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Mansplaining: Wenn Männer ungefragt Frauen die Welt erklären - selbst, wenn die sich eigentlich besser auskennen.
Mansplaining: Wenn Männer ungefragt Frauen die Welt erklären - selbst, wenn die sich eigentlich besser auskennen.(Foto: imago)
Freitag, 07. Dezember 2018

Phänomen Mansplaining: Warum Männer so gern die Welt erklären

Von Franziska Türk

Männer, die Frauen im irrtümlichen Glauben belehren, es besser zu wissen, haben einen Namen: Mansplainer. Zwei Soziologinnen verraten, was Erziehung und Kommunikationsweisen damit zu tun haben - und wie Frauen sich wehren können.

Eigentlich will Rebecca Solnit die Party in einem Chalet in Aspen schon wieder verlassen, als sich der Gastgeber auf sie stürzt. Der ältere Herr möchte sich mit der Autorin über ihre Arbeit unterhalten, spricht mit ihr jedoch wie mit "einer Siebenjährigen, die zum ersten Mal beim Flötenunterricht gewesen war". Ob die "junge Frau" - die bereits jenseits der 40 ist - denn das Buch über den Fotografen Eadweard Muybridge gelesen hat? Er setzt zu einem Vortrag an - voller inhaltlicher Fehler und dennoch mit der Attitüde eines Oberlehrers. Immer wieder versucht Solnit dazwischenzugrätschen, doch ihr Gesprächspartner lässt keine Einwände gelten. Als die Autorin es schließlich schafft zu erklären, dass sie selbst besagtes Buch geschrieben hat, ist dem Herrn das nicht einmal sonderlich peinlich.

Rebecca Solnit ist nachvollziehbarerweise genervt. Sie schreibt den Essay "Men Explain Things To Me" und prägt damit den Namen für das, was ihr da widerfahren ist: Mansplaining. Und weil Rebecca Solnit nicht die einzige genervte Frau ist, hält sich der Begriff auch jetzt, zehn Jahre später, noch und hat sogar Einzug ins Oxford English Dictionary gefunden. Bei Mansplaining, so die Definition, handelt es sich um herablassende Erklärungen eines Mannes, der fälschlicherweise davon ausgeht, dass er mehr über den Gesprächsgegenstand weiß als sein zumeist weiblicher Gesprächspartner.

Aber warum erklären besonders Männer anderen gerne die Welt? Grund dafür sind unter anderem die gängigen Geschlechterstereotype, sagt Andrea Bührmann. "Frauen haben Gefühle, Männer verstehen die Welt, heißt es da", so die Direktorin des Instituts für Diversitätsforschung an der Georg-August-Universität Göttingen. Gleichzeitig habe Mansplaining mit Hierarchien und Macht zu tun, denn gerade im Arbeitsleben sei es eben noch häufig der Mann, der den höheren Status habe. "Und gerade Männer neigen eher dazu, zu denken, dass sie die Dinge verstehen, weil sie so sozialisiert wurden", sagt Bührmann.  

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Dabei ist Mansplaining nicht zwangsläufig böse gemeint. Oft, sagt Bührmann, geschieht es unterbewusst. Dass es trotzdem passiert, liegt auch an der oft gänzlich unterschiedlichen Art von Männern und Frauen, zu kommunizieren. "Frauen gehen am Ende des Satzes häufig mit der Stimme hoch, so dass er eher wie eine Frage wirkt", sagt Christiane Funken, die das Fachgebiet für Kommunikations- und Medienforschung sowie Geschlechtersoziologie an der Technischen Universität Berlin leitet. "Sie hören in der Regel mehr zu, unterbrechen weniger, sind zumeist selbstkritischer und damit auch offen für Gegenargumente." Männer dagegen unterbrechen häufiger, setzen Ausrufezeichen und produzieren Hierarchien, wo eigentlich keine angebracht wären - und das völlig unabhängig davon, ob sie tatsächlich etwas zu sagen haben, sagt Funken.

Meinungsstarke Frauen gelten als Zicke

Wie unterschiedlich Frauen und Männer ihre eigene Leistung einordnen, zeigt ein Blick auf verschiedene Studien. Fragte man etwa Professorinnen und Professoren einer Universität, warum ausgerechnet sie ihren Posten bekommen haben, so machten Frauen häufig externe Faktoren - Glück, Zufall, es war eben gerade eine Stelle frei - für ihren Erfolg verantwortlich. Für die meisten Männer war dagegen klar: Ich war der Beste. Selbst nach dem Börsencrash an der Wallstreet waren viele männliche Manager von ihrer Leistung überzeugt. In einer Befragung schrieben sie Erfolge ihrer persönlichen Leistung zu und schoben den Börsencrash auf das System. 

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass im beruflichen Kontext oft noch immer Männer die Wortführer sind. Laut Funken gehen Männer beispielsweise in Meetings eher machtstrategisch vor: Sie loten aus, wer etwas zu sagen hat und orientieren ihre Kommunikation daran. Frauen setzen eher auf Inhalte, sind teamorientiert, sprechen in der Wir-Form - und gehen damit nicht selten unter. Klar, auch Frauen können mansplainen, besonders wenn sie in der Hierarchie weiter oben stehen. "Wenn eine Frau in einem Meeting oder einer Talkshow ihre Sichtweise genauso vehement vorträgt wie ihre männlichen Kollegen, wird sie aber schnell als aggressive Zicke abgestempelt", sagt Bührmann. Bei Männer denke man dagegen lediglich: Wow, der kann sich durchsetzen.

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Wer wissen will, warum Männer und Frauen oft derart unterschiedlich kommunizieren, muss zurückblicken. Weit zurück - in ihre Kindheit. "Mädchen werden eher dazu erzogen, füreinander da zu sein und empathische Eigenschaften zu entwickeln. Jungen dagegen machen häufiger Mannschaftssport und beweisen sich im Wettkampf, werden also von Kindesbeinen auf Konkurrenz getrimmt", sagt Funken. Die Folge: Sie lernen sich durchzusetzen. Nicht nur im Fußball, sondern später auch im Beruf oder innerhalb der Familie. Und in diesem Bestreben schießen sie eben immer wieder übers Ziel hinaus - und mansplainen.

Humor als Waffe

Und so gibt es kaum eine Frau, die sie nicht kennt: Die Situationen, in denen sie sich von einem völlig ahnungslosen Mann erklären lassen muss, was sie zu denken, wie sie zu handeln oder wie sie ihr Leben zu leben hat. In denen sie als weniger kompetent wahrgenommen wird, weil sie eine Frau ist. "Wenn ich jedes Mal 20 Dollar bekommen würde, wenn mich ein Mann herablassend über Meeresfrüchte aufklärt und darüber, welches Wissen man braucht, um diese zu verkaufen, müsste ich keine Meeresfrüchte verkaufen", schreibt eine genervte Twitter-Userin unter dem Hashtag #Mansplaining. Mansplaining, das kann der Bekannte sein, der bei einem technischen Problem als allererstes fragt, ob die Frau denn überhaupt weiß, dass das entsprechende Gerät auch eingesteckt sein muss, um zu funktionieren. Oder der Kumpel in der Kneipe, der, als er hört, dass ein Artikel über Mansplaining in Arbeit ist, nicht einmal fragt, was denn die interviewten Expertinnen zu dem Thema sagen, von dem er selbst noch nie gehört hat. Sondern der das Stichwort vielmehr nutzt, der studierten Soziologin ausführlich zu erklären, warum Mansplaining nicht existent und die Soziologie ja ohnehin eine Wissenschaft ist, die man nicht so richtig ernst nehmen kann.

Dabei ist natürlich nicht jede Erklärung eines Mannes automatisch Mansplaining, sagt Bührmann - entscheidend ist die Intention. Will also jemand wirklich Inhalte vermitteln? Oder dient die Erklärung der Belehrung und Machtdemonstration? Hilfestellung für Männer diesbezüglich bietet eine Grafik von Autorin Kim Goodwin. Knapp 60.000 Retweets auf Twitter zeigen, dass offenbar noch Klärungsbedarf herrscht.

Aber wie reagiert frau am besten, wenn sie dann doch bevormundet, permanent unterbrochen und sogar für dumm verkauft wird? "Ich mache das gerne über Humor, um dem Ganzen die Kampfsituation zu nehmen", sagt Funken. Wenn zum Beispiel ein Vorschlag in einem Meeting von Kollegen völlig übergangen wird, eine Viertelstunde später aber der exakt selbe Vorschlag aus dem Mund eines männlichen Kollegen viel Zuspruch findet, wäre eine passende Reaktion: "Toll, das finde ich super, dass Sie mein Thema nochmal aufgreifen und sogar wortwörtlich dasselbe sagen."  Manchmal, sagt die Soziologin, hilft aber auch Humor nicht mehr. "Da muss man dann dazwischengehen und ganz klar sagen: Das ist falsch, die Kommunikation ergibt an dieser Stelle keinen Sinn mehr."

Und Männer? Die können sich öfter fragen, ob andere das, was sie von sich geben, überhaupt hören möchten. Oder einfach mal zuhören.

Quelle: n-tv.de