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Paul McCartney wird 70 Wenn ein Beatle ins Sakko greift

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(Foto: dapd)

Paul McCartney wird 70 Jahre alt und er ist schon jetzt unsterblich. Aus dem Arbeitersohn wurde ein Superstar, der zusammen mit John Lennon, George Harrison und Ringo Starr die Populärmusik revolutionierte. Wie unser Autor den Genius traf und warum Katzen kein Verständnis für die Beatles haben.

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Auch in seinem Leben nach dem Beatles hat Paul McCartney Großes hervorgebracht.

(Foto: dapd)

Ob ihm seine Familie heute zum Frühstück seinen Song "Birthday" vom "Weißen Album" der Fab Four vorgespielt hat? Wer will das wissen. Hoppla? "Birthday" nennt als Autoren doch Lennon/McCartney! Sicher. Aber bei den Kompositionen des weltweit erfolgreichsten Songschreiberkollektivs gilt immer noch die Faustregel, dass der, welcher den Song singt, auch den entscheidenden Anteil an seiner Entstehung hat. Das ist wohl das Geheimnis ihres Erfolges: Ohne die Inspiration des jeweils anderen, wären die Songs wohl kaum so perfekt gelungen.

Die Genialität von John war es wohl auch, was Paul nach der Trennung des Beatles 1970 fehlte. Es dauerte eine Weile, bis er sich berappelte. Die ersten beiden Post-Beatles-Alben floppten. Die nunmehr neu aufgelegte Scheibe "Ram" aus 1971 wies wieder nach oben: Der Song "Uncle Albert/Admiral Halsey" wurde in den USA zur Nummer 1, im heimischen UK hingegen war dem Album nur mäßige Anerkennung beschieden.

McCartney mehr als Schmalz

Der Durchbruch gelang mit der im nigerianischen Lagos eingespielten LP "Band On The Run". Da war sie wieder, die fröhliche Unbekümmertheit, mit der Paul dereinst Lieder wie "All My Loving", "Good Day Sunshine" und "She’s Leaving Home" geschrieben hatte. Letzteres stammt von jener Langspielplatte, nach der sich jede ernsthafte Populärmusik an den Liverpoolern messen lassen musste: "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" aus 1967 ist ein Konzeptalbum, dessen Songs eingebettet sind in einen Auftritt von Feldwebel Peppers Kapelle der einsamem Herzen.

Höhepunkt ist "A Day In The Life", das faktisch aus zwei Liedern besteht, eines davon von Lennon, das andere von McCartney. Das Orchestercrescendo, das beide Tracks voneinander trennt und sie zugleich verbindet, ist ein Meisterwerk. "Lovely Rita" ist das einzige rockige Lied auf der Platte. Nicht nur das Lied über die Parkwächterin Rita zeigt, dass Paul keineswegs der schmalzig-melancholische Part der Beatles war.

Begegnung mit dem Idol

Das erste Lied, das er in den späten Fünfzigern öffentlich darbot, war "Long Tall Sally" vom US-amerikanischen Rock'n'Roller Little Richard, das Paul 1964 auch auf dem Album "Beatles For Sale" intonierte. "Helter Skelter" von "Weißen Album" trägt das Holterdiepolter nicht nur im Namen. Der Song ist das, was man landläufig einen Kracher nennt. Das erfolgreichste Stück des Geburtstagskindes bleibt gleichwohl "Yesterday", das zu den meistgecoverten Liedern aller Zeiten gehört.

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Auch die Queen verehrt McCartney.

(Foto: dapd)

Was für ein Mensch ist dieser Paul McCartney? Ist ihm der Ruhm zu Kopfe gestiegen? Er wird seine Macken haben, wie jeder von uns. Als ich 2001 Gelegenheit hatte, Paul gemeinsam mit meinem Sohn Thomas in Berlin bei der Vorstellung des "Best Of …"-Doppelalbums "Wingspan" zu treffen, war er der Kumpel, dessen Musik Bestandteil unseres familiären Soundtracks geworden war. Einfach, herzlich, verständnisvoll.

Das Haus am Marlene-Dietrich-Platz in Berlin wimmelte von Bodyguards und anderen Aufpassern, an den Wänden prangte ein Flyer, auf dem hingewiesen wurde, dass Sir Paul - ach ja, geadelt hatte ihn die Queen zwischendurch ja auch - nur "Wingspan" signieren würde. Ich hatte unter dem Sakko die Plattenhülle des ersten Beatles-Albums "Please, Please Me" versteckt, die bereits das Autogramm von Ringo Starr zierte.

Die Kater kapieren es einfach nicht

Auf die etwas umständlich vorgetragene Bitte um ein Autogramm zog Paul das Cover aus dem Sakko. Hätte ich diese Bewegung gemacht, hätte sie leicht als Griff nach dem Revolver interpretiert werden können. Schließlich war John auch durch eine Kugel getötet worden. Die herbeistürzenden Leibwächter wies Paul mit der Bemerkung zurück, schließlich wäre ich ein Freund von Ringo, was dessen Unterschrift ja beweise, und Ringos Freund sei auch sein Freund. Sprach's, signierte und ergänzte: "The son of a friend of Ringo's is the son of a friend of mine!" Und setzte seine Unterschrift neben die des Beatles-Drummers auch auf Thomas' CD-Ausgabe des "Weißen Albums".

Ist Genialität von Dauer? Auch nach dem Wunderwerk "Band On The Run" gibt es bis auf den Tag Höhen und Tiefen. "Mull Of Kintyre", Pauls größter Hit nach den Beatles, nennt als Ko-Autoren Denny Laine, einst Frontmann der Moody Blues und später Mitglied von Pauls zeitweiliger Band The Wings. Auch wenn nicht jede Scheibe in den Charthimmel aufstieg: Eine Begegnung mit Pauls schier unerschöpflichen Kreativität ist jedes neue Album gleichwohl. Ein Mensch, der keine Noten lesen kann und es vom jugendlichen Schreiber einfacher Liedchen zum Komponisten mehrerer klassischer Werke gebracht, dazwischen unsterbliche Popsongs verfasst und aufgenommen hat, muss wohl ein Genius sein. In diesem Sinne, from the bottom of my heart: Happy Birthday, Paul! Und Dank für alles!

PS: Ich muss jetzt den Verstärker leiser drehen. Der Song "Birthday" dudelt nun schon zum x-ten Mal über die Weiten hinter dem Haus. Und unsere verschreckten Kater wollen einfach nicht begreifen, dass heute ein Unsterblicher seinen Siebzigsten feiert.

Quelle: n-tv.de

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