Praxistest

Ein eigentümliches Gefühl VW Tiguan - immer noch ganz vorn?

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Mit einem leichten Facelift ist der VW Tiguan im vergangenen Jahr in sein neues Leben gestartet.

(Foto: Holger Preiss)

Der Tiguan ist ein Bestseller. Selbst der Golf sieht nur noch die Rücklichter des Kompakt-SUV. Im letzten Jahr erfuhr der Crossover ein Facelift und bekam einen neuen, 150 PS starken Diesel eingepflanzt. So bestückt soll er im ntv.de-Praxistest beweisen, ob er immer noch der Platzhirsch ist.

Der VW Tiguan hat den Golf längst gnadenlos abgehängt, was die Verkaufszahlen betrifft. Seit 2007 trifft das Kompakt-SUV den Nerv der Kundschaft und hat sich für die Wolfsburger über die Jahre zu einer wahren Goldgrube entwickelt. Und weil das so bleiben soll, gab es für die 2016 eingeführte zweite Generation im vergangenen Jahr ein Facelift. Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass so eine Modellpflege kein Modellwechsel ist, sondern eben nur eine Gesichtsstraffung. So auch beim Tiguan, der eine veränderte Front und einen neuen Schriftzug am Heck bekommen hat. Natürlich ist auch das Felgendesign überarbeitet worden, so dass der Bestseller schon wieder ein gutes Stück flotter aussieht als noch vor vier Jahren.

Der Fluch der Gleichteile

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In vier Werken fuhren zuletzt 910.926 VW Tiguan pro Jahr vom Band.

(Foto: Holger Preiss)

Und dennoch beschleicht den Autor beim Besteigen des Testwagens ein eigentümliches Gefühl des Bekannten. Nein, nicht so, wie man es vom Golf kennt, der mit jeder neuen Generation diese Empfindung des Nachhausekommens erzeugt. Im Tiguan ist es eher der Eindruck: "Das habe ich schon woanders gesehen". Kurz, die Gleichteil-Politik bei VW sorgt im Tiguan dafür. Da ist zum Beispiel die Umstellung der manuellen Klimaanlagensteuerung auf stylische Slider, die sowohl auf den Finger-Touch als auch auf den Fingerstrich reagieren. Das Ganze übrigens nicht immer präzise und es bedarf einiger Übung, bis man hier das richtige Tempo und die richtigen Punkte für die Wunscheinstellungen gefunden hat.

Aber das gleiche Spiel und damit auch dieselbe Bedieneinheit gibt es im VW Arteon. Nun ist das nicht ehrenrührig, wenn man sich hier mit dem angesagten Premiummodell der Niedersachsen auf eine Stufe stellt. Aber ebenso wie für den Arteon bietet VW auch im Tiguan optional ein Head-up-Display an. Im Testwagen, der in der Edelausstattung Elegance erschien, gab es das natürlich auch. Aber statt zeitgemäß die Infos in die Frontscheibe zu projizieren, fährt wie beim Arteon ein Plastikscheibchen aus dem Dashboard aus, auf dem dann kleinwagengleich dem Piloten die Fahrinfos verabreicht werden. Ja, ich weiß, das Zeug ist wahrscheinlich schon 2017 bestellt worden und muss jetzt mal weg. Aber der Kunde eines Fahrzeugs, das am Ende des Tages 48.000 Euro kostet, hat eigentlich etwas anderes verdient. Und wer die Wahl hat, der sollte die 510 Euro besser für ein Digital Cockpit Pro einsetzen statt für die winzige Projektionsfläche.

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Im Cockpit des VW Tiguan stört nur das Head-up-Display in Form einer Plastikscheibe.

(Foto: Holger Preiss)

Ähnliches gilt für das interne Navigationssystem, das bei der Wegfindung auf den Teststrecken nicht die glücklichste Routenführung bewies. Natürlich kann man sich dem entziehen, denn VW bietet - und das ist ein ganz großes Plus - eine drahtlose Konnektivität mit der Multimediaeinheit, auf der das Smartphone, egal ob Apple oder Android, gespiegelt werden kann. Über Google Maps oder Apple Karten klappt es dann auch mit den Wegweisungen. Und das war es jetzt auch schon mit dem gemeinen Meckern. Ansonsten gab sich der Testwagen nämlich keine Blöße.

Neues mit altbewährten Tugenden

Das mag auch daran gelegen haben, dass der Tiguan mit dem neuen 2,0 Liter Diesel und doppelter AdBlue-Abgasreinigung vorgefahren kam. Wie gehabt leistet der Vierzylinder 150 PS und drückt im Falle des Testwagens 360 Newtonmeter auf alle vier Räder. Für die Kraftverteilung ist das altbewährte 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe verantwortlich, das auch hier einen hervorragenden Job macht. Dank des Allradantriebs und entsprechender Fahrmodi gibt es für den 4Motion dann auch kaum eine Witterung oder einen Untergrund, der ihm Probleme bereitet. Nein, ein Offroader ist der Tiguan auch nach dem Facelift nicht. Genauso wenig wie eine Rennmaschine.

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Der VW Tiguan hat tolle Sitzmöbel und ausreichend Platz im Fond.

(Foto: Holger Preiss)

Dennoch gestattet der Crossover seinem Fahrer auch mal einen zackigen Gang um die Kurve. Das ist sowohl dem Fahrwerk als auch der direkten und feinfühligen Lenkung geschuldet. Allerdings sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Käufer auf das Kreuz in der Optionsliste für die adaptive Fahrwerksregelung (DCC) getrost verzichten kann. Die Unterschiede sind im Alltagsbetrieb marginal und echt nicht der Rede wert, denn die 150 Diesel-Pferdchen lassen den Wolfsburger auch so sauber und ohne Versatz vom Schritt in den Trab und anschließend in den Galopp übergehen.

Schlanker Verbrauch

Im Datenblatt liest sich das dann wie folgt: 9,3 Sekunden dauert es, das 1,75 Tonnen schwere SUV auf Tempo 100 zu beschleunigen und die Spitzengeschwindigkeit gibt VW hier mit 198 km/h an. Beide Werte treffen zu. Erster, wenn man den Fahrmodischalter auf Sport stellt und den Pin verwegen gen Bodenblech bringt, zweiter ist auch in Normal oder Comfort zu erreichen, wenn die Strecke plan und der Autobahnabschnitt offen ist. Selbst wer hier über längere Distanzen mit schwerem Gasfuß unterwegs ist, muss keine Angst beim Blick auf den Verbrauch haben. Im Test standen 8,9 Liter auf der Uhr, was absolut in Ordnung geht und mit einem Benziner oder auch Plug-in-Hybrid über die Teststrecke von 1200 Kilometern nicht zu erreichen gewesen wäre.

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Der 150 PS starke Diesel im VW Tiguan ist kein Gigant, aber ein solider Arbeiter.

(Foto: Holger Preiss)

Aber, und auch das erfreut den Langläufer, wer den Diesel sanft bewegt, sich nicht auf ständiges Überholen oder Geschwindigkeitsduelle einlässt, der geht hier mit einem Verbrauch von 6,4 Litern aus dem Rennen, was so ziemlich genau der von VW angegebenen WLTP-Messung von 6,2 Litern über 100 Kilometer entspricht. Das wiederum würde den Tiguan mit einer Tankfüllung von 58 Litern gut 900 Kilometer weit bringen, bei einem CO2-Ausstoß von 135 bis 129 g/km, was wiederum der Effizienzklasse A entspricht.

Platz ist nicht sein Problem

Nun gut, zurück zur Langstrecke, welche die Passagiere im Tiguan ausgesprochen angenehm untergebracht zurücklegen. Die Sitze sind ordentlich straff, aber nicht zu hart und bieten einen guten Seitenhalt. Wenn die zweite Reihe, die sich in Längsrichtung verschieben lässt, ganz hinten ist, können die Reisenden im Fond sogar bequem die Beine übereinanderschlagen. Auch das Kofferraumvolumen, das das 4,51 Meter lange SUV mit 615 Litern bietet, dürfte keine Ladeprobleme verursachen. Wer die Lehne der Rückbank in die Horizontale bringt, der darf sogar auf ein Volumen von 1655 Liter zurückgreifen.

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Bis zu 1655 Liter fasst der Kofferraum des VW Tiguan.

(Foto: Holger Preiss)

Auch abseits des Gepäckabteils hat VW für ordentlich Stauraum gesorgt. Da ist Platz genug für große Wasserflaschen in den Türinnenseiten, im Dachhimmel gibt es auf Wunsch zwei große Klappfächer, in denen die ganze Bagage ihre Brillen und anderen Kleinkram verstauen kann und auch das Fach unter der Mittelarmlehne nimmt wie das Handschuhfach noch das eine oder andere auf. So gesehen ist und bleibt der Tiguan ein Familienfreund mit Reisecharakter, der alle Bedürfnisse befriedigen dürfte. Auch die nach einem Anhänger. Denn immerhin darf das SUV 2,5 Tonnen an den Haken nehmen.

Wer knausert, sucht weiter

Doch bevor das passiert, muss der potenzielle Kunde erst einmal Geld in die Hand nehmen. Und das ist bei Volkswagen nicht wenig. Mindestens 29.000 Euro möchte man in Wolfsburg für einen puren Tiguan haben. Dafür gibt es aber schon LED-Scheinwerfer, 17-Zoll-Räder und die oben beschriebene Möglichkeit, sein Smartphone mit der Multimediaeinheit zu koppeln. Befeuert wird diese Einstiegsvariante allerdings von einem 1,5 Liter Benziner mit 130 PS, dessen 220 Newtonmeter Drehmoment über eine manuelle Sechsgangschaltung verteilt werden. Eine 3-Zonen-Klimaautomatik, Komfortsitze, Einparkhilfe sowie eine Dachreling gibt es erst in der nächsthöheren Ausstattungslinie Life für 30.750 Euro.

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Ein Schnäppchen ist der VW Tiguan nicht, aber dank seines zeitlosen Designs auch in Jahren noch ansehnlich.

(Foto: Holger Preiss)

Wer jetzt aber wirklich von den wichtigen Beigaben profitieren möchte, der zahlt in allen Ausstattungsvarianten drauf. Klar, die geringste Zuzahlung wird bei der Ausstattungslinie Elegance ab 37.810 Euro fällig. Aber selbst hier werden die Fahrassistenten wie der Parklenkassistent, der adaptive Spurhalter, Spurwechselassistent und die Verkehrszeichenerkennung, alles sehr zu empfehlen, mit 770 Euro berechnet. Das Matrix-LED-Licht kostet 615 Euro. Das Navigationssystem inklusive Streaming und Internet schlägt mit zusätzlich 1625 Euro zu Buche und die adaptive Fahrwerksregelung (DCC) wird mit 1045 Euro veranschlagt. Am Ende steht dann wie beim Testwagen eine Summe von 48.550 Euro unter dem Strich, was für einen Kompaktwagen schon eine ordentliche Stange Geld ist.

DATENBLATTVW Tiguan Elegance 2.0 TDI SCR 4Motion DSG
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,51 / 1,84 / 1,68 m
Radstand2,68 m
Leergewicht (DIN)1723 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen520 / 615 / 1655 Liter
MotorVierzylinder Turbodiesel mit 1968 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung110 kW / 150 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit198 km/h
Tankvolumen58 Liter
max. Drehmoment360 Nm / bei 1600 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h9,3 Sekunden
Überhangwinkel vorn / hinten23,8 Grad / 16,4 Grad
Rampenwinkel15,5 Grad
Normverbrauch (WLTP) 6,2 l
Testverbrauch7,4 l
EffizienzklasseA
Grundpreis37.810 Euro
Preis des Testwagens48.550 Euro

Fazit: Der VW Tiguan zeigt nach wie vor kaum Schwächen und es gilt auch weiterhin, dass der Käufer hier nicht viel falsch machen kann. Allerdings lohnt es sich angesichts des Preises und auch des Angebots der Mitbewerber, die unter Umständen mehr für das gleiche Geld bieten, den Spruch im Hinterkopf zu bewahren: Drum prüfe, wer sich länger bindet, ob sich nicht noch was Preiswerteres findet.

Quelle: ntv.de