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Stadt der Extreme Tokio auf den zweiten Blick

Tokio ist die Stadt der Superlative und Gegensätze. Sie erschlägt mit ihrer schieren Masse und Moderne und lockt gleichermaßen mit Ruhe und Tradition. Sie schüchtert auf den ersten Blick ein und verzaubert beim erneuten Hinsehen. Den Beweis liefert der Bildband "Tokyo“.

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Tokios Skyline leuchtet.

Tokio ist eine Stadt, die auf den ersten Blick bedrohlich und einschüchternd wirkt. Überall blinkt und hupt es schrill. Leuchtreklamen prangen grell an den Häusern oder weisen vom Himmel herabblickend, in fremden unnatürlichen Schriftzeichen und Bildern den Weg durch die engen, hohen Straßenschluchten, die von Menschen übervölkert scheinen. Sie bahnen sich ihren Weg. Gleichgültig nach außen, rastlos im Inneren, aber nie nach einem Weg suchend, schlängelt sich die zuckende Masse durch die beeindruckende Innenstadt der japanischen Hauptstadt - dieses Achteinhalb-Millionen-Molochs, in dessen Umkreis weitere rund 26 Millionen Menschen leben und die Metropolregion Tokio zur größten der Welt machen. Ein Superlativ Tokios, aber bei weitem nicht der einzige.

Der öffentlicher Nahverkehr ist der effizienteste der Welt, die Station Shinjuku die verkehrsreichste der Welt. Sie reicht fünf Etagen in die Tiefe und wird pro Tag von drei Millionen Passagieren genutzt. Um dieser Masse an Menschen Herr zu werden, fahren die Züge alle 40 Sekunden in den Bahnhof ein und aus. Damit die hohe Zugtaktung eingehalten werden kann, gibt es den Job des sogenannten Shirioshi: Sie drücken während der Stoßzeiten die Menschen in die Zugwaggons. Chaos wie beispielsweise bei der Berliner S-Bahn kennt der Tokioter nicht.

Auch der Straßenverkehr verläuft, verglichen mit anderen Millionenmetropolen dieser Welt, verhältnismäßig staufrei. Dutzende mehrstöckige Schnellstraßen, errichtet auch auf Stelzen, tragen dafür Sorge.

Wenn sich der Katzenfisch bewegt

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"Tokyo" ist erschienen im Edition Panorama Verlag.

Die Stelzen sind zum Teil dringend notwendig, denn Tokio gehört zu den erdbebengefährdetsten Großstädten der Welt. Sie liegt im Osten der Insel Honshu, direkt an der Schnittstelle dreier Erdplatten: der pazifischen, der asiatischen und der philippinischen. In Japan bebt mehr als 100.000 Mal im Jahr die Erde. 30 Erdstöße bekommt jeder Tokioter jährlich deutlich zu spüren. Ein verheerendes Beben wie am 1. September 1923, als 60 Prozent der Stadt zerstört wurden und mehr als 140.000 Menschen ums Leben gekommen sind, ist Experten zufolge jederzeit wieder möglich.

Die nötigen Vorsichtsmaßnahmen haben die Stadtplaner ergriffen: alle paar Meter stehen am Straßenrand Kästen mit Feuerlöschern. Architektonisch gingen sie noch weiter: Zahlreiche Straßen wurden verbreitert, um im Notfall als Feuerbremse zu wirken. Häuser bekamen bewegliche Fundamente und schwingen bei einem Beben mit. Die sich im 45. Stock des 246 Meter hohen, zweitürmigen Rathauses befindliche Sky-Lobby schwingt dann bis zu sechs Meter aus.

Laut japanischem Volksglauben ist für die zahlreichen Erdstöße der Namazu verantwortlich, ein in der Erde lebender Riesen-Katzenfisch, der mit seinen Bewegungen die Erde erzittern lässt und die Bewohner so für ihr lasterhaftes Leben bestraft. Der Volksglaube ist im heutigen hochmodernen Japan noch immer weit verbreitet und auch in Tokio sichtbar.

Gegensätze, die anziehen

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Gokuku-ji: St. Mary's Kathedral

Denn Tokio ist nicht nur die Stadt der Superlative, sondern auch der Gegensätze. Obwohl die Metropole technisch dem Rest der Welt immer einen Tick voraus zu sein scheint, bleibt sie auch ihren Wurzeln und Traditionen treu. So sind religiöse Tempel neben großen Geschäftshäusern ein ebenso häufiges Bild wie vollkommene Ruhe ausstrahlende Parkanlagen neben hektischen Einkaufszentren.

Diese Superlative und Gegensätze machen Tokio zu einem Touristenmagneten. Die Anziehungskraft dieser Metropole strahlt in die ganze Welt hinaus. Hollywoodfilme wie "Lost in Translation“ haben ihr filmisch ein Denkmal gesetzt. Die 50 doppelseitigen Panoramafotografien von Micha Pawlitzki, zusammengefasst im Bildband "Tokyo“ und erschienen im Edition Panorama Verlag, würdigen die vielschichtige Einzigartigkeit der japanischen Hauptstadt auf ganz spezielle Weise.

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Micha Pawlitzki fing die vielen Gesichter Tokios mit der Kamera ein.

Perfekt ergänzt werden die Bilder durch den wunderbaren Begleittext der Schriftstellerin und Redakteurin Iris Lemanczyk, der in seiner Beschreibung jede Fotografie noch plastischer werden lässt und zudem jede Menge Wissenswertes rund um die Geschichte, die Besonderheiten und auch die kleinen liebenswerten Macken der Stadt vermittelt. "Tokyo“ beweist, dass der erste Blick, mag er auch noch so klar sein, oft täuscht.  

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Quelle: ntv.de