Leben

Ende der Berührungsängste Sagen Sie ruhig "behindert"!

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Der Dokumentarfilm "Die Kinder der Utopie" zeigt Inklusion als gelebte Realität.

(Foto: Wolfgang Borrs)

"Traut euch mal, euch zu berühren", ist kein Satz, der in Erinnerungen an die Grundschulzeit besonders präsent sein dürfte. An der Berliner Fläming-Schule fällt er. Es ist eine inklusive Schule - Kinder mit und ohne Behinderung werden dort gemeinsam unterrichtet. Übungen, um das Gruppengefühl zu stärken, gehören dazu wie Rechenaufgaben und Diktate. Wie inklusive Erziehung nachwirkt im Leben von Erwachsenen, zeigt der Dokumentarfilm "Die Kinder der Utopie".

Vor einer ganzen Weile hat Hubertus Siegert eine inklusive Grundschulklasse für seinen Film "Klassenleben" begleitet. 12 Jahre später hat er seine Protagonisten wiedergetroffen, um zu schauen, was aus ihnen geworden ist. Ihre Leben sind ganz unterschiedlich verlaufen. Einer macht Musical, eine ist Altenpflegerin und einer weiß noch nicht so recht, wohin die Reise gehen soll. Die jungen Erwachsenen haben sich lange nicht gesehen, doch zur Begrüßung umarmen sie sich ganz selbstverständlich - auch später im Gespräch, wenn jemandem die Tränen kommen.

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"Die Kinder der Utopie" zeigt Gemeinschaft von Verschiedenen ganz ohne Berührungsängste. Inklusion ist für die Protagonisten gelebte Realität. Üblich ist das in Deutschland noch nicht. Aktivist Raul Krauthausen weiß, wo es hakt. Seit Jahren bemüht er sich um Aufklärung. Er sieht Siegerts Film als wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um Inklusion. Im Gespräch mit n-tv.de erklärt der 38-jährige Berliner, warum er von Förderschulen wenig hält und wieso Eltern nicht gleich verzweifeln müssen, wenn ihr Kind auf dem Schulhof "behindert" flucht.

n-tv.de: "Das ist so behindert" ist ein Spruch, den man oft auf deutschen Schulhöfen hört. Haben Sie das Gefühl, noch einen ganz schön weiten Weg vor sich zu haben?

Raul Krauthausen: Ich bin da zwiegespalten. Jugendliche haben ihre Jugendsprache. Dabei geht es immer auch um Abgrenzung von den Erwachsenen. Deswegen bringt es nichts, wenn wir als Erwachsene darauf bestehen, dass man bestimmte Sachen nicht sagen darf. Ich versuche immer, darauf hinzuweisen, dass es Situationen gibt, in denen sich Menschen beim Gebrauch dieses Wortes als Schimpfwort wirklich verletzt fühlen - jenseits von "Ich hab meinen Kumpel gedisst." Das verstehen Jugendliche in der Regel auch.

Viele Erwachsene scheuen sich davor, das Wort "behindert" auch in neutralem Kontext zu verwenden. Was sagt man denn am besten?

Es scheint in der kulturellen Mitte der Deutschen fest verankert zu sein, dass man das Wort "behindert" nicht sagen darf. Menschen mit Behinderung hingegen empfinden den Begriff oft als eine Tatsachenbeschreibung. Wichtig ist dabei, dass man oftmals eher behindert wird als ist - durch Barrieren im Umfeld. Aber "behindert" ist erstmal eine Beschreibung.

Ein gewisses Unbehagen könnte daher rühren, dass viele gar keine Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Behinderung haben. Kann man diese Tatsache überhaupt intellektuell überbrücken?

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Aktivist Raul Krauthausen klärt auf zum Thema Inklusion.

(Foto: imago/APress)

Was viele nicht wissen: Zehn Prozent der Menschen in Deutschland haben eine Behinderung. Aber nicht zehn Prozent Ihrer Kolleginnen oder Freunde sind behindert. Warum ist das so? Menschen mit Behinderung werden von unserem System aussortiert. Sie sind weniger sichtbar als Menschen ohne Behinderung. So entstehen Vorurteile und Ängste. Ich erlebe, dass eine Begegnung mehr verändern kann als intellektuelle Aufklärung. Am Ende muss man die Leute getroffen haben, um das Gelernte anwenden zu können.

So eine Begegnung lässt sich aber nur schwer herbeiführen, oder?

Das stimmt schon. Es ist ein bisschen schwierig, einen Behinderten auf der Straße anzusprechen und zu sagen: "Willst du mein Freund werden?" Wir müssen im Kindergarten anfangen. Wenn Sie ein Kind haben, schicken Sie es in einen inklusiven Kindergarten, wo Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam betreut werden. Schicken Sie es auf eine inklusive Schule. Ganz aktuell zeigt der Dokumentarfilm "Die Kinder der Utopie", dass inklusive Beschulung sowohl behinderten wie auch nichtbehinderten Menschen gut tut.

Und was kann man tun, wenn man gerade keinen Nachwuchs in einer Bildungseinrichtung unterbringen muss?

Wenn Sie Yoga-Kurse anbieten, stellen Sie die Frage, ob der Yoga-Raum rollstuhlgerecht ist. Wenn ja, dann schreiben Sie es auf die Website. Auch Menschen mit Behinderung machen gern Yoga. Wenn Sie Bewerbungsgespräche führen, achten Sie darauf, dass auch Menschen mit Behinderung eingeladen werden. So kann Inklusion im Betrieb vorangetrieben werden. Schauen Sie sich um, was es für inklusive Angebote in Ihrer Stadt bereits gibt: In Berlin gibt es beispielsweise einen großen inklusiven Sportverein - und was glauben Sie, wie spannend neue Erlebnisse wie Blinden-Fußball sein können!

Was unterscheidet Inklusion von Integration?

Integration bedeutet, die Mehrheitsgesellschaft macht Platz für eine Minderheit und die Minderheit muss sich in diesen Platz einpassen. Inklusion bedeutet: Es gibt keine Mehrheit, wir sind alle unterschiedlich und wir dürfen gemeinsam eine Gesellschaft gestalten, in der jeder die Möglichkeit hat, sich maximal zu entfalten.

Wieso sind wir da in Deutschland noch nicht weiter?

Deutschland ist Weltmeister im Selektieren - wir leben in einer enorm paternalistischen Gesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich ein hochproblematisches Wohlfahrtssystem, in dem üblicherweise nichtbehinderte Menschen entscheiden, was für behinderte Menschen gut ist. Sicherlich in bester Absicht - so etwas wie das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten wollte man nie wieder haben. Deswegen hat man gesagt: "Okay, wir müssen Menschen mit Behinderung schützen. Wir müssen sie in die Lage versetzen, das zu lernen, was sie lernen können und lernen wollen." So sind spezielle Fördereinrichtungen entstanden.

Also Sonderschulen oder Behindertenbetriebe.

Genau. Leider hat sich dieses System in den letzten Jahrzehnten verselbständigt und ist zu einer eigenen Industrie geworden, die Menschen mit Behinderung als Ware betrachtet. Die Einrichtungen funktionieren nur bei Auslastung, erst dann fließt Geld vom Staat. Es fehlt die intrinsische Motivation, Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu überführen oder in Regelschulen zu bringen. Wir müssen die Gelder aus dem Sondersystem rausnehmen und in das Regelsystem stecken, auch Ressourcen wie Gebäude und Personal. Und da gibt es große Widerstände.

Was entgegnen Sie Eltern von Kindern ohne Behinderung, die bei inklusivem Unterricht um deren Lernerfolg fürchten?

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Luca und Natalie haben gemeinsam die Grundschule besucht. In "Die Kinder der Utopie" treffen sie einander wieder.

(Foto: M. Bothor)

Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Das ist das Spannende. Wir sind einfach ängstlich. Das ist wie mit: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg" oder "Wenn Frauen im Betrieb sind, arbeiten Männer schlechter". Wir brauchen ein Schulsystem, bei dem auf das Individuum geguckt wird. Was benötigt eine Person, damit Lernen gelingt?

"Die Kinder der Utopie" zeichnet Inklusion insofern als Erfolgsmodell, als sie mit Selbstverständlichkeit von denen gelebt wird, die sie als Kinder gelernt haben. Wieso unterstützen Sie ausgerechnet diesen Film?

Das Tolle an dem Film ist, dass es ausschließlich um diejenigen geht, die Inklusion gelebt haben und noch heute leben: die ehemaligen Schüler der Inklusionsschule. Und diese echten Experten werden im gesamten politischen Diskurs praktisch nie gehört. Das Thema Inklusion wird momentan nur von so genannten Fachleuten besprochen, die keine praktischen Erfahrungen vorzuweisen haben: von Politikerinnen, Pädagogen, Eltern oder Ärztinnen, aber nicht von denjenigen, die die Inklusion als Schüler erleben. Alle haben sie eine Meinung und einen entfernten Cousin, der einen Freund hat, der mal an einer inklusiven Schule scheiterte, aber niemand hat die Erfahrung selbst gemacht. Das nervt mich als Mensch mit Behinderung, der Inklusion an der Grundschule erlebt hat.

In welchen Momenten zeigt sich der Film authentischer als die öffentliche Debatte?

Die jungen Menschen im Film haben natürlich auch Probleme und Sorgen, aber es sind andere als die, die in der Theorie diskutiert werden. Es geht um Freundschaft, Einsamkeit, Glaube oder Berufswunsch - das hat nichts mit Behinderung zu tun. Es gibt da zum Beispiel Luca, die Fotografin werden möchte, sich aber nicht getraut hat, sich für ein Fotografiestudium zu bewerben. Sie lebt ohne Behinderung, hat alle Chancen - und hat sich nicht getraut. Dieses Gefühl, nicht gut genug zu sein, betrifft alle.

Der Titel des Films zeichnet Inklusion als Utopie. Muss das so sein?

Wir haben lange über den Filmtitel nachgedacht. Der Film soll auch die Menschen einladen, die Inklusion kritisch sehen. Schließlich muss das Thema diskutiert werden. Hätten wir den Film "Die Kinder der Inklusion" oder "Wie Inklusion gelingt" genannt, hätte man uns vorwerfen können, das sei eine Propaganda-Schlacht. Die wollen wir aber gar nicht führen.

Mit Raul Krauthausen sprach Anna Meinecke.

"Die Kinder der Utopie" wird am 15. Mai in mehr als 160 deutschen Kinos gezeigt. Hier finden Sie die Veranstaltungsorte.

Quelle: n-tv.de