbar dezentem Grollen 455 PS freigibt und fein dosiert 700 Newtonmeter Drehmoment an alle vier Räder verteilt. Es ist ein gigantischer Spaß, wenn die 2,4 Tonnen im Sportmodus in 5,3 Sekunden auf Landstraßentempo katapultiert werden. Und katapultieren trifft es an dieser Stelle wirklich. Wer hier fahrlässig den Gasfuß auf das Pedal presst, der muss damit rechnen, dass, hat er den Oberkörper nicht gestrafft, sein Hinterkopf der Fliehkraft folgend gegen die Kopfstütze kracht. Noch bevor sich der Pilot von dem leichten Schlag auf den Hinterkopf erholt hat, klickt die Wandlerautomatik die neun Gänge durch die Gassen und seine Majestät rauscht unaufhaltsam der abgeregelten Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h entgegen.

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Der Zustieg in die dritte Sitzreihe erfolgt, dank in Gänze umklappender Sitze im GLS 500, sehr komfortabel.

(Foto: Holger Preiss)

Und ganz ehrlich: Wenn der Trumm auf der linken Spur angeflogen kommt, dann gibt es keinen, der nicht das Feld räumt. Es sei denn, er ist schneller und entflieht dem rasenden König. Allerdings entwickelt seine Herrlichkeit bei derartigen Ausflügen auch einen ungezügelten Durst. Wer den Geschwindigkeitsexzess sucht, darf über 19 Liter Super auf 100 Kilometer nicht klagen. Aber auch bei verhaltener Fahrweise muss man sich an zweistellige Verbräuche gewöhnen. Der Testwagen genehmigte sich im Schnitt 14,6 Liter. Das wäre fast exakt der Wert, den das Datenblatt für den Stadtverkehr angibt. Die angegebenen 9,2 Liter für die Landstraße waren selbst bei vorsichtigster Bedienung des Gaspedals nicht zu erreichen. Aber das ist ganz ehrlich bei einem V8 auch nicht zu erwarten. Der lebt und schafft Erlebnisse durch seine Potenz.

Die sportliche Seite des GLS 500 wurde beim Testwagen durch das AMG-Paket für zusätzlich 4344 Euro unterstrichen. Dazu gehören eine spezielle Front- und Heckschürze, knackige 21 Zoll große AMG Leichtmetallräder sowie ein Dachspoiler. Doch bei aller optischer Sportlichkeit und Leistung des Triebwerks sollte beim Kurvenlauf nicht übertrieben werden. Trotz Luftfederung und daraus resultierender dynamischer Abstimmung haben über zwei Tonnen Gewicht, verteilt auf 5,13 Meter Länge, ihre physikalischen Grenzen. Wer es in dieser Größenordnung richtig krachen lassen will, der sollte das S lieber hinter die Fahrzeugbezeichnung des etwas kürzeren GLE schreiben lassen und das SUV als AMG 63 S ordern.

Doch lieber einen GLE?

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Die Sitze im GLS 500 sind ausgezeichnet, ebenso das Platzangebot in der zweiten Reihe.

(Foto: Holger Preiss)

Fakt ist aber, dass dann einiges von der Lounge-Atmosphäre verloren geht. Andererseits soll nicht unerwähnt bleiben, dass bis auf die dritte Sitzreihe und das riesige Gepäckabteil alles, was einen GLS adelt, auch in einem GLE zu haben ist. Zumal der Preis bei gleicher Motorisierung mit 20.000 Euro mehr einem sehr gut ausgestatteten Kleinwagen entspricht, den man sich dann für Stadtfahrten zulegen könnte. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass ein Fahrzeug über fünf Meter im urbanen Raum so seine Probleme hat, einen Stellplatz zu finden. Bezahlt macht sich hier in jedem Fall das Parkpaket mit 360-Grad-Kamera. Der Pilot zirkelt das Dickschiff in fast jede Längslücke. Selbst dann, wenn am Ende vor und hinter dem GLS nur noch fünf Zentimeter Platz sind. Das  gibt es natürlich nicht umsonst. Mercedes verlangt für den Helfer 785 Euro extra.

Bezahlen muss man auch für Annehmlichkeiten wie das Spurpaket mit adaptiven Assistenten, die tempolimitierte Autobahn- und Staufahrten deutlich entspannter gestalten. Abstand und Geschwindigkeit werden durch die Elektronik gehalten und auch Lenkvorgänge übernimmt und unterstützt die Technik bis zu einem gewissen Schwierigkeitsgrad und Zeitraum. Der empfehlenswerte Spaß kostet knapp 1000 Euro. Ob man ein Offroadpaket für zusätzlich 2300 Euro braucht, muss jeder selber entscheiden. Wer es sich leistet, kann in jedem Fall auch unwirtliches Geläuf durchqueren. Lässt sich doch jetzt nicht nur das Fahrwerk anheben, sondern auch die Traktion vor allem bei losem Untergrund optimieren. Im Normalgebrauch ist das aber sinnfrei, denn bereits bei der Allradwahl stehen unterschiedliche Fahrprogramme zur Wahl. Darunter auch Gelände und Schnee.

Schöne Rundinstrumente statt TFT

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Die Instrumententafel ist lange nicht so modern wie in der neuen E-Klasse, kommt aber dafür sportlich und klar daher.

(Foto: Holger Preiss)

Wo wir uns noch nicht umgesehen haben, ist im Innenraum. Ähnlich wie beim Äußeren ist das im Zuge der Modellauffrischung im vergangenen Jahr aufgepeppt worden. Allerdings konnte Chefdesigner Gorden Wagener seine Striche nicht so konsequent ziehen wie zum Beispiel bei der neuen E-, C- oder A-Klasse. Insofern wurde außen lediglich die Front angepasst, das Heck erinnert immer noch stark an den Vorgänger, der nach alter Nomenklatur unter M-Klasse, respektive GL firmierte. In der Armatur erwarten einen auch nicht die neuen doppelten und superflachen TFT-Bildschirme, die sich in der E-Klasse vom Dashboard bis in die Mittelkonsole spannen. Nein, im GLE und GLS sind es die klassischen, gut ablesbaren Rundinstrumente in Tubenoptik mit den roten Zeigern, die über die Skalen eilen.

Die Konnektivität stellt sich auf dem 7 (oder für 178 Euro mehr 8) Zoll großen Mediadisplay dar. Wie die Darstellung geartet ist, hängt von den eigenen Wünschen und vom Budget ab. Die volle Packung gibt es für 3500 Euro mit dem sogenannten Command Online. Das tut aber keine not, denn für etwa die Hälfte gibt es ein Multimediasystem, das internetfähig ist und die Vernetzung mit mobilen Geräten via Bluetooth zulässt. Das Telefonmodul erlaubt sogar die Nutzung des eigenen Telefons als Hotspot. Wer will, kann sein Smartphone über Apple CarPlay oder Android Auto als Navi nutzen. Funktioniert ganz famos und hat den Vorteil, dass häufig gefahrene Routen ohnehin von den jeweiligen Kartensystemen gespeichert und bei Stau automatisch Umfahrungen angeboten werden. Wetten sollte man aber nicht darauf abschließen, denn auch die Smartphone-Giganten haben Probleme mit der Echtzeit.

Hier kann also durchaus gespart werden. Das wirkt natürlich angesichts eines Gesamtpreises von 124.521 Euro für den GLS 500 eher lächerlich. Allein die Sonderausstattungen wie das Soundsystem von Bang & Olufsen, temperierter Cupholder, Digitalradio, Schlüsselloser Zugang, Panoramaschiebedach, Servotürschließer, TV-Tuner und die Verkleidung der Armatur in Ledernachbildung kosten mit den anderen schon erwähnten zusätzlichen Ausstattungen 15.300 Euro. Das wäre dann der zweite Kleinwagen.

Fazit: Ein GLS 500 ist ein imposantes Fahrzeug, in seinem Segment vielleicht sogar das imposanteste auf deutschen Straßen. Ob die Größe im Alltagseinsatz wirklich sinnvoll ist, muss jeder selbst entscheiden. Auch über die Motorisierung mit einem 455 PS starken V8 darf in diesem Zusammenhang gerne gestritten werden. Unstrittig sind die Fahreigenschaften, die Kraftentfaltung und die für diese Größe wiederum exzellente Leichtfüßigkeit auch an engen und scheinbar für Fahrzeuge dieses Kalibers unzugänglichen Stellen. Über jeden Zweifel erhaben ist auch der Komfort, den ein GLS bietet. Ob der dem eines GLE aber tatsächlich so überlegen ist, dass 20.000 Euro mehr ausgegeben werden müssen, darf gerne angezweifelt werden.

DATENBLATTMercedes GLS 500 4Matic
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)5,13/ 1,93/ 1,85 m
Radstand3,07 m
Leergewicht (DIN)2445 kg
Sitzplätze5/7
Ladevolumen680 / 2300 Liter
MotorV8 mit 4663 ccm Hubraum
Getriebe9-Gang-Automatik
Leistung335 kW / 455 PS
KraftstoffartSuper Benzin
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h (abgeregelt)
Tankvolumen100 Liter
max. Drehmoment700 Nm ab 1800 - 4000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h5,3 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)9,2 / 14,9 / 10,9 l
Testverbrauch14,6 l
EffizienzklasseE / EU6
Grundpreis  97.104,00 Euro
Preis des Testwagens124.521,60 Euro

Quelle: ntv.de

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