Leben

Aus der Schmoll-Ecke Soso, "Kameltreiber" darf man also sagen

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Patrick Moster wählte bei den Olympischen Spielen eine rassistische Sprache.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wenn man in Berlin-Kreuzberg mehrfach gefragt wird, ob man "was braucht", ist das Motiv nicht unbedingt Hilfsbereitschaft oder Nächstenliebe. Unser Kolumnist hat es erlebt und sich Gedanken gemacht: über Rassismus und den Unterschied zwischen Moor und Mohr.

Wie gut, dass wir Nach-Deutschland-Gekommene - früher Einwanderer genannt, was aber nicht mehr geht, weil es Frauen ausschließt - haben, die sich um das Wohlbefinden ihrer Mitmenschen kümmern. "Brauchst du was?", fragte mich kürzlich einer von ihnen, kaum dass ich aus meinem ordnungsgemäß geparkten Auto ausgestiegen war. Oh, wie freundlich, dachte ich, obwohl ich das Du unpassend fand, da wir uns bis dato noch nie gesehen hatten. Aber Deutsch ist schwierig zu lernen. Und wer weiß, vielleicht ist die Frage der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen ihm und mir.

Wenn ich ehrlich bin, sieht man mir auf Anhieb an, woran es mir fehlt: an ordentlicher Kleidung. Gemessen an meinem Klamottenkonsum hätte ich das Zeug zum Alterspräsidenten bei Fridays for Future. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls hätte ich nur zu gern mit "Liebe", "mehr Freizeit" und "haufenweise Geld" geantwortet - von Letzterem bitte so viel, um als Privatier zu leben, statt Kolumnen zu schreiben und mich alle zwei Wochen von Toleranten, die gegen die Intoleranten (wie mich) zu Felde ziehen, bepöbeln und/oder mir raten zu lassen, ich solle "richtig" recherchieren, "endlich die Wahrheit" schreiben, den "Haltungsjournalismus" oder den Beruf gleich ganz sein lassen. Ja, würde ich glatt. Nur kann ich es mir nicht leisten.

Noch ehe ich mein Hirn dazu brachte, meine Zunge die Worte Liebe, mehr Freizeit, haufenweise Geld formulieren zu lassen, wurde mir gewahr, dass sich mein Körper und mein Geist direkt am Rand des Görlitzer Parks in Kreuzberg befanden und der Nach-Deutschland-Gekommene keine wunderbare Freundschaft mit einem alten weißen Mann anstrebte, sondern eine banale Handelsbeziehung mit Bezahlung ohne Rechnung und Mehrwertsteuer. Er wollte mir Drogen verkaufen. Auf dem Weg zur Wohnung meines Freundes Rainer begegneten mir weitere Nach-Deutschland-Gekommene, die mich fragten, ob ich "was" bräuchte.

Ich war bis dahin schon Ewigkeiten nicht mehr am Görlitzer Park gewesen. Ungeachtet aller Berichte über das Treiben in der Grünanlage war ich über die doch recht beachtliche Zahl Nach-Deutschland-Gekommener erstaunt, die scheinbar ebenfalls in der Drogenfürsorge tätig sind, sodass ich mir vorstellen und es nachvollziehen konnte, dass der eine oder andere Polizist auf die Idee kommt, den einen oder anderen Nach-Deutschland-Gekommenen zu kontrollieren: Achtung, Rassismusgefahr durch Racial Profiling!

Bitte beruhigen Sie sich!

Zur Beruhigung der Gemüter: Habe ich hier irgendwo eine Hautfarbe genannt oder von Drogendealern gesprochen? Das sind sie erst, wenn sie von einem ordentlichen Gericht verurteilt worden sind. An Vorurteilen beteilige ich mich nicht! Ich weiß, dass einige Nach-Deutschland-Gekommene Drogen verkaufen, weil sie sonst von Hartz IV leben müssten und wir, auch ich, daran schuld sind, weil Deutschland einst Kolonien in Afrika hatte, weshalb die Mohrenstraße umbenannt werden muss.

Apropos Moor. Hier ein kurzer Einschub, bevor vielleicht Anhängende der Grünen (ehemals Anhänger genannt) und In-den-Grünen-Seiende (ehemals Parteimitglieder genannt) denken, dass ich mich über die Heilige Annalena und ihre formidablen Mitstreitenden (ehemals Mitstreiter genannt) lustig mache, möchte ich diesen Satz eines offenkundig klugen Lesers zu bedenken geben, der mir nach meiner erstklassigen Kolumne über Männer und Frauen im Profi-Fußball mitteilte (Achtung, ich zitiere): "Sie vertreten ganz klar grünlinke Positionen. Z.b. ihr Dauer Hochlied auf die Frauen." Oder auch: "Ich bin genervt von Ihren undiverenzierten platten Kommentaren. Unverantwortliches Kindergartenniveau oder FFF!" Nun staunen Sie, was? Ich bin politisch nämlich gar nicht so übel, wie es sich alle zwei Wochen liest.

Lockt Journalisten nicht ins Moor!

Zurück zum Moor. Neulich hat die Heilige Annalena an der Seite des Pferdeflüsterers ein Moor in Brandenburg besucht, um "das größte Klimaschutzpaket" zu verkünden, "das es jemals gegeben hat". Wobei ich nicht weiß, wie viele es überhaupt schon gab, also was der Maßstab dieses Superlativs ist. Mich wunderte, dass die Heilige Annalena und der Pferdeflüsterer, der einst Kühe melkte, Reporter und Kameraleute nach Brandenburg einluden, weil man nicht unbedingt davon ausgehen kann, dass alle ein Lastenfahrrad nehmen oder mit dem Bollerwagen kommen, sondern Autos nutzen. Künftig wird hoffentlich das grün geführte Klimaschutzministerium von seinem Vetorecht Gebrauch machen und sagen: Lockt Journalisten nicht ins Moor!

Dort, wo die Heilige Annalena ist, geschehen Wunder. Ebenfalls wunderte mich, dass sie, die seit Jahren in Brandenburg wohnt und in der Landeshauptstadt Potsdam ihren Bundestagswahlkreis hat, behauptete, sie befinde sich im "Wald hier im Oderbruch". Das Oderbruch liegt weiter nordöstlich, nämlich dort, wo die Oder ihre Bahnen zieht. Daher der Name. Am meisten wunderte mich allerdings, dass die Heilige Annalena und ihre Mitstreitenden permanent das Wort "Moor" in den Mund nehmen, wo sie doch alle davon ausgehen, dass Sprache das Denken formt. Und phonetisch klingen Moor und Mohr zweifelsohne gleich.

Sie erinnern sich, dass die Heilige Annalena vor wenigen Tagen das eklige N-Wort in voller Länge in den Mund nahm und sich sofort für dessen "Reproduktion" entschuldigte: "Denn ich weiß ja um den rassistischen Ursprung dieses Wortes und die Verletzungen, die Schwarze Menschen unter anderem durch ihn erfahren." So ähnlich wird es auch immer über das Wort Mohr gesagt. Kommt es also doch auf den Kontext an, in dem ein Wort verwendet wird? Wer über Rassismus redet, darf keine rassistischen Wörter reproduzieren, weil er sonst selbst Rassist ist? Und das gilt nur für das N-Wort, aber nicht für das hässliche Wort "Kameltreiber", das der Sportdirektor beim Bund Deutscher Radfahrer in den Mund nahm? Wieso wird das nicht als K-Wort bezeichnet?

Ich fand es extrem bedauerlich, dass sich die öffentliche Debatte nur um das "Hilfe-sie-hat-das-N-Wort-ausgesprochen" drehte und nicht um den Fall, von dem die Heilige Annalena erzählt hatte. Ein Lehrer hatte, wie sie berichtete, Schülern ein Bild mit einem Text gezeigt, in dem "Neger" vorkam - niemand redete darüber, was für braune Scheiße in Schulen passiert. Ricarda Lang, die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen - also die Vizin der Heiligen Annalena auf Erden - hatte die Chance dazu in einem Gespräch mit dem "Spiegel". Was ihr dazu einfiel, war: "Dieses Wort sollte niemand aussprechen, weil es Rassismus reproduziert." Na gut, dann sagen wir es nicht mehr, sondern nur noch Kameltreiber. Mir doch egal. Ich fahre jetzt ins Moor und verabschiede mich bis zum nächsten Quatsch mit Z-Soße in der S-Ecke.

Quelle: ntv.de

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