Praxistest

Es braucht Mut zum Individualismus Infiniti Q50 - Premium zum Schnäppchenpreis

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Mit dem Q50 installiert Infiniti eine neue Mittelklasse und will Kunden aus dem deutschen Premium-Lager abziehen.

Premium und Individualismus - geht das? Eher nicht. Sind doch die deutschen Hersteller, die dieses Segment besetzen, im Straßenbild schon zur Massenware geworden. Anders ein Infinti Q50 Sport. Ihn sieht man kaum. Aber kann der Japaner unter 45.000 Euro der deutschen Konkurrenz das Wasser reichen?

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Mit 4,79 Metern liegt der Infiniti Q50 genau zwischen dem 3er und 5er BMW.

(Foto: Holger Preiss)

Mercedes, BMW, Audi: Premium trägt hierzulande einen deutschen Namen. Das ist gerade für Individualisten ein hartes Brot. Müssen sie doch, wollen sie denn ein einzigartiges Auto fahren, tief in die Tasche greifen, um den ohnehin nicht billigen Statussymbolen den nötigen Schliff zu geben. Doch es gibt Alternativen. Eine ist der seit Oktober vergangenen Jahres auf dem Markt befindliche Infiniti Q50 Sport. Die 1989 in den USA gegründete und dort sehr erfolgreiche Edelmarke von Nissan will jetzt auch in Europa mit verstärkter Präsenz antreten, um sich ein Scheibchen von diesem Marktsegment abzuschneiden. Und die Chancen stehen nicht schlecht.

Zwischen 3er und 5er BMW

Die Zeichnung der 4,79 Meter langen Limousine, die genau zwischen 3er und 5er BMW steht, kommt allen entgegen, die auf pure Sportlichkeit setzen. Eine ewig lange Motorhaube, unter der im Fall des Testwagens ein 2,2 Liter Diesel mit 170 PS von Mercedes pumpt. Der Verzicht auf die noch vor Jahr und Tag typischen dicken Backen an den Kotflügeln sowie die sanften, aber sehr dynamischen Schwünge der Seitenlinie machen im Verbund mit einer stark abfallenden Dachlinie und einem kurzen Heck den Viertürer zu einem waschechten Coupé. Der Kühlergrill in schwarzer Wellenoptik und mit großem Infiniti-Logo steht steil im Wind und wird von schmalen und böse schauenden Scheinwerfern gerahmt, die mit adaptivem Kurvenlicht ausgestattet sind und in LED-Technik strahlen.

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Der überarbeitete 2,2-Liter-Diesel stammt von Mercedes und leistet 170 PS.

Zudem wird der Nippon-Edelsportler auf 19-Zoll-Felgen mit fünf Dreifachspeichen und 225er Reifen gestellt. Das sieht bullig aus und ist im Zusammenspiel mit den zwei fetten Endrohren unter dem Bürzel, in die man gefühlt die geballte Faust bis zum Ellenbogen verschwinden lassen kann, ein weiteres Indiz für Kraft und Geschwindigkeit. Klar, der 170-PS-Diesel aus Stuttgart ist nur bedingt für die Rennstrecke tauglich. Aber Infiniti hat das Triebwerk im Zusammenspiel mit der etwas nervös reagierenden siebenstufigen Wandlerautomatik nicht unverändert in den Q50 gepackt. Das Aggregat teilt sich nur den Block, den Turbolader sowie das Abgas- und Einspritzsystem. Verändert wurden der Ladeluftkühler und die Motorsteuerung. So gerüstet beschleunigt der Japaner in 8,5 Sekunden von null auf Tempo 100 und wuchtet 400 Newtonmeter auf die Hinterachse. Der Mercedes-Fan wird jetzt sofort rufen: Das sind die identischen Werte des C 220 CDI.

Das ist richtig. Allerdings gibt sich der Infiniti durch die Veränderungen bei schnellen Spurteinlagen deutlich elastischer als das deutsche Urmodell, wetzt leichtfüßig an die 200-km/h-Marke und schafft es in der Spitze auf Tempo 230. Der deutsche Kollege bringt es lediglich auf eine Spitzengeschwindigkeit von 219 km/h. Zudem bietet Infiniti serienmäßig einen Fahrmodischalter, der den Piloten zwischen Standard, Sport, Snow und Personal wählen lässt. Eine Option, die Mercedes erst in der neuen C-Klasse anbietet. Ein nettes Feature ist der Farbwechsel unterhalb der Rundinstrumente zu rot, wenn die Wahl auf Sport fällt. Nicht anders ist allerdings die Soundkulisse. Etwas rau und angestrengt knurrt der Kollege, wenn die volle Leistung abgerufen wird. Im Testverlauf süffelte der Selbstzünder 7,3 Liter Diesel aus dem immerhin 70 Liter fassenden Tank. Das geht hier mit Fahrten am Geschwindigkeitslimit und ordentlich Stadtverkehreinlagen absolut in Ordnung. Allerdings ist der Wert natürlich Lichtjahre von den im Datenblatt angegebenen 4,9 Litern entfernt.

Steer-by-Wire:  Bitte mit Vorsicht genießen

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Die zwei wuchtigen Endrohre drücken die Optik mächtig in Richtung Sport.

(Foto: Holger Preiss)

Aber der Infiniti Q50 wartet auch mit Neuerungen auf, von denen die Mitbewerber bis dato die Finger gelassen haben. So ist der Japaner das erste Straßenauto der Welt, das mit einer Steer-by-Wire-Lenkung unterwegs ist. Hier werden die Lenkbefehle nicht mehr mechanisch übertragen, sondern Sensoren liefern über eine elektronische Verbindung die Bewegung des Volants an die Räder. Über wenige Berührungen im Menü lässt sich die Lenkradeinstellung von ganz weich bis knallhart einstellen. Das ist auch nötig, denn der elektronischen Lenkung fehlt es an der sonst gewohnten Rücksprache mit der Fahrbahn. Der Vorteil: Dadurch, dass die Beschaffenheit der Straße im straff abgestimmten Fahrwerk bleibt, schwebt man selbst über Kopfsteinpflaster schnurgerade hinweg. Außerdem werden Lenkbefehle wirklich im Millimeterbereich weitergegeben, ohne dass auch nur ansatzweise ein Lenkspiel zu erkennen ist, wie man es von herkömmlichen Servolenkungen kennt.

Der Nachteil: Bei schnell gefahrenen Kurven hat man keinen Kontakt zum Geläuf. Der also sonst entstehende Druck, der vom kurvenführenden Rad aufgebaut wird, bleibt vom Lenkrad fern. Aber gerade hier wünscht man sich die Information, um sein eigenes Lenkverhalten im Notfall korrigieren zu können. Allerdings, und das bleibt zu bedenken, ist es im Infiniti, als säße man an einer Lenkeinheit für Playstation oder X-Box. Dennoch bewegt man mit dem Q50 ein immerhin 1,6 Tonnen schweres Geschoss,  dessen Verlenken deutlich folgenschwerer ist als an den Konsolen. Hier ist also etwas Übung nötig, um die Actio und Reactio richtig einschätzen zu lernen. Hinzu kommt, dass das System, um überhaupt die Straßenzulassung zu erhalten, elektronisch dreifach abgesichert ist. Im Notfall greift es auf eine mechanische Lenkung zurück. Das alles ist schwerer und teurer als eine konventionelle Lenkung. Manchmal ist weniger vielleicht mehr.

Detailliebe und Elektronikrausch

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Es mag auf den ersten Blick überladen wirken, aber es ist alles an seinem Platz.

(Foto: Holger Preiss)

Das gilt auch für das wertige und mit viel Liebe zum Detail gestaltete Cockpit. Dazu gehören im Übrigen auch die Paddles für Hobby-Rennfahrer, die im Fall von Infiniti starr an der Lenksäule sitzen. Dadurch, dass sie weit geschwungen sind, erreicht man sie aber auch beim weitesten Lenkeinschlag. Wer also den Vettel geben will, der tatsächlich an der Konfiguration der Lenkung mitgearbeitet hat, kann auch über die Schalteinheit am Volant fröhlich die Gänge reinknüppeln.

Der Drehknopf auf dem Mitteltunnel ist mit Chrom ummantelt, die Grafik zwischen den Rundinstrumenten erinnert an ein Computerspiel und die Zierringe um Tacho und Drehzahlmesser gingen auch als Lünette einer Schweizer Luxusuhr durch. Dazu gibt es Klavierlack, mattiertes Chrom und geriffeltes Aluminiumblech. Jedes Detail für sich genommen sieht gut aus. Und in der Summe wirkt es auch mit den rings um das untere Display verteilten Knöpfe für Klima, Radio und Menüführung stimmig. Allerdings könnte es dem einen oder anderen zu viel sein. Der Anspruch, es möglichst jedem recht zu machen, findet seinen Höhepunkt in der Elektronik. Während der acht Zoll große obere Monitor vorrangig das Kartenmaterial zur Navigation und die Bilder der 360-Grad-Kamera liefert, ist das ein Zoll kleinere untere Display wie ein Touchpad mit Apps aufgemacht und bildet die zentrale Steuereinheit für den Q50. Das macht sich gut, denn der untere Monitor ist in der Mittelkonsole ins Wageninnere gerückt, und so extrem gut zu erreichen.

Die Apps reagieren prompt auf sanfte Berührung, wobei die Hauptpunkte Navi, Telefon und Fahrzeugeinstellungen sich auf dem Home-Screen befinden. Scrollt man hier aber zur Seite, tut sich eine App-Flut auf, die ökologische Fahrweise, Kompass, Uhr und Wartungshinweise offerieren. Wer will, kann sein Smartphone mit der Infiniti-App versehen und so seine E-Mails, Kalender, Facebook und Google auf den Q50-Bildschirm projizieren. Hinzu kommt, dass der Wagen auf jeden Fahrer und seine Vorlieben konfiguriert werden kann. Das schon erwähnte Ansprechverhalten der Lenkung, die Intensität des Spurwarners etc. - alles kann namentlich angepasst werden. Insgesamt soll es 96 Funktionen geben, die während des Testzeitraumes beim besten Willen nicht ausprobiert werden konnten. Nur so viel: Wer sich hier in Gänze zurechtfinden will, der muss tief graben, wie die Zwerge in Moria. Hat dann aber auch etwas, was die deutsche Premiumelite bis dato so nicht bietet.

Mehr als die Konkurrenz

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Die hinteren Plätze sollten große Personen auf langen Strecken meiden.

(Foto: Holger Preiss)

Doch während der Pilot noch an den Apps schraubt, kuscheln sich die Insassen in der Sportvariante des Infiniti schon auf straff abgestimmte Lederpolstern, die über sehr weit aufschwingende Türen erklommen werden. Das macht den Zustieg auch im Fond bequem, verhindert aber nicht, dass groß gewachsene Menschen sich tief ins Polster drücken müssen, um nicht mit dem Kopf an den Himmel zu stoßen. Aber das ist eine Sache, die schnittige Fahrzeuge nun mal so an sich haben. Ansonsten ist die Kniefreiheit durchaus ausreichend, denn Erwachsene können ihre Füße ohne Probleme unter den Vordersitzen verschwinden lassen. Selbst für Kinder lassen sich quengelfreie Positionen finden.

Der Kofferraum fast 400 Liter, steigt aber wie in der neuen C-Klasse zur Rückbank unsinnigerweise an. Ärgerlich und wirklich nicht zeitgemäß ist, dass eine geteilt umklappbare Rücksitzlehne, die sich zudem nur vom Kofferraum aus entriegeln lässt, extra geordert werden muss und mit 400 Euro zu Buche schlägt. Zur Ehrenrettung sei erwähnt, dass eine aktive Spursteuerung, Reifendrucküberwachung, Geschwindigkeitsregler und –begrenzer, Bremsassistent, Alarmanlage, elektrische Fensterheber an allen Türen, Multifunktionslenkrad, elektrisch einstellbare Vordersitze mit Speicherfunktion, Lendenwirbelstütze auf der Fahrerseite und Zwei-Zonen-Klimaautomatik schon in der Ausstattungslinie Sport enthalten sind. Wer allerdings ein Navi haben will, zahlt entweder 2400 Euro oder er ordert es im Zusammenspiel mit dem Bose-Soundsystem. Das hat dann zwar 14 Lautsprecher, kostet aber 3200 Euro extra. Setzt man dieses Geld aber zum Grundpreis des Q50 Sport von 43.570 Euro ins Verhältnis, liegt man weit unter dem, was deutsche Premiummarken  hier aufrufen.

Fazit: Der Infiniti Q50 Sport ist ein Auto für alle, die sich nicht dem Markenprestige unterwerfen wollen. Die zwischen 3er BMW und Mercedes C-Klasse schwanken und denen ein sportlicher Auftritt wichtiger ist als die Zuladung. Die daran glauben, dass auch ausländische Fabrikate technisch mit der deutschen Konkurrenz auf Augenhöhe fahren. Und es ist ein Auto für die, denen es keine Sorgen bereitet, dass es in ganz Deutschland derzeit lediglich fünf Infiniti-Händler gibt.

 

DATENBLATTInfiniti Q50 Sport 2,2D 7AT
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,79 / 1,82 / 1,45m
Leergewicht (DIN)1641 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen400 Liter
MotorReihen-Vierzylinder Diesel mit 2143 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Wandlerautomatik
Leistung125kW/170 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit230 km/h
max. Drehmoment400 Nm 1600 - 2800 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)6,0 / 4,1 / 4,8l
Testverbrauch7,3 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
124 g/km
EmissionsklasseEU5
Grundpreis34.350 Euro
Preis des Testwagens43.670 Euro

Quelle: n-tv.de