Leben

Als Künstlerin in New York "Nicht der Zeitpunkt zu gehen"

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Es ist eigentlich ganz einfach: "Ein Stöckelschuh ist provokanter als ein Turnschuh", sagt Ulrike Müller.

(Foto: Katja Illner)

Der atemberaubend hohe Stöckelschuh schwebt auf einem Teppich, abstrakte Muster sind glänzend in Emaille gebrannt. Sie verführen die Betrachter zum genauen Hinschauen - und lassen sie dann überraschend Anderes entdecken. Das Thema Queerness schwingt in der farbigen, sehr reduzierten Malerei und Kunst von Ulrike Müller mit. Sie gilt als eine Vertreterin der genderqueeren Kunst, ist Teil des queer-feministisch Kollektivs LTTR. In ihrer Kunst geht es darum, Körper- und Identitätspolitik zu erkunden; die Dualität der Geschlechter wird hinterfragt, indem sie Grenzen verschwimmen lässt. Die Österreicherin lebt und arbeitet in New York. Sie wurde bei Biennalen in Kairo und Venedig ausgestellt, zeigt ihre Arbeiten in wichtigen Museen von Düsseldorf über Wien bis New York. Jetzt hat die 49-Jährige den mit 30.000 Euro dotierten Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen bekommen. Über das Leben mit Covid-19 in New York, queere Kunst, Stöckelschuhe und warum sie quer über den Atlantik bekannter ist als in Deutschland hat Ulrike Müller via Skype mit ntv.de gesprochen.

ntv.de: Gratulation! Wie fühlt sich das an, einen der ältesten und angesehensten Kunstpreise Deutschlands zu bekommen?

Ulrike Müller: Es war eine tolle Überraschung. Die Auswahl an nominierten Künstlerinnen und Künstler war sehr sensibel.

Und Sie haben sich gegen hochkarätige Kolleginnen und Kollegen durchgesetzt. Ist es traurig, dass Sie gerade nicht nach Bremen reisen können?

Ja, aber ich reise seit Februar nicht mehr und habe den Staat New York seither nicht verlassen. 2019 war ich durch meine Teilnahme an der Biennale in Venedig sowie Ausstellungen in Wien und London sehr viel unterwegs. Aber eigentlich war es klar, dass die Reiserei nachhaltig untragbar ist.

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Teppiche und Emaillearbeiten auf der Biennale in Venedig 2019.

(Foto: Andrea Avezzú)

Fehlt Ihnen Europa?

Ich habe schon das Gefühl, mehr oder weniger festzusitzen. New York hat sich mit der Pandemie so verändert. Das kulturelle Leben ist ein ganz anderes, das soziale Leben ist stark eingeschränkt. Ich fahre jetzt viel Fahrrad, was vorher so nicht der Fall war. Ich lebe und arbeite in Brooklyn und bin momentan ein oder zwei Mal im Monat in Manhattan. Vorher war ich fast täglich dort - es gab immer einen Grund in die Stadt zu fahren, wie man hier sagt.

Wie ist die Stimmung in der Stadt und in der Kunstszene?

Das ist schwer zu beantworten, da ich ja nur ein Teil der Kunstszene bin. Die Musikbranche liegt brach, Kinos sind noch geschlossen, es gibt keine Live-Veranstaltungen, einzig die Museen haben mit Sicherheitsabstand nach und nach wieder aufgesperrt. In der Stadt selbst steht man zurzeit sehr viel Schlange für alle möglichen Anlässe - vom Biomarkt bis zum Museum.

Ist das ein Alltag, an den man sich in New York gewöhnt hat?

Es ist, als ob wir alle irgendwie aufs Land gezogen wären, ohne unsere Wohnungen zu verlassen. Die Gespräche verändern sich, weil es diesen geteilten Kulturkonsum wie Filme oder Ausstellungen als Gesprächsstoff nicht gibt. Ganz wichtig finde ich aber, dass in New York die kollektive Erfahrung von Verletzlichkeit und die körperliche Ebene von dieser Krankheit unmittelbar auf die Black Lives Matter-Bewegung Auswirkungen hat.

Mit steigender Verletzlichkeit und Sensibilität hat die Pandemie also das Bewusstsein für die BLM-Bewegung verstärkt?

Gerade unter weißen Amerikanern der Mittelklasse hat das Gefühl von Sicherheit nicht gehalten, und damit ist das Potenzial für eine andere Form von Solidarität entstanden. Die Menschen hatten zudem Zeit für tägliche Demonstrationen. All das hat auch damit zu tun, das man zuhause sitzt und anders auf die Nachrichten reagiert, sie aufnimmt und auf die eigene Situation beziehen kann.

Wie schützen Sie sich vor dem Virus? In New York steigen die Zahlen auch wieder.

Ich verlasse die Wohnung konsequent nur mit Maske. Soziale Kontakte in Gruppen habe ich nur im Freien. Essen in Restaurants ist wieder erlaubt, aber solang das noch draußen geht, mache ich das auch dort. Es ist die Frage, was es im Winter für Lösungen gibt.

Das fragen wir uns in Deutschland auch. Hat die Pandemie neben wachsender Solidarität, Entschleunigung und dem Bewusstsein für Verletzlichkeit auch etwas Positives bewirkt?

Das ist quer durch die Bevölkerungsschichten, je nach Einkommen und ökonomischer Lage, unterschiedlich und daher schwierig zu beantworten. Für mich selbst war diese Entschleunigung einen Moment lang gut. Aber ich merke, dass rundherum ein gewisser Stresslevel existiert, weil es so viel Unwägbarkeiten gibt. Ich erlebe alles von Angstzuständen bis zu Fluchtphantasien. Und jetzt noch dieser wahnsinnige US-Wahlkampf. In Kombination mit der Pandemie ist das nur schwer zu ertragen. Ich wünschte mir, ich könnte mich beteiligen und wählen.

Zurück nach Europa zu gehen, erwägen Sie das wirklich nach 18 Jahren in New York?

Ich fand es schwierig im Austausch mit Familie und Freunden in Europa, diese unterschiedliche Risikoeinschätzung zu erleben. In New York ist seit Monaten klar, dass man Maske trägt und dass das nicht verhandelbar ist. Es gibt keine Gruppenveranstaltungen, keine Geburtstagfeste. Nein, das ist nicht der Zeitpunkt zu gehen. Ich glaube, dass es wichtig ist, traumatische Ereignisse in dem Kontext bis zum Ende zu erleben. Die Pandemie ist ein kollektives Erlebnis, was irgendwie auch kollektiv beendet werden muss.

Die Jury des Kunstpreises Böttcherstraße bezeichnet Ihre Kunst als "eine der präzisesten Positionen im Feld der feministischen und queeren Malereidiskurse der Gegenwart". Inwieweit ist Ihre Kunst denn queer, oder politisch? Wer beispielsweise die wunderbaren Teppiche mit abstrakt dargestellten Stöckelschuhen betrachtet, sieht diesen Bezug nicht sofort.

Ja, das stimmt. Ich bin nicht an einer Abbildung von Anderssein, die sofort als Lebensentwurf lesbar wäre, interessiert. Es geht nicht um Queerness, die auf mich selbst, meinen Körper oder meine Entscheidungen verweist. Ich möchte BetrachterInnen aktivieren, bestimmte Dinge in Frage zu stellen, die mit Selbstverständnis zu tun haben. Eine der Sachen, die mir in Europa immer wieder aufgefallen sind, ist die Tendenz, vorschnelle Schlüsse zu ziehen.

Am Beispiel eines sehr hohen Pumps ...

... aufs Frausein zu schließen (lacht). Das ist aber nicht in dem Bild angelegt. Da ist kein Verweis, welcher Körper in dem Schuh steckt. Mich interessieren Objekte, wie der Schuh als offener Bedeutungsträger, die je nach Kontext und je nach Betrachter unterschiedlich wirken.

Das muss dann aber der Stöckelschuh sein und kann nicht der Turnschuh sein?

Das habe ich mir so noch nicht überlegt (lacht). Der Stöckelschuh ist provokanter als der Turnschuh.

Wie sind Sie auf den Stöckelschuh gekommen?

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Noch bis zum 1. November in der Bremer Kunsthalle: Ulrike Müller und ihre Kunst.

(Foto: Marcus Meyer)

Mir sind Farben, Formen und bestimmte Perspektiven, in denen Kippfiguren angelegt sind, wichtig. Das heißt, ich versuche Objekte und Bilder zu machen, die bestimmte, auch widersprüchliche, Lesarten suggerieren. Den Stöckelschuh habe ich vor langer Zeit auf dem Schild eines Schusters in New York fotografiert. Dann habe ich ihn mal abgezeichnet, und er verschwand sicher für zehn, fünfzehn Jahre in der Schublade. Als ich anfing, mit Emaille zu arbeiten, habe ich ihn rausgeholt. Plötzlich war er richtig aufgeladen.

Sie sind in Vorarlberg aufgewachsen - wie weit war der Weg nach New York im Jahr 2002?

Er war lang und hatte viele Umwege. Ich habe in Wien Kunst studiert und danach einige Jahre in Wien mit anderen Künstlerinnen gearbeitet. Ich hatte jedoch keine geformte künstlerische Praxis; das hat mich sehr beschäftigt. Ich würde mich nicht als Naturtalent bezeichnen. In New York hatte ich als 30-jährige nach meiner einjährigen Ausbildung im unabhängigen Studienprogramm des Whitney Museum of American Art das Glück, ein einjähriges Stipendium zu bekommen. In dieser Zeit habe ich ein aktives tolles, queer feministisches Umfeld gefunden, was mir total wichtig war.

Das klingt nach einem Befreiungsschlag. Warum sind Sie Künstlerin geworden?

Mein Kunststudium weist auf mein Interesse hin, ja, aber ich war Kunststudentin und nicht Künstlerin. Meine Ausbildung in der Meisterklasse für Tapisserie, der Textilhintergrund, hat sicher mit genderspezifischen Erwartungen zu tun. Auch damit, dass Kunst mir nicht sofort schlüssig und zugänglich war, dass es alle möglichen Fragen gab. Was traut man sich selbst zu? In New York war es dann auf einmal fast die Umkehr Ihrer Frage, warum ich Künstlerin geworden bin: Hier habe ich mir die Frage gestellt, ob ich Künstlerin sein muss? Es war nicht einfach, aber nach meinem ersten Jahr war die Richtung klar.

Sie sind in den USA bekannter und erfolgreicher als in Deutschland, woran liegt das?

Die Museen in New York haben wieder geöffnet. Wandarbeit von Ulrike Müller im Queens Museum zur Ausstellung "Konferenz der Tiere" läuft noch bis zum 17. Januar

Die Museen in New York haben wieder geöffnet. Wandarbeit von Ulrike Müller im Queens Museum zur Ausstellung "Konferenz der Tiere" läuft noch bis zum 17. Januar

(Foto: Hai Zang)

Das hat sicher mit Präsenz und Sichtbarkeit zu tun. Meine künstlerische Formierung hat hier stattgefunden, in Deutschland waren meine Arbeiten noch nicht so oft zu sehen.

Sie arbeiten mit sehr klaren Formen, mit Materialien wie Emaille und Wolle in ihren Teppichen. Ist Letzteres eine Reminiszenz an ihre Heimat Österreich?

Nicht bewusst, nein, den Begriff Heimat würde ich so nicht verwenden. Teppiche sind bei mir eben auch Teppiche, sie können liegend und hängend präsentiert werden. So wird ihr Doppelstatus von Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand betont. Bei Wolle oder Emaille gibt es Gebrauchsanwendungen und diese haptische Vertrautheit, die die Arbeiten haben. Bestimmte Materialien transportieren bestimmte Inhalte. Bei Emaille ist die Assoziation beispielsweise "Badewanne", "Küche", aber auch "Schmuck".

Und plötzlich sind auf der Emaille abstrakte Bilder zu sehen. Von der Kunst noch einmal ins Hier und Jetzt, was macht Ihnen Hoffnung?

Das Wissen, dass Menschen kreativ sind - dass es nicht so sein muss, wie es jetzt gerade ist. Viele denken über die aktuellen Probleme nach. Über Probleme, die sehr offensichtlich sind, und dass es auch nicht nur eine Person geben kann oder wird, die diese globalen Probleme lösen kann. Es muss gemeinsam angegangen werden.

Mit Ulrike Müller sprach Juliane Rohr via Skype

Die Ausstellung Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen 2020 ist noch bis zum 1. November in der Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, 28195 Bremen zu sehen.

Am 27. Oktober wird es statt der Preisverleihung um 19 Uhr in der Instagram Live-Story der Kunsthalle ein Gespräch mit Ulrike Müller geben.

Quelle: ntv.de