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Beatrix Potters erfundene Autobiographie Eine ganz und gar unschickliche Person

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Das Buch ist im Fischer-Verlag erschienen und kostet 16,95 Euro.

Charity ist merkwürdig, aber auch neugierig und begabt. Vielleicht nur nicht gerade in den Disziplinen, die für Mädchen im viktorianischen England gefragt sind. Aber hinter der ganz und gar unbedeutenden Charity Tiddler steckt eine starke und außergewöhnliche Persönlichkeit, der man nur zu gern folgt.

Das Leben im viktorianischen England ist kein Zuckerschlecken, noch nicht einmal, wenn man das einzige Kind reicher Eltern ist – so wie Charity Tiddler. Deren" ganz und gar unbedeutendes Leben" hat die französische Autorin Marie-Aude Murail aufgeschrieben.

Der Titel darf allerdings getrost als Koketterie verstanden werden, denn bei dem Buch handelt es sich um nicht weniger als um die erfundene Biografie von Beatrix Potter, der Kinderbuchautorin, die Peter Hase und zahlreiche andere Tierfiguren zum Leben erweckte. Und das Buch ist weit mehr als ein Kinderbuch.

Murail zeichnet ein etwas schrulliges Kind, das gleichzeitig voller Neugier und von einem starken Willen ist. Eigentlich müsste Charity inmitten von zwei Schwestern leben, allerdings hat "Prudence, meine ältere Schwester, 3 Stunden nach ihrer Geburt auf ein Weiterleben verzichtet, Mercy wiederum, die 2 Jahre später zur Welt gekommen war, hatte das Abenteuer nicht länger als eine Woche gewagt."

Privatzoo im Kinderzimmer

Charity wehrt sich gegen die Einsamkeit ihres Lebens, indem sie zahlreiche Tiere bei sich aufnimmt. Jenseits der gesellschaftlichen Konventionen, nach denen sie nicht einmal allein das Haus verlassen darf, baut sie sich in ihren Räumen so etwas wie ein eigenes Leben auf. Umgeben von ihrem Kaninchen, einem Raben, etlichen Mäusen und anderem Getier und begleitet von ihrem immer verrückter werdenden Kindermädchen Tabitha, zeichnet und forscht Charity und wächst dabei immer weiter heran.

Allerdings ist für sie lediglich eine angemessene Heirat vorgesehen und je älter Charity/Beatrix wird, umso schwieriger wird es für sie, dieses Leben aufrecht zu erhalten. Nicht nur ihre Mutter ist überzeugt, dass aus dem "originellen Kind" nur eine exzentrische alte Jungfer werden kann. Doch Charity schlägt, gefördert von ihrer Gouvernante und einem Hauslehrer einen revolutionär anderen Weg ein.

Sie bietet ihre naturgetreuen Zeichnungen zum Verkauf an und entwickelt aus den Geschichten, den sie den Kindern in ihrer Umgebung erzählt, Bücher. Dafür findet sie einen Verlag und schafft es, Geld zu verdienen und sich als Geschäftsfrau und eigenständige Person zu etablieren.

Ein Schmöker für eine Nacht

Marie-Aude Murail ist eine der beliebtesten Autorinnen Frankreichs. In "Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler" gelingt es ihr, ein Mädchen- und Frauenschicksal zu erzählen, ohne je in irgendein emanzipatorisches Klischee zu verfallen. Vielmehr folgt man bei Lesen beinahe atemlos einem ungewöhnlichen Menschen. Die sehr sensible Nacherzählung des Lebens von Beatrix Potter mag nicht immer in jedem Detail stimmen, aber sie ist turbulent und ereignisreich und trotz der 570 Seiten niemals langweilig.  

Mit einem herrlichen Humor ausgestattet, charmant und sprachverliebt, ist diese Charity eine unglaubliche Heldin. Und weil das Zeichnen in dem Buch eine so große Rolle spielt, kommt es auch nicht ohne Illustrationen aus. Philippe Dumas hat der aquarellierenden Charity damit eine weitere Ausdrucksmöglichkeit gegeben, die das Buch noch reicher und vergnüglicher machen.

"Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler" im n-tv shop bestellen

Quelle: ntv.de

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