Leben

In Vino Verena "Hilft Rotwein gegen das Coronavirus?"

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In einigen Kulturen gilt Alkohol als Allzweckwaffe.

Corona fördert neben Solidarität auch Ignoranz zutage. Unsere Kolumnistin über merkwürdige Beobachtungen im Alltag, Leser, die ihr geheime Rezept-Mischungen gegen Covid-19 schicken und ihre Angst, dem Wahnsinn anheimzufallen.

Liebe Leserinnen und Leser, eins vorab: Während ich diese Kolumne hier schreibe, bin ich nicht besoffen - wirklich nicht! Ich gebe zu, ich wäre nicht abgeneigt, mir jetzt einen einzulöten, aber erstens ist es ein Irrglaube vieler Schriftsteller, mit ein bisschen was intus besser zu schreiben und zweitens ist es erst mittags. Vor ein paar Wochen habe ich eine Kolumne über meine Depression geschrieben und ich sage Ihnen ganz ehrlich, ich habe manchmal, unabhängig von meiner psychischen Erkrankung, das Gefühl, dass wir - Sie, werte Leserschaft und ich - die wenigen in diesem Corona-Zirkus sind, die noch halbwegs rundlaufen. Ich bin von Wahnsinn und Irrwitz umgeben! Alles ist so verrückt, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Nach "Anleitung zum Unglücklichsein" des Psychotherapeuten und Philosophen Paul Watzlawick las ich unlängst auch sein Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?", indem er auf amüsante Weise über die sogenannte Wirklichkeit schreibt und darüber, wie unsere Kommunikation unsere Wahrnehmung beeinflusst. So sagt Watzlawick beispielsweise: "Man kann nicht nicht kommunizieren". Okay, verstehe. Aber ich bin inzwischen anscheinend schon so ballaballa, dass ich da gern widersprechen würde.

Fallbeispiel: Ich laufe auf dem Bürgersteig. Es ist Corona-Zeit. Die wievielte Woche, blende ich aus, aber wir wissen, die Gefahr ist nicht gebannt, nur weil die Sonne vom wolkenlosen Himmel scheint. Eine Dreiergruppe kommt mir entgegen. Ich sehe sie ganz klar und deutlich vor mir! Sie kommen auf mich zu, immer näher und näher! Ich schaue allen dreien freundlich ins Gesicht, ich signalisiere ihnen durch meine Körpersprache, ein Stückchen nach rechts zu gehen. Sie hingegen signalisieren mir - nichts! Sie latschen einfach weiter auf mich zu. Rechts von mir sind Sträucher mit Stacheln, ich sehe mich schon hineinplumpsen! Aber ich nehme es hin, denn da ist diese leise Hoffnung in mir, so doll von den Stacheln gepikt zu werden, dass ich plötzlich aufwache und feststelle, alles nur geträumt zu haben. Stattdessen bin ich umgeben von Ignoranz!

Superhelden-Kräfte und Ausweichmanöver

Die Leute, die mir entgegenkommen, machen mir keinen Platz, und wenn ich, wie jetzt, darüber nachdenke, weiß ich natürlich, dass es diese ignoranten Knilche nicht erst seit Corona gibt. Ich habe auch schon vorher auf engen Wegen die Schultern nach vorn gezogen, während sie stur und breitschultrig auf ihrer Spur blieben. Mir wurscht, ich bleibe positiv und rege mich nicht auf. Zack, da sind auch schon die Nächsten in Sicht! Ich betreibe erneut nonverbale Kommunikation: Ich winke und zappele und tanze auf dem Gehweg. Nix - keine Reaktion! Auch diese Leute latschen einfach weiter und ich frage mich, Momentchen: Vielleicht habe ich ja eine Superheldenkraft, die ich nur noch nicht bemerkt habe? Ich bin unsichtbar! Ist das nicht wahnsinnig genial?

Während mir die Pappnasen weiter entgegenkommen, ohne auch nur einen Zentimeter zur Seite zu gehen, stelle ich mir vor, was ich mit meiner Unsichtbarkeit alles machen könnte und spüre, wie mein ganzer Körper von purer Freude durchströmt wird und die Depression für einen Moment komplett verschwunden ist. Ich könnte bei Leuten einreiten, die nichts Besseres zu tun haben, als in diesen Zeiten zu zündeln. Allen fiesen Abmahnanwälten, die Frauen anzeigen wollen, die sich ehrenamtlich hinsetzen und Gesichtsmasken nähen, könnte ich ungesehen so dermaßen viel Rizinusöl in ihren morgendlichen Kaffee schütten, dass die einen Monat nicht mehr vom Pott runterkämen! Und dann kein Klopapier! Ach, die Fantasie ginge noch viel mehr mit mir durch, würde ich nun nicht doch in den Sträuchern landen.

Irgendwann nach dem x-ten Ausweichmanöver motze ich: "Gehört der Gehweg Ihnen? Könnse nicht gefälligst auch ein Stück zur Seite gehen? Schon mal was von Abstand halten gehört?" Die beiden Frauen schauen mich so perplex an, als hätte ich komplett einen an der Waffel, sie so etwas überhaupt zu fragen. Verständnislos schütteln sie ihre Köpfe und schlendern weiter. Später an diesem Tag gehen mir Leute mit Schutzmasken auf den Keks, die meinen, mit so einem Stöffchen vorm Zinken könnten sie ganz dicht an der Kasse hinter mir stehen - denn sie sind ja nun geschützt! Hilfe, er ist nicht auszuhalten - dieser Wahnsinn!

Geheimrezept gegen Corona

Abends lese ich die vielen, vielen Corona-Texte. Ich spreche mit Leuten, die in dieser Zeit positive Signale setzen wollen, mit einem Krankenpfleger und einem Schauspieler, der trotz Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst voller Optimismus ist. Das brauchen wir jetzt mehr denn je, denke ich und ärgere mich über die vielen Artikel ohne Aussage. Aber Hauptsache, das C-Wort steht oben drüber! Kann man vom Pimpern Corona kriegen? Tja, kommt drauf an: wenn man das Kondom über die Rübe zieht, vielleicht nicht. Wir wissen, das Virus wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Von daher gehe ich streng davon aus, dass weder Vanillepudding schnell Abhilfe schafft noch auf Balkonien 30 Kippen am Stück durchzublasen.

Aber bestimmt liegt es an mir, zu glauben, dass diese Krise (auch vermehrt) die Tollheit in den Menschen fördert. Manchmal schreiben mir zum Beispiel Leser. Ich finde Leserpost toll. Es sind viele kluge Frauen und Männer darunter, das freut mich. Aber gut, vielleicht sehe auch nur ich das so und in Wirklichkeit sind sie, um auf Watzlawick zurückzukommen, genauso verrückt wie ich?!

Denn tatsächlich gibt es einige unter ihnen, die mir ihre Geheimrezept-Mischungen schicken, um gegen das Virus "gewappnet" zu sein. Diese Mischungen würden "ewig und ein Jahr halten" und "garantiert alle Erreger killen". Man müsse sie 35 Sekunden im Mund behalten und gurgeln, bevor man schluckt. Auf keinen Fall 34 Sekunden, dann bekäme man "Dünnpfiff". Schon klar. Die Leute fragen sich in diesen Tagen viel, was gegen Corona hilft. Hilft Magnesiumchlorid gegen Corona? Oder doch Vanillepudding? Vielleicht ja Rotwein? Oder aber auch einfach nur ein bisschen mehr Rücksicht und weniger Ignoranz.

Quelle: ntv.de

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