Infografik

Aktuelle Zahlen im Überblick Wie Pfingsten die Corona-Daten verzerrt

Die Fallzahlen sinken: Am ersten Werktag nach dem langen Wochenende meldet das Robert-Koch-Institut so wenig Neuinfektionen wie seit vergangenem Herbst nicht mehr. Ist die Corona-Krise überstanden? Welche Rolle spielt der Feiertagseffekt?

Die Coronavirus-Pandemie verliert scheinbar an Schärfe: Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen geht zurück. Am Dienstag nach Pfingsten verzeichnet das Robert-Koch-Institut (RKI) bundesweit weniger als 2000 neue Corona-Fälle. Die berichtete Anzahl von 1911 erkannten Ansteckungen stellt nicht nur den geringsten Tageszuwachs des laufenden Jahres dar, sondern zugleich auch den niedrigsten RKI-Wert seit letztem Oktober.

Ist die Corona-Krise damit überwunden, ist Deutschland schon aus dem Gröbsten raus? Sicher ist bislang nur: Das Virus kursiert noch immer im Land. Neue Coronavirus-Fälle treten nach wie vor noch in allen Regionen Deutschlands auf.

Auch das RKI warnt vor voreiligen Schlüssen. Aktuell dürften erneut Feiertagseffekte die Zahlen nach unten verzerren, heißt es. Das niedrige Niveau sei nur eingeschränkt mit den Werten aus den Vorwochen vergleichbar.

Bei der Interpretation der Meldedaten sei zu beachten, dass "an Feier- und Brückentagen weniger Personen einen Arzt aufsuchen, wodurch auch weniger Proben genommen und weniger Laboruntersuchungen durchgeführt werden". Dies führe dazu, schreiben die Experten, dass "weniger Erregernachweise an die zuständigen Gesundheitsämter gemeldet" würden.

In den zurückliegenden 14 Tagen gab es tatsächlich zwei Feiertage, die das Meldeaufkommen beeinflusst haben könnten: Der Himmelfahrtstag bot ab 20. Mai Anlass für ein per Brückentag verlängertes Wochenende. Eine Woche später folgte mit dem Pfingstmontag ein weiterer bundesweit geltender gesetzlicher Feiertag.

Die verzerrenden Effekte wirken auf unterschiedlichen Ebenen. Beeinflusst vom öffentlichen Verhalten sinkt zunächst das Testaufkommen: Schon an regulären Wochenenden gehen weniger Menschen zum Arzt. Viele Hausarztpraxen haben Samstag und Sonntag gar nicht geöffnet. An den üblicherweise freien Tagen sinkt zudem der Druck auf Arbeitnehmer, sich aufgrund etwaiger leichter Symptome um eine Krankschreibung bemühen zu müssen.

Rund um die Brücken- und Feiertage ballen sich aus naheliegenden Gründen die Urlaubswünsche. In vielen Unternehmen erfordert die Urlaubsplanung größeren Vorlauf. Bei den freien Tagen handelt es sich demnach um Monate im Voraus festgelegte Termine. In vielen Fällen müssen diese Planungen in den Familien zudem mit der Lage der Schulferien synchronisiert werden - egal, ob unter Pandemiebedingungen größere Ausflüge oder gar Fernreisen möglich sind oder nicht.

In 5 der 16 Bundesländer haben Schulkinder rund um Pfingsten größere Ferien, darunter auch in bevölkerungsreichen Ländern wie Baden-Württemberg und Bayern. Bei bundesweit rund neun Millionen Schülerinnen und Schülern fallen Ferien durchaus ins Gewicht. Der Bedarf an Schnelltests geht zurück, in der Folge sinkt auch die Anzahl der zugeführten PCR-Tests, die im Verdachtsfall obligatorisch fällig werden. Das allgemeine Testaufkommen sinkt. Zuletzt waren es 1,082 Millionen Tests pro Woche.

Feiertage beeinflussen über die Ferien- und Urlaubsplanung jedoch nicht nur das Verhalten der breiten Öffentlichkeit, sondern natürlich auch die Kapazitäten in Laboren und Gesundheitsämtern. Dort arbeiten Fachkräfte seit mehr als einem Jahr im Ausnahmezustand. Trotz vereinzelter Verstärkung durch die Bundeswehr oder das Personal anderer Behörden können die Ämter ihren Betrieb nicht an sieben Tagen in der Woche gleichermaßen aufrechterhalten.

Die unzureichende Personalausstattung und die eingeschränkte Besetzung in den Ämtern ist weiterhin ein schwelendes Problem in Deutschland. Einzelne Gesundheitsämter leiten am Wochenende auch im zweiten Pandemiejahr schlicht keinerlei Falldaten ans RKI weiter. Die mit mehreren Tagen Verspätung eintreffenden Nachmeldungen sorgen regelmäßig für ein schwankendes Meldeaufkommen, mit den stärksten Meldetagen zu Beginn der zweiten Wochenhälfte und den schwächeren Meldetagen jeweils zu Wochenbeginn. Durch Brücken- oder Feiertage wird dieser Effekt zusätzlich verstärkt.

Sind die Inzidenzwerte damit nutzlos? Bei aller Unschärfe bleibt die Zahl der gemeldeten Coronavirus-Infektionen weiter der beste Indikator zur Pandemielage. Alle weiteren Kennziffern liefern lediglich zusätzliche Hinweise, die das Bild ergänzen können, hängen aber - wie im Fall der Intensivbelegung oder der Zahl der Todesfälle - um mindestens zwei Wochen hinter der aktuellen Entwicklung hinterher.

Eine einzelne Kennzahl allein, das betonen Experten schon seit vergangenem Frühjahr, sollte ohnehin nie als isolierte Entscheidungsgrundlage dienen. Die tagesaktuellen Zahlen müssen demnach stets im Kontext betrachtet werden.

Im Fall der Neuinfektionen ist mit Blick auf die Daten der vergangenen Wochen bisher keine grundlegende Trendumkehr zu erkennen: Der Infektionsdruck lässt nach - und das unabhängig von Wochenend- oder Feiertagseffekten. Die dritte Ansteckungswelle scheint abzuebben. Offen ist Ende Mai 2021 zunächst nur, wie stark die rückläufige Entwicklung wirklich ausfällt - und, ob es Deutschland gelingt, einen möglichen Wiederanstieg der Fallzahlen zu verhindern.

Quelle: ntv.de

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