Leben

Figur, Sexualität und Ernährung Sich mit dem eigenen Körper versöhnen

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Fast jede Frau, unabhängig von ihrem Gewicht, würde gerne etwas an ihrem Körper verändern.

(Foto: imago/Westend61)

Viele Frauen sind unzufrieden mit ihrem Körper. Dabei gehts nicht immer nur um die Figur - auch Ernährung und Sexualität spielen eine Rolle, sagt Katrin Jonas. In ihrem Buch "Nackt" fordert sie einen Weg aus dem Perfektionswahn und zeigt, wie man sich mit seinem Körper wieder versöhnen kann.

Kaum eine Frau findet ihren Körper schön, genauso wie er ist. Irgendetwas ist immer "zu dick", "zu klein", "nicht straff genug" - der Bauch, die Beine, der Po. Jedes Kilo, jede Falte, jeder Schwangerschaftsstreifen, sogar die Cellulite lieben, geht das? "Am Körper permanent herumzukritisieren scheint für viele Frauen so normal zu sein wie das Atmen, das Essen oder ein Toilettengang", schreibt Autorin Katrin Jonas in ihrem Buch "Nackt". Frauen müssen sich mit ihrem Körper wieder versöhnen, sagt sie, und zwar in drei Bereichen: ihrer Figur, ihrer Ernährung und ihrer Sexualität.

Eine "Bodyimage"-Studie von Stern TV im Jahr 2017 hat ergeben, dass 91 Prozent der deutschen Frauen unzufrieden mit ihrem Körper sind. "Das kommt gut hin", bestätigt Kinder- und Jugendpsychologin Tanja Legenbauer ntv.de. "Aufgrund des ansteigenden Durchschnittsgewichts über die letzten Jahrzehnte ist mittlerweile fast jede zweite Frau übergewichtig bis adipös. Bei den Männern sind es sogar gut 60 Prozent, die über dem Normalgewicht liegen." Dadurch gehe die Schere immer weiter auf und verstärke die Unzufriedenheit, sieht Legenbauer in ihren eigenen Forschungen.

Das eigene Körperbild begleitet einen auf Schritt und Tritt. Die im Unterbewusstsein sitzenden Maßstäbe beeinflussen unser tägliches Handeln und Denken, sagt Jonas. Ein Beispiel: Frauen, die sich als zu dick und damit für unattraktiv halten, denken oft, dass sie weder liebenswert noch interessant für andere Menschen seien. Nicht zuletzt liegt das an dem allgegenwärtigen Schönheitsideal, von dem wir in Werbung und Medien umgeben sind. Die Körpermaße 90-60-90 für Frauen gelten schon lange im westeuropäischen Raum als ideal, als Modelmaß.

Eigenen Wert nicht von der Waage abhängig machen

Man dürfe allerdings nicht alles nur den Medien zuschreiben, meint Legenbauer. "Es gibt viele Studien, die zeigen, dass allein die Konfrontation mit dem Schönheitsideal in den Medien noch nicht so viel bewirkt." Zwar treten bei der Betrachtung von Zeitschriftenbildern oder Werbung, die sehr dünne Models präsentieren, Veränderungen wie beispielsweise eine Verschlechterung der Stimmung auf. Allerdings spielen für eine extreme Unzufriedenheit über die Figur meist noch andere Faktoren mit hinein wie Mobbing in der Kindheit oder familiäre Erfahrungen.

Die Medienwirkung verstärkt sich laut Legenbauer allerdings, wenn man sich mit dem Schönheitsideal identifiziere. Denke man: "Wenn ich so aussehe, dann bin ich glücklich und attraktiv, finde einen Partner und habe mehr Geld", verbinde man den Wert seiner Person mit dem Aussehen. Dass diese Annahmen nicht stimmen, zeigt auch Taryn Brummfit in ihrem Film "Embrace - du bist schön". Ihre Geschichte inspirierte Millionen von Frauen: Die dreifache Mutter will ihre Schwangerschaftspfunde loswerden und trainiert dafür Tag und Nacht, bis sie schließlich an einer Bodybuilding-Meisterschaft teilnimmt. Doch das erhoffte Gefühl von Zufriedenheit und Stolz bleibt trotzdem aus. Außerdem hört sie die anderen Frauen im Backstage-Bereich schlecht über ihre eigenen Körper reden. Ohne ein Gramm Fett am Körper hatte jede von ihnen noch immer etwas an ihrem Körper auszusetzen. Brummfit war schockiert und erkannte gleichzeitig, dass das Erreichen von Schönheitsidealen nichts mit Glück und wahrer Körperzufriedenheit zu tun hat.

Unzufriedenheit treibt zu Essstörung

Das Problem dabei sei, dass wir uns immer mit anderen vergleichen, um den eigenen Wert zu bestimmen, erklärt Legenbauer das Phänomen. Vor allem vergleiche man sich immer nach oben: "Nämlich nicht mit der Nachbarin, die so viel arbeitet wie ich und keinen Personal Trainer hat, sondern mit der Bloggerin, die einmal die Woche zur Kosmetikerin geht und mit viel Sport ihr Geld verdient." Das führe oft zu einer höheren Motivation, den eigenen Körper verändern zu wollen. Darunter leidet meist auch das Essverhalten.

Legenbauer sieht darin eine Gefahr: "Zum Beispiel kann es dazu führen, Essen zu erbrechen, weil man abnehmen möchte. Oder weil man seinem Körper vor lauter Wut absichtlich schaden möchte. Andere Menschen verweigern sich selbst Nahrung, weil sie Angst haben, es mache sie noch fetter oder sie verlieren die Kontrolle über ihren Körper." Diese Erfahrung hat Katrin Jonas ebenfalls mit Tausenden von Frauen gemacht, die sie über die Jahre gecoacht hat. Die Ernährung und das Essverhalten seien nicht selten seit frühester Kindheit gestört. Zwänge und Gewohnheiten werden oft innerhalb der Familie transportiert. "Macht die Mutter ständig Diäten, werden diese Werte direkt oder auch indirekt an die Kinder weitertransportiert", weiß auch Legenbauer.

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Jonas empfiehlt deshalb, sich an der Natur des Körpers zu orientieren und sich aus großen sowie kleinen Ess-Extremen herauszulösen. Kinder leben es uns vor: Von Geburt an hören sie auf ihr natürliches Nahrungsempfinden, machen sich bemerkbar, wenn sie Hunger haben, und essen das, was ihr Körper braucht. Unsere Ernährungsgrundlagen sind von Natur aus sehr klar und simpel, sagt Jonas: Der Körper signalisiert uns, wenn er hungrig und durstig ist und auf welche Lebensmittel er Appetit hat. Die meisten von uns hätten sich aber von dieser natürlichen Einfachheit entfernt.

Kaum eine Frau lebt ihre natürliche Sexualität aus

Das Gleiche gilt für die eigene Sexualität. Nur die wenigsten Frauen könnten ihre Sexualität natürlich ausleben, sagt Jonas. Es sei eines der gestörtesten Gebiete hinsichtlich des Körperempfindens der Frau. Die Gründe dafür liegen meist schon in der Kindheit, wenn Mädchen nach ihren Armen, Beinen und Ohren auch ihre Vulva kennenlernen wollen und damit zu spielen beginnen. Nicht selten wird ihnen von den Eltern, Großeltern oder Erziehern mit einem "Pfui" oder Klaps auf die Hand gesagt: Das ist schlecht, fass dich da nicht an.

Später, wenn die erste Menstruation einsetzt, machen junge Frauen oft weitere beschämende Erfahrungen. Es wird unsensibel kommentiert, ignoriert oder ihnen das Gefühl gegeben, sie müssten sich für das Bluten schämen. Dazu trägt auch unsere Sprache bei: Frauen haben einen Schambereich, einen Schamhügel und Schamlippen. Körperbereiche, für die sie sich offensichtlich schämen sollen. Das Schlimmste, was einem Mädchen vor ihrem ersten Geschlechtsakt jedoch passieren könne, sagt Jonas, seien Pornos. Erleben sie ihre "Aufklärung" über Pornografie, übernehmen sie in den meisten Fällen ein chauvinistisches, sexistisches Rollenbild, in dem die Frau nur dafür da ist, Männern zu ihrem Glück zu verhelfen. Sie führen dazu, dass Frauen ihren Körper beim Sexualverkehr nicht berücksichtigen, ihre wahren Bedürfnisse permanent unterdrücken und Orgasmen gar "faken".

Um all die antrainierten Künstlichkeiten abzulegen, müsse man sich "nackt" machen, das heißt, ehrlich zu sich und seinen Vorstellungen gegenüber seinem Körper, seinem Essverhalten und seiner eigenen Sexualität werden. Habe man das einmal geschafft, schlägt Jonas das Körper-Versöhnritual vor. Dafür schreibt man seinem Körper einen Brief und wirft seine körperliche Vergangenheit über Bord. Bevor man den Brief vernichtet, solle man sich noch bei seinem Körper bedanken. Danach wirft man Dinge in den Müll, die zu einem ungesunden Körperbild beigetragen haben, schlägt Jonas vor: zu enge Kleidung, unbequeme BHs, Abführmittel, Anti-Cellulite-Gels und ungeliebte Sextoys. Die Praktik soll eine neue "Ära" einleiten: "Die des Versöhntseins mit dem Körper und seiner Natur".

Quelle: ntv.de