Leben

Männlicher Kinderwunsch Von der Sehnsucht, Vater zu werden

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Auch Männer wünschen sich ein Leben mit Kindern.

(Foto: imago images/Westend61)

Wenn von unerfülltem Kinderwunsch die Rede ist, geht es meist um Frauen, die gern ein Kind hätten. Doch was ist mit Männern, die dieser Wunsch umtreibt - und warum kommt dieses Thema in der Öffentlichkeit bislang kaum vor?

An den nackten Zahlen alleine kann es jedenfalls nicht liegen: Laut einer Studie des Delta-Instituts für Sozialforschung aus dem Jahr 2015 haben in Deutschland 26 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer einen aktuellen, unerfüllten Kinderwunsch. Und wenn man den Zeitpunkt weiter fasst, so sind es bei den Frauen 56 Prozent, bei den Männern 48 Prozent, die fest davon ausgehen, dass Kinder im Laufe der nächsten Jahre Teil ihres Lebens sein sollen. So weit klaffen die Geschlechter in dieser Frage also gar nicht auseinander.

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Dennoch stehen beim Thema Kinderwunsch vor allem Frauen im Mittelpunkt, die spätestens mit Anfang 30 verzweifelt einen Kandidaten zur Fortpflanzung suchen. Ein Klischee, das längst nicht mehr zutrifft, denn der Wunsch nach Elternschaft ist kein per se weiblicher. Immer mehr Männer bekennen sich offen zu ihrem unerfüllten Wunsch nach einer Familie. In dem Buch "Papi, Papa, Kind - Warum Familie auch anders geht" beschreiben so zum Beispiel die Eheleute Kevin und René Silvergieter Hoogstad ihren Weg zur Vaterschaft. Beide sind seit elf Jahren ein Paar und seit fünf Jahren verheiratet. Wenige Wochen nach der Hochzeit nahmen sie ihren Pflegesohn Tommy bei sich auf, mittlerweile lebt auch Pflegetochter Annika bei den beiden.

Der Vaterschaft voran ging die Sehnsucht nach Familie - die für Kevin Silvergieter Hoogstad aber unterschwellig und von Zweifeln begleitet war, schließlich wusste er als homosexueller Mann mit Anfang 20 nicht, ob sich sein Wunsch jemals erfüllen würde, und so schob er ihn zunächst von sich. Konkret wurde es erst, als er seinen Partner René kennenlernte und sah, wie gerührt dieser war, wenn es um Kinder ging. "Zu Beginn war dieser Wunsch auch eine große Überforderung, weil wir einfach nicht wussten, wie und ob wir das schaffen können. Da war Hoffnung, aber auch die Befürchtung, dass es nicht klappt, von Anfang an da", sagt Silvergieter Hoogstad.

Wie Rollenzuschreibungen unsere Wünsche prägen

Dabei spielte auch die Tatsache eine Rolle, dass Vaterschaft in der Wahrnehmung schwuler Identität noch kaum vorkommt. "Frauen wird ein Kinderwunsch geradezu unterstellt, sie werden ab einem bestimmten Alter ständig gefragt: Wann ist es denn so weit? Von schwulen Männern wird dagegen eher erwartet, dass sie Karriere machen, in teure Urlaube fahren und einen hedonistischen Lebensstil führen, in dem Kinder keinen Platz haben. Ich glaube, auch deswegen setzen sich wenige homosexuelle Männer mit diesem Gedanken und dem Kinderwunsch auseinander", sagt Kevin Silvergieter Hoogstad.

Leihmutterschaft und Adoption aus dem Ausland kamen für das Paar aus ethischen und finanziellen Gründen nicht infrage, und so machten Silvergieter-Hoogstad und sein Mann René schließlich einen Termin beim Jugendamt und entschieden, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen. Als sich der sehnliche Wunsch nach einem Pflegekind dann erfüllte, mussten sie trotzdem erst in die Vaterrolle hineinwachsen. "Vater zu werden war ein Prozess, der natürlich nicht abgeschlossen war, als unser Sohn Tommy bei uns eingezogen ist. Die Vorbereitung auf Pflegeelternschaft besteht aus nüchternen Seminaren und wenig romantischen Gesprächsrunden, sie ist so gar nicht rosarot. Und man kann sich darauf auch nicht so einlassen wie auf eine Schwangerschaft, denn die Angst, dass es doch nicht klappt, schwingt immer mit. Bis ich mich wirklich als Papi gefühlt habe, hat es ein halbes Jahr gedauert", sagt Silvergieter Hoogstad.

Mittlerweile bloggen er und Mann René unter papapi.de über ihr Leben als Regenbogenfamilie und ermutigen andere Menschen, eine Pflegeelternschaft zu erwägen. Das Leben mit den Pflegekindern habe ihr Leben bereichert, sagt Silvergieter Hoogstad. "Es ist eine ganz wundervolle Form der Familie."

Männer, die keine Kinder zeugen können

Der Journalist Benedikt Schwan hatte immer im Kopf, dass seine Eltern 35 waren, als sie ihn bekamen - und sah dieses Alter als einen guten Zeitpunkt, zu beginnen, sich über Nachwuchs Gedanken zu machen. Dass es auf natürlichem Wege nicht klappen würde und er nach Jahren vergeblicher Versuche, ein Kind zu zeugen, mit der Diagnose Unfruchtbarkeit konfrontiert werden würde - damit hatte er nicht gerechnet. "Männer glauben, sie hätten ewig Zeit, Nachwuchs zu zeugen - biologisch gesehen ist das übrigens nicht korrekt, weil die Spermienqualität mit dem Alter abnimmt - und sehen sich auch von außen nicht mit den gleichen Erwartungen an Elternschaft konfrontiert wie Frauen, was dazu führt, dass viele das Thema lange von sich wegschieben", sagt Schwan.

Das zeigt auch die Studie des Delta-Instituts: Zweifel an der eigenen Fruchtbarkeit sind generell bei beiden Geschlechtern erst mit zunehmendem Alter ein Thema, Männer sind jedoch auch dann noch wesentlich überzeugter von der eigenen Fertilität als Frauen: Im Alter von 40 bis 50 Jahren sehen nur 10 Prozent der Männer eine mögliche Erklärung für die Kinderlosigkeit bei sich, bei den Frauen sind es immerhin 37 Prozent. Gleichzeitig schreiben Männer nicht nur die Ursache, sondern auch die Verantwortung für eine Lösung meist der Frau zu, heißt es in der Studie. Sterilität bei Männern sei, ähnlich wie Impotenz, immer noch ein absolutes Tabuthema, sagt auch Schwan. In seinem Buch "Ohnekind - Männlich, Kinderwunsch, steril", das im August erscheint, beschreibt er, was die Diagnose Unfruchtbarkeit für ihn bedeutet.

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Der medizinische Begriff für Schwans Unfruchtbarkeit heißt Azoospermie - das bedeutet, es befinden sich keine oder keine beweglichen Spermien in der Samenflüssigkeit. Es wäre zwar rein theoretisch möglich, mit einer Mikro-Tese im Gewebe der Hoden nach Spermien zu suchen und im Erfolgsfall eine künstliche Befruchtung bei Schwans Frau durchzuführen. Doch die - auch altersbedingt - geringe Aussicht auf Erfolg, gepaart mit den vielen gesundheitlichen Risiken brachte das Paar dazu, sich gegen diesen Weg zu entscheiden. "Nicht Vater eines leiblichen Kindes zu werden, diese Gewissheit aushalten zu müssen, fühlt sich an, als sei jemand gestorben. Es kommt und geht in Wellen, aber es ist eine endgültige Tatsache, die immer wieder schmerzt", so Schwan.

Soloväter noch undenkbar

Schwan möchte mit seinem Buch auch dazu beitragen, den unerfüllten Kinderwunsch bei Männern zu enttabuisieren. Denn dieser werde immer noch kaum öffentlich thematisiert. "Ich glaube, in der Geschlechterdebatte sind wir in vielen Dingen weiter - non-binäre Identitäten, Transsexualität werden heute viel offener angenommen. Aber ein Mann, der ähnlich wie eine Solomutter versuchen würde, ohne Partnerin Vater zu werden: Das würde ziemlich sicher bei vielen auf Ablehnung stoßen", sagt Schwan.

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Für die Recherche reiste er nach Israel, Japan und Kanada, wo er einen fundamentalistischen Mormonen traf, der bis dato 150 Kinder gezeugt hat. Die Arbeit am Buch war für Schwan auch ein Versuch, den eigenen Schmerz aufzuarbeiten, gelungen sei ihm das aber nur bedingt. "Der Schmerz ist immer noch da. Meine Frau und ich beschäftigen uns gegenwärtig mit der Möglichkeit, Pflegeeltern zu werden. Und wir versuchen, mehr Zeit mit unseren Patenkindern und den Nichten auf beiden Seiten zu verbringen. Aber der Kinderwunsch wird wohl noch eine ganze Weile in mir drin bleiben", sagt Schwan.

Damit ist er nicht allein: 85 Prozent der kinderlosen Männer und Frauen, die das Dekra-Institut befragte, sehen in Kindern eine Bereicherung und sagen, sie gäben dem Leben einen tieferen Sinn. Umso wichtiger, dass auch Männer anfangen, offen über ihren Kinderwunsch zu sprechen.

Quelle: ntv.de