Leben
Patagonien bietet spektakuläre Wanderrouten.
Patagonien bietet spektakuläre Wanderrouten.(Foto: imago stock&people)
Dienstag, 01. Mai 2018

Vom Militärposten zum Bergdorf : El Chaltén lockt mit dem Gletscher-Kick

Von Viktor Coco

Zwischen den spitzkantigen Gipfeln der Anden und der unendlichen Weite der patagonischen Steppe liegt im Süden Argentiniens das Wanderparadies El Chaltén. Es ist ein Naturspektakel vor allem für junge Abenteurer und bietet ein bisschen Mystik.

Auf der San-Martín-Straße, die von einigen Wanderwegen zurück ins Dorf führt, herrscht am Nachmittag buntes Treiben. Braungebrannte junge Kletterer machen sich mit Rucksack und Seilen über der Schulter auf zu einem Campingplatz in den Bergen. In den Souvenirläden stöbern Tagesausflügler, die aus dem über 200 Kilometer entfernten einzigen Nachbarort angereist sind. Und zufriedene Wanderer trinken nach erbrachter Leistung Craft-Bier in den letzten warmen Sonnenstrahlen, bevor sich das Licht hinter der mächtigen Andenkette versteckt.

Die berühmte Eiskappe am Cerro Torre.
Die berühmte Eiskappe am Cerro Torre.(Foto: Viktor Coco)

Aus den Kneipen dringt argentinische Rockmusik auf die Straße und auch wenn eigentlich gar nicht viel los ist: Die Stimmung hier am Fuße des Fitz-Roy-Massivs ist so entspannt wie auf einem alternativen Festival. Für Patagonien treffen hier gleich zwei Seltenheiten aufeinander: Menschen und ein windstiller Sonnentag. Denn zwischen dem 45. und 55. Grad südlicher Breite krachen ganzjährlich starke Westwinde vom Pazifik über das südpatagonische Eisfeld und sorgen in der Regel für viel Niederschlag und äußerst unbeständiges Wetter.

Als Bergsteiger Casimiro Ferrari im Jahr 1974 als Erster den "unmöglichen" Cerro Torre und seine einzigartige Eiskuppel auf über 3100 Metern bezwang, gab es den Ort El Chaltén überhaupt noch nicht. Weit und breit war keine Zivilisation zu entdecken und Ferrari und seine Leute mussten noch hunderte Kilometer weit fahren, um auch anderen Menschen als nur ein paar verstreuten Schafzüchtern von ihrer Heldentat zu berichten. Die argentinische Provinz Santa Cruz ist bis heute eine der am dünnsten besiedelten Region der Welt. Aber ganz früher lebten hier leibhaftige Riesen.

Santa Cruz - das Land der Riesen

Auf über 1,80 Meter beziffern Anthropologen die Körpergröße der Aonikenk, die vor Jahrhunderten die Steppenlandschaft östlich der Anden bis hin zur Atlantikküste besiedelten. Für den portugiesischen Entdecker Fernando Magellán, der mit seiner Besatzung als erster Europäer 1520 diese Region betrat, wirkten die Aonikenk nahezu übermenschlich. Schließlich waren Europäer damals durchschnittlich über 20 Zentimeter kleiner. Magellán erinnerten die Ureinwohner mit ihren riesigen Füßen an den Patagón ("Riesenfüßler"), ein spanisches Fabelwesen jener Zeit. Und so kam es, dass er das Land der Aonikenk als das "Land der Riesenfüßler" bezeichnete. "Patagonia" war getauft und fasziniert seither die Europäer.

Blick auf die Anden vor El Chaltén.
Blick auf die Anden vor El Chaltén.(Foto: Viktor Coco)

Von Weißen besiedelt wurde der Süden der etwa eine Million Quadratkilometer umfassenden Region Patagonien erst viel später - Ende des 19. Jahrhunderts. Die Aonikenk, mittlerweile nannte man sie "Tehuelche", wurden vom argentinischen Staat systematisch ausgerottet. Und auch mit dem Nachbarn Chile pflegte man bis in die jüngste Vergangenheit ein äußerst aggressives Verhältnis.

Argentinien wollte die Region gegen den verhassten Nachbarn absichern und gründete neue Städte entlang der ungenauen Grenze. Erst 1985 wurde an einem früheren Militärposten das Dörfchen El Chaltén geboren. "Chaltén" ("der Rauchspuckende") - so nannten die Ureinwohner den Berg Fitz Roy. Dabei handelt es sich bei dem 3406 Meter hohen imposanten Berg gar nicht um einen Vulkan, sondern das Massiv wird immer mal wieder durch das patagonische Wetter in Wolken gehüllt.

Perspektiven auf Gletscher und Kondore

Von diesen Wetterkapriolen darf man sich als Bergtourist aber nicht ausbremsen lassen. Zu zahlreich sind die Möglichkeiten, die Region zu erkunden. Leicht, mittel, schwer - zwei, fünf oder zehn Stunden: Für jedes Wanderniveau gibt es Möglichkeiten, mal mit Ausblick auf die besagten Granitnadeln um Cerro Torre und Fitz Roy, mal mit neuen Perspektiven auf Seen oder Gletscher. Neben Kondoren, Adlern und Geierfalken ("Karakaras") kann man in den Südbuchen-Wäldern auch den großen Magellanspecht entdecken. Wer Glück hat, sieht in der Dämmerung einen seltenen Huemul, den kaum einen Meter großen Südandenhirsch.

Die Wanderwege sind übrigens für hiesige Verhältnisse gut markiert. Alles ist ausgerichtet auf das Vergnügen in den Bergen im Einklang mit der Natur. Dem Dorf El Chaltén ist anzumerken, dass es geleitet wird von bergverliebten Kletterern, Wanderern und umweltbewussten Aussteigern. Die herzliche Atmosphäre in den bunten Straßen hat das junge Volk zudem auf das Umland übertragen und mittlerweile gibt es in den Sommermonaten sogar einen offiziellen Grenzübergang nach Chile. Wo noch vor wenigen Jahren bewaffnete Soldaten das Territorium vor dem Feind sichern sollten, kann man jetzt auf einer mehrtägigen spektakulären Reit- oder Wandertour die Anden durchqueren.

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Quelle: n-tv.de