Leben

Aus der Schmoll-Ecke Systemnutte? Wenn, dann Systemstricher

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Ob unser Kolumnist auch ein Pferd im Karneval dabei hatte, ist leider nicht überliefert ...

(Foto: imago images/Everett Collection)

Unser Kolumnist hat sich zu einer Zeit, in der es noch kein Twitter gab, beim Kölner Karneval als Robin Hood verkleidet. Nun fragt er: War das okay? Hier ist seine Antwort: Ein Beitrag zur miserablen Debattenkultur in diesem Land.

Hier gleich einmal vorab, damit Sie sich das Twittern und Mailschreiben sparen können: Wenn ich Leute enttäuscht habe, dann tut mir das aufrichtig leid, denn das möchte ich nicht. Ich habe festgestellt, dass ich nicht ausreichend aufgeklärt bin. Obwohl ich mich selbst für einen tadellosen Sehr-Gutmenschen mit moralischen Überzeugungen halte, die selbst einen Grünen zu einem Weißen verblassen lassen, können auch mir Fehler in der Einstellung zu Mitmenschen und beim Sprachgebrauch unterlaufen sein in den vergangen 50 Jahren, die ich schon auf der Erde verweile. Dafür bitte ich herzlich um Entschuldigung.

Und selbstverständlich auch dafür, die Identität eines anderen Volkes für einige Stunden angenommen zu haben, wobei ich auf Ihre Gnade setze und den Umstand, damals ziemlich viel gesoffen zu haben. Jawoll, es ist selbst mir passiert: Ich gestehe, im Kölner Karneval vor vielen Jahren als Robin Hood verkleidet gewesen zu sein und bin nicht mehr sicher, ob das okay war. Da habe ich zum ersten Mal begriffen, wie sich ein weißer Engländer aus dem Mittelalter unter weißen Deutschen in der sogenannten modernen Welt fühlt. Und das, obwohl man an meiner Sprachfärbung hört, dass ich kein Angelsachse, sondern Sachse bin. Jedenfalls erkannten mich die Leute und sprachen mich mit "Robin" an, was lustig war.

Eigentlich wollte ich mir ein Ochsenkostüm kaufen, aber das fand meine damalige Freundin bescheuert, sie wollte, dass ich mich als ganzer Kerl mit stets bereiter Armbrust und stets bereitem Penis präsentiere. Heute denke ich, es wäre besser gewesen, hätte ich den Ochsen gegeben, zumal ich damals verrückt war, mich auf eben diese Frau eingelassen zu haben, die mich mit nach Köln nahm. Umgekehrt könnte es auch sein, dass ich, hätte ich mich für das andere Kostüm entschieden, die Gefühle von Tieren im Allgemeinen und von Rindern im Besonderen oder auch Tierschützende verletzt hätte. Die Welt ist sehr sehr kompliziert geworden, seit es Facebook und Twitter gibt und jeder eine Meinung zu allem hat.

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Et hätt noch immer jot jejange - naja, 2021 ist dann wohl die Ausnahme.

(Foto: www.imago-images.de)

Ich hatte ein Erweckungserlebnis in jenen Tagen, nicht nur in Bezug auf Frauen. Ich habe viel über Vorurteile gelernt. Ich bin gegen innere Widerstände nach Köln gefahren, die stärker waren als manch lauter Furz aus meinem Leib. Ich wollte meiner Ex-Freundin, einem Kölner Original, einen Gefallen tun. Sie war total jeck und begann schon Wochen vor dem Karneval mit der Planung, was sie an welchem Tag anzieht. Ich bin mit all den Vorurteilen nach NRW gefahren, die man als Außerirdischer über den Kölner Karneval im Schädel haben kann. Ich kannte nur die komischen Feiern aus der Glotze, wo komische Leute komische Dinge sagen und viel gelacht wird, weil alles so komisch ist. Noch als ich in der Straßenbahn in Richtung Innenstadt zwischen Prinzessinnen und Räubern saß, dachte ich: Junge, du hast sie nicht alle. Eine Stunde später sang ich Lieder, die ich noch nie gehört hatte. Es war super. Und ich habe weder davor noch danach Tausende Erdenbürger so freundlich bei- und miteinander erlebt wie in diesen Tagen.

Widerspruch ist Teil des Spiels

Trotzdem gut, dass ich nicht als Jimi Hendrix, Muhammad Ali oder gar als Josephine Baker gegangen bin, sonst würde ich mich vermutlich nicht öffentlich dazu bekennen und käme mit auf die Liste derjenigen, die unter dringendem Rassismusverdacht stehen. Dann wäre ich ihn los, meinen Heiligenschein, der über mir schwebt wie die Drohnen über Afghanistan und so schön ausschaut, als sei er von Stephan Lochner oder Luca Signorelli gemalt. Schnell kann es gehen, dass man oder Frau in diesen Zeiten in Ungnade twitternder Toleranzwächter fällt, etwa nach Sendungen, in denen der Moderator erklärt, dass man alles sagen darf, um einen Tag später das Gesagte wieder als unsagbar einzukassieren und sich zu entschuldigen. "Widerspruch ist Teil des Spiels", sagte er: "Schlagen Sie es einfach mal nach, unter Demokratie."

Habe ich gemacht. Im Duden heißt es: "Prinzip der freien und gleichberechtigten Willensbildung und Mitbestimmung in gesellschaftlichen Gruppen." Soso, aha. Ist der Widerspruch laut genug, wird die Sendung in der Mediathek mit einem Warnhinweis versehen für den Fall, dass ihn künftig nur Grenzdebile anschauen, die den Quatsch mit Zigeunersauce, den die Gäste und vor allem die Gästin da reden, nicht alleine einordnen können. Da hilft der Sender gerne einmal nach. Achtung, für ganz Blöde, es folgt ein bekloppter Meinungsporno mit Äußerungen, die Sie verstören könnten. Clever vom WDR, die Sendung "aus Transparenzgründen" in der Mediathek zu belassen, um dem Vorwurf der Zensur zu entgehen, aber gleichzeitig Distanz zum Inhalt zu wahren, damit der Twitter-Mob Ruhe gibt.

Zigeunerschnitzel auf den Index

Denn, oho, "rückblickend" ist den Verantwortlichen beim WDR klar geworden: "Bei so einem sensiblen Thema hätten unbedingt auch Menschen mitdiskutieren sollen, die andere Perspektiven mitbringen und/oder direkt davon betroffen sind. Wir lernen daraus und werden das besser machen." Verstehe, so wie das während der Flüchtlingskrise gemacht wurde, als in jeder Talkrunde ein Flüchtling mit einem AfD-Mitglied diskutierte.

Da bin ich gespannt, was die nächsten Themen in jener WDR-Sendung sein werden, wer eingeladen wird und darüber reden soll oder darf, ob Zigeunersauce und Zigeunerschnitzel auf den Index sollte. Sawsan Chebli? Serdar Somuncu wäre doch ein geeigneter Kandidat, oder? Prima wäre der Musiker Markus Reinhardt, der in Köln, dem Sitz des WDR, lebt und in seiner Heimatstadt das "Rheinische Zigeunerfestival" veranstaltet. Er ist einer der Sinti, die darauf bestehen, Zigeuner genannt zu werden, und vor allem "gerne selbst bestimmen möchte, ob ich mich rassistisch beleidigt fühle oder nicht".

Markus Reinhardt, der mit dem Jazz-Musiker Django Reinhardt verwandt ist, stammt aus einer Familie, aus der zig Mitglieder von den Nazis "erschlagen und vergast" wurden, wie er mir diese Woche erzählte. Er setzt sich seit Jahren dafür ein, die Erinnerung an den Mord an den Sinti und Roma wach zu halten. Er nennt sie konsequent Zigeuner. Ich nicht, da ich es nicht für zeitgemäß halte, und sagte es ihm. Er akzeptierte das und sagte: "Aber ich habe das Recht, mich zu nennen, wie ich will. Ich bin Betroffener." Markus Reinhardt, der nicht den Eindruck eines glühenden AfD-Anhängers erweckte, ist der Meinung, dass nicht die Umbenennung der Zigeunersauce entscheidend ist, sondern "der Abbau von Vorurteilen über Zigeuner", dass sie angeblich alle klauen und den Staat ausnehmen. Darüber müsste mehr diskutiert werden, sagt er. Stimmt.

In Kommentaren hieß es diese Woche zu der WDR-Sendung: "Man sah mit offenem Mund zu, wie gleich mehrere Prominente völlig wissensbefreit über ein Thema diskutierten, das sie nicht betraf." Wenn wir das zum Kriterium erheben, sollten wir uns ab sofort in Talkshows nicht mehr mit den Verhältnissen in den USA, Menschenrechtsverletzungen in China und dem Artensterben befassen, ohne Amerikaner, chinesische Oppositionelle oder den Trigema-Schimpansen einzuladen. Ich frage mich, wem damit geholfen wäre, wenn wir Weißen, von denen Alltagsrassismus nun mal ausgeht, nicht darüber diskutieren, wie es in der WDR-Sendung geschehen ist. Dass Janine Kunze Sexismus mit Rassismus verwechselt, ist doch ihr Problem.

Aber wer interessiert sich heute noch für Differenzierung. Wie im alten Rom geht es nur: Daumen hoch, Daumen runter. Mein Stück, das ich diese Woche dazu geschrieben habe, hieß "Gut gemacht, WDR!". Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass es richtig ist, gerade Meinungen, die polarisieren, öffentlich zu diskutieren. Ich erhielt eine Lesermail von jemandem, der sich offenbar nur die Überschrift reingezogen hatte. In ihr stand nur: "Systemnutte." Also wenn schon, dann bitte, Systemstricher. So viel Differenzierung sollte auch heute noch möglich sein. Schließlich bin ich ein Kerl. Um nicht zu sagen: Ein wahrer Robin Hood.

Quelle: ntv.de