Leben

Jenseits der Pride Parade In Israel wird LGBT politisch

LGBT Israel II.jpg

Die Gay Pride ist in Israel beliebt - aber die Community möchte auch im Parlament vertreten sein.

In Tel Aviv gründet sich eine Partei, die sich ausdrücklich in der schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Gemeinschaft verortet. Die Mitglieder haben die Wahlen 2019 im Blick und träumen sogar von einer Regierungsbeteiligung.

Am Abend des 1. August 2009 gegen 23 Uhr betritt eine maskierte Person mit Schusswaffen das Aguda-Gebäude in Tel Aviv und eröffnet das Feuer auf das "Jugendfestival", das dort gefeiert wird. Zwei Menschen werden getötet, fünfzehn verletzt. Anders als bei vielen Terroranschlägen in den vergangenen Jahren in Israel war dies aber kein islamistischer. Der Täter, der erst vier Jahre später gefasst werden konnte, gab als Grund ein homophobes Motiv an. Das "Jugendfestival" feierte Tel Avivs LGBT-Gemeinde (englische Abkürzung für "Lesbians, Gays, Bisexuals und Transgender").

Tomer Hoffman.jpg

Tomer Hoffman beklagt die physische Gewalt gegen Homosexuelle.

(Foto: Tal Leder)

Einer, der den Anschlag damals überlebte, war Tomer Hoffman. Er musste mit ansehen, wie sein bester Freund im Kugelhagel starb. "Diskriminierung und physische Gewalt gegen Homosexuelle gab es in Israel schon früher," erzählt der 42-Jährige, der mittlerweile als Augenarzt in Tel Aviv tätig ist. "Zweimal, in den Jahren 2005 und 2015, wurde sogar die Schwulenparade in Jerusalem von Gewalt überschattet, als ein ultra-orthodoxer Jude mehrere Demonstranten mit einem Messer attackierte und zum Teil schwer verletzte." 

Obwohl Tel Aviv als schwulen-und lesbenfreundlichste Stadt im Nahen Osten gilt und sich auch einige Parteien in Israel, wie die linksliberale Meretz, für ihre Rechte einsetzen, fühlen sich doch viele aus der LGBT-Gemeinde im Stich gelassen und nicht richtig vertreten. Jetzt aber haben einige Mitglieder der Aguda-Union entschieden, eine eigene Partei zu gründen, um nicht nur für die Rechte von Homosexuellen zu kämpfen, sondern auch ihre Gruppe politisch zu repräsentieren.

Imri Kalmann.jpg

Imri Kalmann ist einer der Vorkämpfer für die neue LGBT-Partei und hat die Parlamentswahlen fest im Blick.

(Foto: Tal Leder)

"In der Knesset gibt es schon lange Homosexuelle. Sowohl in der Fraktion als auch bei den Lobbyisten, aber sie haben sich nie als besonders ausdrucksstark erwiesen", sagt Imri Kalmann, einer der Gründer der neuen LGBT-Partei. "Auch haben wir schwule Abgeordnete in der Knesset wie etwa bei Meretz, der Zionistischen Union (eine Vereinigung von Sozialdemokraten und das Mitte-Links Bündnis "Ha'Tnua") sowie auch beim Likud. Doch sie waren ebenfalls nicht effektiv genug, weil sie größere Verpflichtungen für ihre Partei hatten als für unsere Gemeinschaft." Mit Blick auf die israelischen Parlamentswahlen im nächsten Jahr fügt er noch hinzu, "dass wir eine Partei brauchen, die sich darauf konzentriert, Veränderungen herbeizuführen und die Interessen der Schwulen und Lesben in der israelischen Politik voranzutreiben."

"Viele Parteien schmücken sich gerne damit, dass sie sich für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzen," sagt Tomer, der Mitglied der LGBT-Aguda in Tel Aviv ist. "Aber für unsere eigenen Forderungen einstehen, können wir Homosexuelle viel besser." Im Mai 2009 heiratete er seine langjährigen Partner Itzchak Mizrahi auf Zypern, zwei Jahre später wurden sie Eltern von Zwillingen.

"Wir können für uns selbst einstehen"

Begeistert von der Gründung der neuen schwulen Partei erklärt Tomer, "dass Heterosexuelle uns nicht wirklich repräsentieren können. Es ist an der Zeit, endlich eigene Vertreter in der israelischen Politik zu haben. Wir sind eine organisierte Gemeinschaft und haben schon sehr viel erreicht. In dieser Partei können wir für uns selbst einstehen."

LGBT Israel.jpg

Israel ist sehr LGBT-freundlich. Tel Aviv gilt als Zentrum der Gemeinschaft.

Im Vergleich zu den anderen Ländern im Nahen Osten ist Israel gegenüber LGBT tolerant. Trotz Vorbehalten in einigen von Machokultur sowie stark religiös und orthodox geprägten Gesellschaftsbereichen sind Schwule und Lesben mittlerweile Teil des öffentlichen Lebens. Israel war 2001 außerdem das erste Land in Asien, das Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz schützte.

Gegen erhebliche Widerstände wurde auch die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ermöglicht. Eine eingetragene Partnerschaft ist seit 2002 erlaubt, vier Jahre später bekamen Homo-Ehen, die im Ausland geschlossen werden, ebenfalls Gültigkeit. Speziell Tel Aviv mit seiner jährlich im Sommer stattfindenden Pride Parade mit über 200.000 Teilnehmern aus der ganzen Welt, die mit Regenbogenfahnen quer durch die Mittelmeermetropole ziehen, gilt in der Region als besonders "Gay friendly" und wurde 2011 sogar als schwulenfreundlichste Stadt der Welt bezeichnet.

Laut Umfragen könnte die neue Partei, die immer noch nach einem passenden Namen sucht, bei den nächsten Wahlen 2019 die 3,25-Prozent-Hürde locker erreichen und es in die Knesset schaffen.

Prominente für Parteispitze gesucht

Imri Kalmann hat sich bereits entschieden, dass er der Partei nicht als Spitzenkandidat zur Verfügung stehen wird. Er zieht es vor, eher bekannte LGBT-Persönlichkeiten in Israel für seine neue politische Bewegung zu gewinnen. Der beliebte Basketballspieler Gili Mosinzon, der sich vor einiger Zeit als bisexuell outete, hat bereits Interesse bekundet. Doch auch aktuelle Knessetmitglieder wie Itzik Shmuli von der Zionistischen Union oder sogar der charismatische ehemalige Peace-Now-Vorsitzende und Meretz-Politiker Avi Buskila könnten dafür infrage kommen.

Laut Kalmann soll seine neue Partei nicht nur die LGBT-Gemeinde vertreten, sondern sich auch für Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau, Wahlreformen, religiösen Pluralismus und den Friedensprozess einsetzen. Vor allem möchte er erreichen, dass Toleranz schon in der Schule gelehrt wird, um so die Angst vor der Begegnung mit dem Fremden zu nehmen.

Dem pflichten auch Tomer Hoffman und sein Lebenspartner bei. "Aufklärung ist ganz wichtig und 'Haskala' (hebräisch: Bildung, Philosophie) war schon in den letzten 250 Jahren ein wichtiger Bestandteil für die jüdische Welt." Tatsächlich beruhte diese Bewegung auf den Ideen der europäischen Aufklärung und trat für Toleranz und eine gleichberechtigte Stellung der Juden in deren Gesellschaften ein. "Vielleicht wird die LGBT-Partei in ein paar Jahren Teil der Regierung sein," lacht Tomer, "dann wäre es gut, wenn wir das Erziehungsministerium übernehmen."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema