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Applaus ist Koks für die Seele Whitney Houston musste scheitern

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Die Pose täuscht gewaltig - leider.

(Foto: REUTERS)

Es scheint fast so, als würden die Menschen erst langsam begreifen, was der Welt da für eine großartige Künstlerin abhanden gekommen ist. Sicher, bei den Grammys trauerten die Stars natürlich, aber der Schock kommt erst jetzt. Vor allem ihre Tochter leidet.

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Der Thomas hatte alle auf dem Sofa.

(Foto: dpa)

Thomas Gottschalk sagt in den letzten Wochen ja andauernd etwas - aber keiner will es sehen oder hören, wenn er in der ARD das Sandmännchen für Erwachsene gibt; der Moderator wirkt ob seiner beim Publikum nicht ankommenden Vorabend-Talkerei ein wenig gequält. Verständlich, wer wäre das nicht, wenn er vom Quotenhimmel in den Quotenkeller abstürzt? Jetzt hat er aber mal wieder etwas Schlaues gesagt, das macht er manchmal, und dafür darf man ihn dann auch mal loben. Das letzte Mal, es war so ziemlich genau vor einem Jahr, da hatte er endgültig beschlossen, wegen des Unfalls von Samuel Koch, mit "Wetten, dass..?" aufzuhören. Und nun: "Man hat natürlich schon gemerkt, dass das Ganze nur tragisch enden konnte", so Gottschalk auf der Berlinale. "Sie war sowas von begnadet, aber sie war diesem Geschäft nicht gewachsen."

Komet vom Himmel gefallen

Schauspielerin Jessica Schwarz formulierte es etwas drastischer: "Komischerweise hat es mich nicht so gewundert." Und  Marie-Luise Marjan ("Lindenstraße") zeigte sich bestürzt. "Das ist eine Katastrophe", sagte die 71-Jährige. Mit dem Tod der Sängerin sei "wirklich ein Komet vom Himmel gefallen". Es sei schade, dass die Musikbranche Houston offensichtlich kaputt gemacht habe.

Ist es aber tatsächlich die Musikbranche, die einem Künstler so zusetzt, dass er sich nicht mehr zu helfen weiß, außer in Drogen und Alkohol Zuflucht zu suchen? Baut die Musikbranche einen Star tatsächlich erstmal so auf, dass er sich dann gefügig melken lässt und wenn er nicht mehr gewünscht ist, wird ihm ein vertrauenerweckender Dealer geschickt, der die Probleme des soon-to-be-Ex-Stars auf seine Weise regelt? So kann's ja auch nicht sein. Whitney Houston war eine der Größten - darin sind sich alle einig - und endete doch als gefallener Star. Genau wie Amy Winehouse, Michael Jackson, Elvis Presley, Marilyn Monroe ... Aber warum scheitern gerade die erfolgreichsten Sänger und Schauspieler an sich selbst?

Lindsay Lohan - pass' auf!

Ein Erklärungsversuch: Borwin Bandelow hat die Todesnachricht aus Los Angeles erschrocken - aber nicht überrascht. "Um Whitney Houston habe ich mir schon lange Sorgen gemacht", sagt der Psychiatrie-Professor und Autor des Buches "Celebrities: Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein". "Bei Michael Jackson war es geradezu gruselig: Da habe ich einer Journalistin einen Monat vor seinem Tod gesagt, sie könne schon mal den Nachruf schreiben. Und bei Amy Winehouse habe ich drei Jahre vor ihrem Tod gesagt, dass sie mit 27 Jahren sterben wird." Für extrem gefährdet hält er nun Lindsay Lohan, die im vergangenen Jahr wegen Verletzung von Bewährungsauflagen nach Diebstahl und Drogenvergehen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.

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Sie hätte noch so schöne Musik machen können ...

(Foto: REUTERS)

Für den Göttinger Wissenschaftler Bandelow reicht ein Wort, um all diese Fälle zu erklären: Borderline. Eine Persönlichkeitsstörung, die durch starke Stimmungsschwankungen gekennzeichnet ist. "Diese Störung geht einher mit Drogenabhängigkeit, partnerschaftlichen Problemen, aber auch einem gewissen Narzissmus - Ehrgeiz und Geltungsdrang", erläutert Bandelow. "Diese Menschen sind auf einer verzweifelten Suche nach Aufmerksamkeit. Vermutlich werden sie mit einem Defekt im Wohlfühl-Hormonsystem geboren. Da fehlt ihnen etwas, und darum sind sie immer auf der Suche nach Kicks, und diese Kicks versuchen sie durch Aufmerksamkeit zu bekommen. Applaus ist Koks für die Seele."

Davon hatte Whitney doch eigentlich genug, vom Applaus, oder? Ihre musikalische Karriere war unvergleichbar - und neue Projekte standen an: Houston hatte zuletzt in dem kürzlich fertiggestellten Film "Sparkle" über die schwarze Motown-Gruppe "The  Supremes", die in den 1960er Jahren große Erfolge hatten, gespielt. In dem Film über die erste Musikgruppe der Sängerin Diana Ross - gerade mit dem Lifetime Achievement Award bei den Grammys ausgezeichnet - hat sie die Mutter eines der "Supremes"-Girls gespielt. Das Trio kämpfte ebenso wie Houston mit Drogenproblemen. "Sparkle" soll  im Sommer in die US-Kinos kommen.

Damals wusste man noch nicht viel über Borderline und Auswirkungen von Stress und Druck auf die Seele, heute weiß die Wissenschaft, dass es vielen Borderlinern zugute komme, dass sie über Fantasie und Kreativität verfügten. Und eben weil sie selbst von starken Gefühlen beherrscht würden, könnten sie diese auf der Bühne auch besonders gut ausdrücken, so Bandelow. "Sie haben keine Scheu, sie schämen sich für nichts, sind geborene Performer." Bleibe der Erfolg trotz Gänsehautstimme irgendwann aus, folge fast zwangsläufig der Griff zu den Drogen: "Entweder man kriegt Applaus oder man nimmt Kokain."

Der vermeintlich starke Mann   

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"And I will always love you!" Was Kevin Costner wohl denkt?

(Foto: REUTERS)

Dazu komme noch, dass Borderliner bei der Partnersuche oft von anderen Borderlinern angezogen würden. "In diesem Fall Bobby Brown, der ja auch Drogen genommen hat, und der Whitney Houston ins Gesicht gespuckt hat. Aber er war eben der 'starke Mann', der sie fasziniert hat." Sie selbst hat einmal in einem Interview mit Oprah Winfrey im Zuge ihrer Comeback-Pläne erzählt, dass er wie ein Vater zu ihr war, alles vorgeschrieben und organisiert hat - und sie habe das damals gemocht.

Behandelt wird Borderline mit Medikamenten und Psychotherapie, doch nach Bandelows Erfahrung gelingt nur selten eine Heilung. "Die Patienten brechen die Therapie häufig ab: wegen Rückfällen oder weil ihnen die Fähigkeit zur Selbstkritik fehlt. Trotz Beweis des Gegenteils meinen sie dann, dass sie alles im Griff haben." Auch hier bilde Whitney Houston keine Ausnahme. Können diese Medikamente mit Schuld an ihrem einsamen Tod in der Badewanne gehabt haben?

Zeit für Spekulationen

Nach der Obduktion am Sonntag schlossen die Ermittler einen kriminellen Hintergrund aus. Die Leiche zeige keine sichtbaren Zeichen von Verletzungen, zitierten US-Medien einen Gerichtsmediziner. Mit weiteren Informationen hielten sich die Ermittler zurück und verwiesen auf ein toxikologisches Gutachten. Bis zu den Testergebnissen kann es aber mehrere Wochen oder gar Monate dauern. Nach Michael Jacksons Tod im Juni 2009 waren fast drei Monate vergangen, bis eine Todesursache mitgeteilt wurde.

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Tony Bennett tröstet ihren Entdecker Clive Davis.

(Foto: REUTERS)

Wie das Promiportals "TMZ" berichtete, wurde in Houstons Lunge Wasser gefunden. Es sei aber unklar, ob das Wasser zum Tode geführt habe oder erst in die Lunge geflossen sei, nachdem die Sängerin gestorben war. Zudem will das Portal erfahren haben, dass in der Suite rezeptpflichtige Medikamente gefunden wurden, darunter auch ein Präparat gegen Depressionen. Offizielle Bestätigungen dafür gibt es nicht.

Peter Walschburger, Professor für Biopsychologie an der Freien Universität Berlin, nennt einen weiteren, möglichen Grund für Houstons Tod und bestätigt im Wesentlichen die Analyse des Kolleg Bandelow: Die Rolle der Medien, der globalen Bühne, trage eine Mitschuld. Erst dadurch werde das Autonomiegefühl der Topstars ins Unermessliche gesteigert. "Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges müssen sie ja durch die ungeheure mediale Aufmerksamkeit geradezu das Gefühl haben, dass für sie der alte Menschheitstraum wahrgeworden ist, die Welt völlig nach ihren Wünschen ausrichten zu können." Gerade Whitney Houston sei mit ihrem Publikum verschmolzen und dadurch in besonderer Weise von ihm abhängig geworden.

Der kleine Unterschied

Natürlich gibt es auch Superstars, die immun erscheinen, wenn es um Drogen und Abstürze geht, zumindest kommen sie immer wieder nach oben: Bandelow nennt in diesem Fall Paul McCartney. Walschburger fällt noch ein anderer Name ein - nicht aus dem Showbusiness: "Angela Merkel. Die ist für mich das beste Beispiel für einen Menschen mit einem wirklich gefestigten Selbstbewusstsein. Schwerste Rückschläge haben sie nicht aus der Bahn werfen können, aber auch der Erfolg steigt ihr nicht zu Kopf. Sie macht einfach ihr Ding."

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Mutter und Tochter waren unzertrennlich.

(Foto: dpa)

Die größte Sorge gilt jetzt aber Whitney Houstons Tochter Bobbi Kristina: Laut Medienberichten wurde die 18-Jährige nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter schon zweimal im Krankenhaus behandelt. Ex-Mann Bobby Brown sagte seine Konzerttour ab, um nach Los Angeles zu reisen. Bobby Brown traf am Sonntag in Los Angeles ein. Er wolle vor allem seiner Tochter beistehen, zitierte die US-Zeitschrift "Extra" den 43-Jährigen. "Offensichtlich hat der Tod ihrer Mutter sie sehr mitgenommen. Aber wie auch immer; wir werden diese Tragödie als eine Familie überstehen." Er bat um Privatsphäre für sich und seine Familie.

Brown bestätigte auch, dass "Bobbi Kris", so wie er sie nennt, im Krankenhaus gewesen sei. "Sie wurde wieder entlassen und ist gerade bei ihrer Familie, einschließlich ihrer Geschwister." Die 18-Jährige ist das einzige Kind Houstons, Brown hat aber noch vier Kinder aus anderen Beziehungen. Bobbi sei am Morgen nach dem Tod der Mutter mit der Diagnose "Stress und Erschöpfung" ins Krankenhaus gebracht worden. Später wurde sie wieder in das Hospital gefahren, weil sie "hysterisch, erschöpft und nicht zu trösten" gewesen sei.

Unsere Schwester Whitney

Am Tag nach Houstons Tod fand nur ein paar Meilen entfernt in Los Angeles wie geplant die Verleihung der Grammys statt. Die Gala begann mit einem Gebet für die US-Sängerin. "Wir haben einen Tod in unserer Familie", hatte Gastgeber LL Cool J gesagt: "Und der einzig richtige Weg, solch einen Abend zu beginnen, ist ein Gebet. Ein Gebet für jemanden, den wir lieben: unsere Schwester Whitney Houston".

Hätte hätte hätte

Anschließend stimmte der 44-Jährige ein Vaterunser auf Houston an. "Unsere Gedanken sind bei ihrer Familie, bei ihrer Mutter und ihrer Tochter." Nach dem kurzen Gebet wurde ein Video mit Houston und ihrem größten Erfolg "I Will Always Love You" eingespielt. Das Publikum applaudierte stehend. Houston hatte selbst sechs Grammys gewonnen, die beiden letzten vor 13 Jahren. Doch wie schreibt die britische Zeitung "The Times": "Whitney Houston war einer der größten Stars der Welt, doch sie hätte noch viel größer sein können. Ihre Karriere begann bereits vor über zehn Jahren zu leiden, um sich nie wieder zu erholen. Drogensucht hat verhindert, dass wir noch mehr schöne Songs von ihr hören konnten. Ihr Tod so wie die letzten Jahre ihres Lebens zeigen uns, dass Reichtum, Ansehen und Prominenz die schlimmsten Auswüchse der Sucht nicht verhindern können. Ein schwerer Kokain-Missbrauch war von ihrem Gesicht abzulesen, das einst frisch und strahlend auf den Titelseiten von Zeitschriften zu sehen war, die bis dahin nur weiße Frauen abgebildet hatten."

Quelle: n-tv.de, soe/dpa/AP/AFP

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