Leben

Aus der Schmoll-Ecke Nun auch Yoga unter Rassismus-Verdacht

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Unser Autor hat ganz andere Vorstellungen von einem Guru.

(Foto: imago images/Westend61)

Hurra, seit bekannt ist, dass Warnungen keine Drohungen sind, konnte die Diskussion über "Cancel Culture" als Gespensterdebatte entlarvt und abgeblasen werden. So einfach kann man es sich machen. Dann reden wir lieber über "die problematischen Seiten des Yoga".

Genossinnen und Genossen, Freunde und Freundinnen, die ihr Folterknecht_innen schreibt, die ihr den Genderstar so lieb habt wie die Segelnden den Polarstern, ihr könnt aufatmen. Geschuldet ist das der Korrektur des "Nochtspeicher", dass es sich nicht um "Drohungen" gegen die Lesung von Lisa Eckhart beim "Debütantensalon" des Hamburger "Harbour Front Festivals" handelte. Was für ein Glück! "Wir haben Warnungen bezüglich einer Störung oder Sprengung der Veranstaltung erhalten, die uns plausibel schienen." Wie beruhigend.

Ich gehe einmal fest davon aus, dass mit Sprengung keine Bombe vom Typ "Beirut" oder so gemeint war. Somit ist alles wieder heile. Sicher, Unwetterwarnungen werden in der Regel von Wettervorhersagenden ausgesprochen, weil Orkane oder Ähnliches drohen. Das Wort "drohen" ist hier aber völlig anders gemeint. Der Wissenschaft ist kein einziger Sturm bekannt, der ernsthaft jemandem drohte. Die "Warnungen aus der Nachbarschaft" - gemeint ist die Hafenstraße, bekannt als Hort der Toleranz und Meinungsvielfalt - haben nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern waren vermutlich - aus einer Laune des Schicksals heraus - frei erfunden.

Wie auch immer: Dank dieser scheinbar banalen, aber grandiosen Erkenntnis, dass Warnungen keine Drohungen sind, konnte die Debatte um "Cancel Culture" als Gespenst* entlarvt werden. (Ist euch das wunderhübsche Gendersternchen hinter Gespenst aufgefallen? Ein Sehrgutmensch wie ich schließt selbstverständlich auch das dritte Geschlecht mit ein für den Fall, dass das eine oder andere Gespenst noch nicht weiß, wohin es sich einsortieren möchte.) Doch nun zurück zur kurzzeitig aufkommenden Diskussion um "Cancel Culture", die also aufgrund der Tatsache, dass Warnungen Hirngespinste - oder besser: Hirngespenster - und daher keine Drohungen sind, als Gespensterdebatte entlarvt werden konnte. Man muss nicht über etwas diskutieren, was nicht existiert. Wie würde Kalle Marx heute über "Cancel Culture" twittern? "Ein Gespenst geht um die Welt, ein Gespenst, das es nicht gibt."

"Wir mußten" - schon die Tatsache, dass die Betreibenden des "Nochtspeicher" noch alte Rechtschreibung nutzen, zeigt deren Rückwärtsgewandtheit - "die Erfahrung bereits 2016 mit einer Lesung Harald Martensteins machen, bei der ein Grüppchen‚ 'Aktivisten', einheitlich in schwarzen Bomberjacken uniformiert, zunächst versuchte, die Veranstaltung zu sprengen, wegen angeblicher "Frauenfeindlichkeit Martensteins", erklärte der Veranstalter. Das Angebot, miteinander zu diskutieren, "wurde nicht angenommen; stattdessen aber beim Abzug die Gasflasche unseres Heizgeräts in der - überdachten - Raucherecke sabotiert: Das Ventil rausgerissen, die Flasche aufgedreht. Wir haben es noch rechtzeitig bemerkt."

Überprüfen, was man schreibt

Das nenne ich Glück. Der "Nochtspeicher" erklärte: "Wir würden uns wünschen, dass statt eines Blame Games eine Diskussion darüber stattfindet, wie es zu der Atmosphäre von Cancel-Culture-Ängsten kommt, die zu einer solchen Situation geführt hat, denn Vorfälle dieser Art häufen sich", hieß es unter Verweis auf "die Causa Dieter Nuhr vs. DFG", der Deutschen Forschungsgemeinschaft. "Im Nochtspeicher ist derzeit eine Podiumsdiskussion dazu für September geplant." Wie jetzt? Ihr wollt über Gespenster reden?! Was soll das denn?! Dann bringt mal besser die Gasflaschen rechtzeitig in Sicherheit.

Lisa Eckhart hat tatsächlich etwas Gespenstisches. Ihre Blässe und das blonde Haarkleid - meine Güte, da bekommt man regelrecht Angst. Wie ich schon in meiner letzten Kolumne schrieb, bin ich ein großer Fan von ihr. Ich habe in ihrem Roman geschmökert und finde zwar: Nee, haut nicht wirklich hin. Dazu will ich mich aber nicht weiter auslassen, weil das der Kollege Jakob Biazza von der "Süddeutschen Zeitung" schon in einer erstklassigen Rezension getan hat. Ich zitiere: "Ein-Satz-Milieustudien. Die kann Eckhart sehr, sehr gut. Auch im Buch. Da ist zwischen den Punchlines aber leider sehr viel Text. Text, der vergisst, eine Geschichte zu erzählen." Stimmt, auf der Bühne ist sie x-mal besser.

Man muss ja aufpassen, was man dahinkritzelt. Das gilt auch für mich. "Es ist schlimm, wenn Sie Morddrohungen bekommen, aber vielleicht müssen Sie auch überprüfen, was Sie schreiben", stand neulich in der Mail einer schwer esoterisch angehauchten Gegnerin der Merkel-Diktatur. Das erinnerte mich an den Stuss von: Kein Wunder, dass Frauen vergewaltigt werden, wenn sie Miniröcke tragen. Vielleicht sollte Lisa Eckhart ihren Kleidungsstil ändern und statt Versace-Klamotten, aus denen der BH illert, lieber Blusen der Marke Alice Weidel tragen. Oder sehe ich Gespenster, die nicht existieren? Vielleicht bin ich zu aufgeregt und zu hektisch. Eine Freundin empfahl mir kürzlich Yoga, um runterzukommen. Ich bin froh, wenn ich die Biomilch und den Biojoghurt zwei Treppen zu mir rauf schaffe. Was soll ich unten? Ich will hoch hinaus!

Nazi-Schweinereien und indische Verse

Der Zufall wollte es so, dass ich nur Stunden nach dem eben erwähnten Gespräch auf die Seite des "Spiegel" ging und einen Artikel entdeckte: "Nazis, Sexismus, kulturelle Aneignung: Die problematischen Seiten von Yoga". Oha, dachte ich. Nun steht also auch Yoga unter dem Verdacht der "kolonialrassistischen Praxis der kulturellen Aneignung". Über die wir gerne reden können. Aber bei Yoga? Der Artikel ist auf bento.de erschienen, "das junge Magazin vom Spiegel". Und zwar schon im Oktober 2019. An historischer Idiotie hat er aber nichts verloren. Ich habe total gestaunt, dass der "Spiegel", den ich seit 30 Jahren schätze und nach wie vor gerne lese, derlei Quark auf seine Seite stellt.

Ich erfuhr: "Erst im 19. Jahrhundert wurde die yogische Praxis wieder populär: Die Briten eigneten sich die Asanas als Fitness-Übungen an. So entwickelte sich ein sehr physisch betontes Verständnis des Yoga, das im 20. Jahrhundert nach Europa kam. Man könnte Yoga also als eine Art von kultureller Aneignung sehen." Wo gibt es denn so was? Diese Briten. Reißt die Denkmäler ein! Nieder mit Joga Löw! Es folgte der Verweis auf den Massenmörder Heinrich Himmler, von dem bekannt ist, dass er die "Bhagavad Gita" besaß, eine mehr als 2000 Jahre alte, bedeutende Schrift des Hinduismus. "Aus einem Text über das Yoga der Erkenntnis soll er (Himmler) außerdem die Notwendigkeit interpretiert haben, mit innerer Gelassenheit zu töten - und so seine Taten zu rechtfertigen."

Ein Artikel genau darüber, wie sich eine Nazi-Sau ihre Schweinereien mit indischen Versen schönredete, wäre sicher spannend und lesenswert gewesen. Doch ich erfuhr nichts darüber, dafür aber: "Yoga, wie wir es kennen, trägt außerdem sexistische Züge." Die Autorin stellte fest: "Yoga entstammt einer patriarchalen Gesellschaft, Theorie und Geschichte sind zum großen Teil von Männern geschrieben - und praktiziert." Nicht zu vergessen: "Auch die Stellung von Gurus im Yoga zeugt von patriarchalisch-hierarchischen Strukturen." Soso, aha. Eine Yoga-Lehrerin wurde zitiert: "Viele verstehen unter einem Guru fälschlicherweise einen alten weißen Mann mit Bart."

Ein alter weißer Mann mit Bart bin ich schon. Nun muss ich nur noch Guru werden. Dann schwebe ich über den Dingen - sogar über "Cancel Culture" und Morddrohungen.

Quelle: ntv.de