Infografik

Schwarz, arm, tot Zahlen zeigen das Drama von New York

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Epizentrum der Corona-Krise in den USA: In New York City legt das Virus gravierende soziale Probleme frei.

(Foto: AP)

Mehr als jeder fünfte Corona-Tote in den USA stammt aus New York City. In der Weltmetropole macht die Statistik die brutale Wirklichkeit erkennbar: Eine wohlhabende Bevölkerungsschicht genießt in der Pandemie überlebenswichtige Vorteile.

Erst blickte die Welt mit Sorge auf Wuhan, danach mit Grauen in die Lombardei und dann nach New York City: In der mit Abstand bevölkerungsreichsten Stadt der USA wurde am 1. März der erste Mensch positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Knapp zwölf Wochen später waren es bereits mehr als 200.000 Infizierte. Was genau lief in New York schief?

Ein volles Zehntel der infizierten Stadtbevölkerung ist inzwischen gestorben. Das sind mehr als 20.000 New Yorker, die im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion ums Leben kamen. Wäre New York City ein eigener Staat, dann läge die Stadt in der globalen Rangliste nach Fallzahlen auf Rang sieben, nach Todesfällen sogar auf Rang sechs. Nirgendwo sonst auf der Welt griff das Virus bislang derart um sich.

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In den Falldaten sind klare Muster zu erkennen. Grob gesagt: Wer nicht als weiß gilt und zudem nur über ein niedrigeres Einkommen verfügt, ist einem höheren Todesrisiko ausgesetzt. Das Virus offenbart so die Folgen ungleicher sozialer Verhältnisse. Eine Ansteckung mit dem Erreger, so zeigen es die Zahlen aus der offiziellen Statistik, führt in bestimmten Teilen der Stadt und bestimmten Bevölkerungsgruppen sehr viel häufiger zu einem tödlichen Ausgang als anderswo.

Brennpunkte in der Bronx

Die Pandemie ist auch für New York City längst noch nicht ausgestanden. Jedes verlorene Leben unter den rund 8,5 Millionen Einwohnern der Stadt steht für ein eigenes Schicksal, für menschliches Leid und für die Trauer der Angehörigen, wie überall auf der Welt. Doch während der tägliche Zuwachs bei den New Yorker Neuinfektionen langsam abflacht, rücken mehr und mehr bohrende Fragen in den Vordergrund: War der Tod so vieler Menschen dort wirklich unvermeidlich?

In welchem der fünf Stadtbezirke Bronx, Brooklyn, Queens, Manhattan und Staten Island zum Beispiel starben die meisten Einwohner - und warum? Die Suche nach Antworten auf diese Frage fördert gesellschaftspolitisch brisante Bedingungen zutage. Über alle Bezirksgrenzen hinweg steigt in New York City das Risiko nach einer Coronainfektion nicht nur mit dem Alter. Auch hier zählen Menschen über 65 Jahre überdurchschnittlich oft zu den Todesopfern.

Abgesehen davon jedoch sind - anders als in vielen anderen Teilen der Welt - weitere Risikofaktoren erkennbar. In der größten Stadt der USA bestimmen offenbar vor allem die Herkunft und das Einkommen darüber, wer eine Ansteckung mit dem Coronavirus überlebt und wer stirbt. Das ist umso zynischer, da dort auch auf dem Gebiet der Virologie Spitzenforschung betrieben wird und mehrere weltweit renommierte medizinische Einrichtungen zur Verfügung stehen.

Wen das Virus tötet

Wie aus den Daten der Stadtverwaltung hervorgeht, sind die höchsten Todesraten der laufenden Ansteckungswelle in jenen Teilen der Stadt zu beklagen, in denen besonders viele Afroamerikaner oder Latinos leben. Stadtteile mit einer überwiegend weißen Bevölkerung kommen dagegen vergleichsweise glimpflich davon. Dabei sind die Weißen in New York zwar die anteilig größte Bevölkerungsgruppe, stellen insgesamt jedoch deutlich weniger als die Hälfte der Stadtbevölkerung. In den USA werden diese Gruppen statistisch erhoben, um soziale Ungleichheiten erkennbar zu machen.

Bei der jüngsten Bevölkerungsstatistik aus dem Jahr 2018 bezeichneten sich lediglich 42,7 Prozent der Einwohner als "weiß". Mehr als die Hälfte aller New Yorker rechnete sich dagegen entweder der Gruppe der "Hispanics/Latinos" (29,1 Prozent) oder "Schwarzen und Afroamerikanern" (24,3 Prozent) zu, die damit zusammengenommen die Mehrheit stellen. Weitere 13,9 Prozent entfallen in den Kategorien der US-Bevölkerungsstatistik auf "Asiaten und Pazifikinsulaner", die übrigen Anteile auf andere Minderheiten, wie etwa die amerikanischen Ureinwohner und jene Menschen, die sich aufgrund ihrer Abstammung mehr als zwei ethnischen Gruppen zugehörig fühlen.

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Bei der Hautfarbe macht das Virus keinerlei Unterschied. Woran liegt es also, dass die Pandemie in mehrheitlich weißen Wohnviertel weniger stark wütet als in anderen Teilen der Stadt? Ein wichtiger Faktor ist offenbar das Geld: Wer weniger verdient, hat aus finanziellen Gründen tendenziell eine ungesündere Lebensführung und mehr Vorerkrankungen. Zudem ist das Infektionsrisiko höher bei Menschen, die im Servicebereich tätig sind, auf den öffentlichen Nahverkehr nicht verzichten können oder auf engerem Raum mit anderen zusammenleben.

Wer es sich leisten kann, flieht

Gemessen an der Anzahl der Infizierten, dem Anteil schwerer, behandlungsbedürftiger Covid-19-Fälle und der Anzahl der Todesfälle ist die New Yorker Bronx besonders stark betroffen, Manhattan dagegen besonders wenig. Die ausgedehnten Wohngebiete der Bronx liegen weit außerhalb des Stadtzentrums jenseits des Harlem River. Dort, im Norden des Stadtgebiets gibt es die regional höchsten Armutsquoten und das niedrigste Medianeinkommen.

Schon beim ersten Blick auf die regionale Verteilung der aufgeschlüsselten Letalitätsraten fällt auf: Die drei Postleitzahlbereiche der Bronx, in denen die vergleichsweise meisten Weißen leben, weisen bemerkenswert niedrige Totenzahlen auf. Dieses Muster ist laut "New York Times" stadtweit erkennbar: Je höher der Anteil "weißer" Einwohner, desto geringer ist das relative Fallaufkommen bei der Anzahl der Pandemie-Toten. Oder, anders herum ausgedrückt: In acht von zehn Postleitzahlenbereichen mit den höchsten Todeszahlen leben - unabhängig vom Alter - mehrheitlich Afroamerikaner oder Latinos.

Ausbrüche in den Randbezirken

Die Befunde sind eindeutig: Keiner der laut Fall-Inzidenz und Sterblichkeit besonders schwer betroffenen Stadtgebiete liegt im Stadtbezirk Manhattan. Dort, auf der knapp 22 Kilometer langen und rund drei Kilometer breiten gleichnamigen Insel, finden sich dagegen die meisten Postleitzahlenbereiche mit den niedrigsten Todesraten. Fast alle dieser vergleichsweise glimpflich davongekommenen Stadtteile werden von Weißen mit einem Medianeinkommen von mindestens 100.000 Dollar pro Jahr bewohnt. Darunter sind auch die reichsten Wohngegenden der Stadt.

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Das Durchschnittseinkommen der Bewohner vor Ort steht anscheinend mit dem Risiko eines tödlichen Krankheitsverlaufs in Verbindung. Unter allen Regionen der Stadt liegt die verfügbare Finanzkraft in den Postleitzahlbereichen mit den meisten Todesopfern nur halb so hoch wie in den Stadtgebieten mit den wenigsten Corona-Toten. Was ein niedrigeres Einkommen auch mit sich bringt: Wer wenig verdient, neigt im Fall einer Erkrankung eher dazu, weiter zur Arbeit zu gehen, oder bleibt zur Not lieber krank zu Hause als sich auf eine kostspielige Behandlung im Krankenhaus einzulassen. Für Besserverdienende ist es zudem leichter möglich, die Stadt für ein paar Wochen oder gar Monate zu verlassen.

Haushohe Todeszahlen

Die mit Abstand höchste Todesrate der ganzen Millionenmetropole verzeichnet ein Gebiet in Brooklyn: Dort, in Canarsie-Flatlands, wo rund 12.400 Menschen im Einzugsbereich des New Yorker Großflughafens JFK leben, kamen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in den vergangenen Wochen mehr Menschen ums Leben als irgendwo sonst im Großraum New York. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner liegt die Todesfall-Inzidenz hier bei 612. Zum Vergleich: In Italien, Spanien und Großbritannien liegt das jeweilige nationale Sterbefallaufkommen in Bereichen zwischen 54 und knapp 60 Corona-Toten je 100.000 Einwohnern.

Selbst für New Yorker Verhältnisse bildet Canarsie-Flatlands eine Ausnahme: Die lokale Todesfall-Inzidenz ragt weit über das Niveau von Flushing-Clearview im Norden von Queens hinaus, wo es unweit des LaGuardia-Flughafens mit 435 Toten je 100.000 Einwohnern die zweithöchsten Todesrate der Stadt gibt. Was macht diese Viertel so besonders?

Wohnblocks nah am Flughafen

In Canarsie-Flatlands leben den verfügbaren demographischen Daten zufolge mehrheitlich ältere, afroamerikanisch geprägte New Yorker. Zudem zählen auch die Wohnblocks der "Starrett City" dazu. Dabei handelt es sich um ein auf einer Halbinsel gelegenes Wohngebiet, in dem auf engem Raum vergleichsweise viele Menschen mit vorwiegend geringem Medianeinkommen leben.

Die Stadtverwaltung vermutet, dass überproportional viele Mehrfamilienhaushalte dort zu der höheren Todesrate geführt haben könnten. Zudem fällt auf, dass die Zahl der Tests pro 1000 Einwohner in Canarsie-Flatlands mit rund 103 vergleichsweise hoch ist im Vergleich zu anderen schwer betroffenen Gebieten. Womöglich wurden auch deshalb hier derart viele Todesfälle registriert - beziehungsweise in anderen Gebieten weniger Todesfälle mit Covid-19 in Verbindung gebracht.

Noch sind die genauen Zusammenhänge nicht genau erforscht. Fest steht jedoch bereits, dass die Spuren der Pandemie in keiner Stadt der USA so exakt dokumentiert wurden wie in New York City. Mitte April korrigierten die Behörden etwa die Zahl der Todesopfer um 3700 nach oben, als auch wahrscheinliche Covid-19-Fälle in die Zählung einbezogen wurden. In einem aufwendigen Verfahren werden weiterhin die Totenscheine nachträglich auf Ausfüll- und Schreibfehler überprüft, um eine noch genauere Erfassung zu ermöglichen. Die Coronavirus-Bilanz in New York könnte sich deshalb noch verschlimmern.

Um das wahre Ausmaß der Pandemie nachzuzeichnen, versuchen Datenspezialisten der "New York Times", eine Statistik der sogenannten Übersterblichkeit für New York City zu erstellen. Aktuell werden darin 4100 ungeklärte Todesfälle ausgewiesen, die möglicherweise auch noch mit einer Corona-Infektion in Zusammenhang stehen könnten. Bis zu einem Viertel aller Verstorbenen in der Stadt könnten noch nachträglich dem Virus zugerechnet werden, schreibt die Zeitung, die in einem aufwändigen Projekt jeden Einzelfall der Coronavirus-Krise nachzuverfolgen versucht.

Überproportionale Risiken für "Nicht-Weiße"

Experten gehen zudem von lokal höchst unterschiedlichen Dunkelziffern aus. Die Probleme, die zu einer Untererfassung in einzelnen Stadtteilen führen können, sind bekannt: In einkommensschwächeren Gebieten wird in der Regel auch weniger getestet. Ein möglicher Grund dafür dürfte tief im Gesundheitssystem verankert sein. Wer in den USA aufs Geld achten muss, geht oft erst dann zum Arzt, wenn es nicht mehr anders geht.

Da in den ärmeren Vierteln der Stadt die Todesraten schon jetzt viel höher sind als in den besser gestellten Wohnlagen, könnte die Lage in New York in Wahrheit noch viel schlimmer sein. Hinweise für diese Annahme lassen sich in den New Yorker Daten erkennen: So weisen zum Beispiel Gebiete mit hohen Todesraten oft auch einen auffallend hohen Anteil an positiven Tests auf. Das legt die Vermutung nahe, dass sich dort vor allem jene Personen um einen Coronavirus-Test bemühen, die bereits eindeutige Symptome entwickelt haben, während anderswo auch mehr leichte Verdachtsfälle getestet werden, die sich dann als nicht mit Sars-CoV-2 infiziert erweisen.

Über New York City hinaus berichten Gesundheitsexperten von ähnlichen Erfahrungen. Im ganzen Land scheint das Virus einzelne Bevölkerungsgruppen wie etwa Afroamerikaner überproportional häufig anzustecken. Dass dazu überhaupt genaue Zahlen vorliegen, hat mit der Logik der US-Zensusdaten zu tun. In den USA werden in verschiedenen Zusammenhängen stets auch ethnische Zugehörigkeiten erfasst. In der Debatte um soziale Ungleichheit stehen diese Zuordnungen voll im Rampenlicht, da sie häufig mit sozialen, ökonomischen und bildungspolitischen Merkmalen in Zusammenhang gebracht werden.

Während in Europa solche Fragestellungen anhand des Einkommensniveaus, der sozialen Stellung des Elternhauses oder des Bildungsgrad diskutiert werden, orientiert sich die US-Debatte wie selbstverständlich an ethnischen Kategorien. Bei der Erhebung von Bevölkerungsdaten - und auch bei der Ausstellung von Totenscheinen - wird die "Rasse" stets mit abgefragt.

Im Verlauf der Pandemie treten dadurch die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA in schockierender Deutlichkeit zutage. Das Risiko, an Covid-19 zu sterben, hängt in den Vereinigten Staaten massiv von der Hautfarbe ab. Oder, wie eine Lokalpolitikerin aus Brooklyn der "New York Times" sagte: "Wir sind alle im selben Sturm, sitzen aber nicht im selben Boot."

Quelle: ntv.de