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Im Leben der anderen Wie Vilma B. die JVA Pankow austrickste

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(Foto: picture alliance / dpa)

Wie sähe mein Leben aus, wenn ich jemand anderes wäre? Käme ich besser zurecht, würden sich manche Probleme von alleine auflösen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Justizkomödie "Ich an ihrer Stelle", in der es auch um ein Fehlurteil, Lügen und eine dysfunktionale Familie geht.

Für Vilma Blankenauer ist die Lage verzweifelt. Seit einem Jahr hockt die Neurowissenschaftlerin in der JVA Berlin-Pankow, in einer schmuddeligen Zelle mit flackerndem Neonlicht. Zu Unrecht verurteilt wegen Mordes an ihrem Vater, einem berühmten Hirnforscher. Ihre letzte Hoffnung hat sich gerade zerschlagen. Wie die Wärterin ihr mit unverhohlener Häme mitteilt, wurde ihre Revision abgelehnt. Die nächsten Jahre wird Vilma, gerade 35 Jahre alt, das Gefängnis nicht verlassen.

Mit dieser trostlosen Szene beginnt Vera Vinters Justizkomödie "Ich an ihrer Stelle". In dem Stück geht es nicht nur um ein Fehlurteil, sondern auch um verschiedene Formen der Kontrolle und die Frage: Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich eine andere Person wäre? Käme ich mit fremden Problemen besser klar, weil ich nicht so verstrickt bin und einen distanzierteren, klareren Blick habe?

Die eine bissig, die andere verzagt

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Das Leben als jemand anderes testet Vilma bald aus. Ihre Zwillingsschwester Serena, zu der sie zehn Jahre lang keinen Kontakt hatte, besucht sie im Gefängnis. Auch wenn sie eineiige Zwillinge sind und sich äußerlich gleichen - abgesehen von der Frisur und dem Zustand der Fingernägel - ist Serena in vielem das Gegenteil von Vilma: resigniert, verzagt und freundlich, während Vilma bissig, unerbittlich und kämpferisch auftritt. Und im Gegensatz zum Chaos, in das ihre Schwester hineingeschlittert ist, führt Serena ein scheinbar geordnetes Leben mit Hund, Sohn und einem Mann, der ausgerechnet als Justizsprecher arbeitet.

In ihrem Unglück steht sie der Schwester aber in nichts nach. Mit Pillen tröstet sie sich über ihre Depressionen hinweg, und unter den Augen der Wächter gesteht sie Vilma im graugrünen Besucherraum der JVA: Es gibt Momente, da beneidet sie diese um die Gleichförmigkeit des Alltags hinter Gittern. Niemand, den man enttäuschen kann. Endlich so sein, wie man wirklich ist.

"Doppeltes Lottchen" im Knast

Die Idee liegt in der Luft, und schnell einigen sich die Schwestern. Wie im "Doppelten Lottchen" tauschen die beiden ihre Rollen, was unter den Augen der Wärter eine logistische Meisterleistung darstellt. Noch komplizierter ist das Leben danach: für Serena im Gefängnis, in dem sie mit dem rauen Umgangston der Mithäftlinge und meisten Wärter klarkommen muss. Für Vilma, die die Zeit in der Freiheit ausgiebig nutzt, um ihr Chaos zu ordnen und das Geheimnis um den Tod ihres Vaters lüftet - wobei sie gleichzeitig jede Menge weiteres Chaos stiftet. Doch letztlich fällt beiden im Leben der anderen einiges leichter als im eigenen. Manche Hindernisse lösen sich einfach auf, vielleicht weil sie diese gar nicht als solche anerkennen.

Immer wieder kommt es dabei in "Ich an ihrer Stelle" zu erstaunlichen Wendungen und bizarren Szenen. Schließlich bleibt das Stück mit seinen scharfzüngigen Dialogen eine heitere Komödie, die rasant fortschreitet - bis hin zum überraschenden Ende. Dabei gelingt es Vinter, spielerisch ein Thema zu behandeln, das eher für Tragödien geeignet zu sein scheint - den Justizirrtum und seine Folgen. Doch auch im größten Elend, so zeigt sich, stecken jede Menge komödiantische Aspekte, und Verzweiflung lässt sich mit Humor deutlich besser ertragen.

Quelle: ntv.de