Kino

Was für ein Zirkus "Der große Gatsby" ist eine Orgie - Kater inklusive

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Gatsby würde alles geben, um Daisy zurückzugewinnen.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

Champagner, Sex und Jazz - alles im Überfluss. So sehen die Partys des "großen Gatsby" aus. Der mysteriöse Millionär scheint das Leben in vollen Zügen zu genießen. Dabei geht es ihm doch nur um eine Frau. Leonardo DiCaprio verkörpert diesen Gatsby in einer fulminanten Literaturverfilmung. Nur verdecken die atemberaubenden 3D-Bilder zu oft die Geschichte.

Baz Luhrmann scheint keine Angst zu kennen vor großen Stoffen. Weder vor "Romeo und Julia" noch vor "Der große Gatsby". Weder vor Shakespeares berühmtem Liebesdrama noch vor der Great American Novel aus der Feder von F. Scott Fitzgerald. Aber wovor sollte Luhrmann auch Angst haben? Der Regisseur hatte ja in beiden Fällen Leonardo DiCaprio an seiner Seite.

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Die Partys bei Gatsby ufern gerne mal aus.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

"Romeo + Julia" ebnete DiCaprio den Weg zum umjubelten Filmstar, immerhin war es sein letzter Streifen vor "Titanic". "Der große Gatsby" nun könnte ihm nach drei erfolglosen Nominierungen endlich den ersten Oscar einbringen, meinen einige Filmkritiker. Denn was soll da noch kommen nach Jay Gatsby, dem Millionär, dem uramerikanischen Selfmademan?

Sex, Drugs und Jazz

Es ist ein großer Stoff, an den sich Luhrmann und DiCaprio hier gewagt haben, darin besteht kein Zweifel. Nicht zuletzt, weil der Roman in den USA längst Pflichtlektüre ist. Kein Wunder: "Der große Gatsby", der in diesem Jahr auch die Filmfestspiele von Cannes eröffnet, ist Charakterdrama und Gesellschaftsporträt in einem. Er seziert die 20er Jahre in den USA, in der Alkohol (trotz Prohibition) und die neue Jazz-Musik eine leidenschaftliche Verbindung eingehen. Zumindest, wenn man der richtigen Gesellschaftsschicht angehört.

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Gatsby (l.) ist verliebt in Daisy, nur ist die mit Tom verheiratet.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

Die erste halbe Stunde von "Der große Gatsby" fängt dies ein, auf unnachahmliche, auf grandiose Weise. Mit schnellen Schnitten, mit atemberaubenden Kamerafahrten, mit stampfenden Hip-Hop-Beats wird der Zuschauer hineingezogen in die Roaring Twenties, hinein in die Blüte des Jazz Age. Da wird gefeiert ohne Halt, fließt der Champagner in Strömen, huldigen die Reichen und Schönen dem Hedonismus.

Nick Carraway (Tobey Maguire) zählt eigentlich nicht dazu. Er kommt 1922 aus dem Mittelwesten nach New York, um an der boomenden Börse reich zu werden. Er hat nicht viel Geld, aber immerhin wohnt Nick im vornehmen Long Island, vor den Toren New Yorks. Dass er Zugang zu den Partys der Oberschicht hat, verdankt er seiner Cousine Daisy (Carey Mulligan), die den Spross einer der reichsten Familien der Ostküste geheiratet hat: Tom Buchanan (großartig: Joel Edgerton). Mit ihm wohnt sie auf der anderen Seite der Bucht. Bei einem Besuch bei Daisy lernt Nick nicht nur die emanzipierte Golfspielerin Jordan Baker (Elizabeth Debicki) kennen, sondern auch das Leben der oberen Zehntausend, inklusive der Affäre Toms mit der Tankwarts-Frau Myrtle (Isla Fisher).

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Nick (M.) amüsiert sich, beäugt das Treiben der oberen Zehntausend aber auch mit Skepsis.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

Die größten, ausschweifendsten Partys gibt es allerdings auf Nicks Seite der Bucht, bei seinem geheimnisvollen Nachbarn Jay Gatsby (DiCaprio). Das feierwütige Publikum New Yorks strömt auf das Anwesen, in das märchenhafte Schloss des Millionärs, um an den Orgien aus Alkohol und Jazz teilzunehmen. Der Gastgeber freilich macht sich rar. Gerüchte über seine Vergangenheit und über den Grund seines Reichtums machen die Runde: Er sei ein Spion, heißt es, ein Killer, der Cousin von Kaiser Wilhelm II. Auch Nick merkt schnell, dass Gatsby etwas Mysteriöses umgibt. Dass er den Millionär schließlich doch noch kennenlernt, fast schon zu seinem Freund wird, hat einen Grund: Gatsby hatte einst eine Romanze mit Daisy. Und er will sie mit Hilfe von Nick wieder für sich gewinnen. Koste es, was es wolle.

Umwerfende Plastizität

Der Zuschauer erfährt diese Geschichte und ihren dramatischen Höhepunkt von Erzähler Nick. Er schreibt sie in Rückblenden nieder, während er sich in einem Sanatorium von den Erlebnissen dieses Sommers erholt - es ist ein Kniff, der im Roman so nicht vorkommt. Überhaupt haben die Drehbuchschreiber Luhrmann und Craig Pearce so einige Änderungen eingefügt, was Literaturpuristen in den USA auch gleich auf die Palme brachte.

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Gatsby umgibt ein dunkles Geheimnis, dem Nick nach und nach auf die Schliche kommt.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

Aber wer von Luhrmann eine penible Literaturadaption erwartet hatte, konnte auch nur enttäuscht werden. Das hatte er ja bereits mit "Romeo + Julia" bewiesen, den er - abgesehen von Shakespeares Versen - einer gründlichen Modernisierung unterzog, mit Popmusik, Actionszenen und viel Kitsch. Ähnlich geht er nun auch bei "Der große Gatsby" zu Werke, wobei es hier natürlich keine vorgeschriebenen Verse gibt.

Visuell und atmosphärisch ist "Der große Gatsby" ein Meisterwerk geworden, das die Messlatte ziemlich hoch setzt. Überbordend und orgiastisch strömen die Sinneseindrücke auf den Zuschauer ein. Die hervorragend platzierte reale 3D-Technik (nicht der konvertierte Schund, der einem ständig als Neuerung verkauft wird) sorgt für eine Plastizität, wie sie zuletzt auch "Life of Pi" vorführte. Einige der Kamerafahrten sind so schwindelerregend, als ob man in einer Achterbahn sitzt. Hinzu kommen unzählige phantasievolle Einfälle, etwa wenn Abschnitte des Romans als Text über die Leinwand laufen.

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Regisseur Luhrmann und seine Schauspieler testen die Darstellung der 3D-Technik.

(Foto: Douglas Kirkland)

Die Darstellung der ausufernden Partys auf Gatsbys Anwesen ist ebenfalls grandios und zieht den Zuschauer direkt hinein, ja macht ihn geradezu selbst trunken. So schafft es Luhrmann, mit einem sehr guten Gespür für Rhythmus die Stimmung dieser Epoche wieder aufleben zu lassen. Unterstützt wird das durch die von Jay-Z produzierte Musik, die Jazz, aber auch Stücke seiner Frau Beyoncé, von Lana Del Rey und Florence + the Machine umfasst. Puristen mögen einwenden, dass der Einsatz von Hip-Hop und Dance nicht zu einem Roman von 1925 passe. Doch tatsächlich macht dies dem heutigen Zuschauer erst verständlich, was diese Zeit so mitreißend machte. Würde sich die Musik auf Jazz-Standards dieser Zeit beschränken, würde sie der Zuschauer als altmodisch wahrnehmen. Stattdessen vermittelt der Soundtrack ein Gefühl für die Hemmungslosigkeit, die der Jazz in den 20er Jahren hatte.

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Die unzähligen Kostüme des Films stammen von Prada und Brooks Brothers. Der Schmuck kam von Tiffany.

(Foto: Warner Bros. Pictures)

Diese bunte, schillernde, überbordende Fassade hat freilich auch eine schattige Rückseite: Die Geschichte droht vor allem in der ersten Hälfte des Films unter den technischen Spielereien begraben zu werden. Vor allem die Figur des Nick muss in Luhrmanns Version ordentlich Federn lassen. Trotz der überzeugenden Darstellung von Maguire bleibt sie seltsam blass. Sie wird als unselbstständiges Anhängsel von Tom oder Gatsby dargestellt, was ihrem Charakter nicht gerecht wird.

Funkelnde Augen und Feuerwerk

Stattdessen ist der Film ganz auf DiCaprios Gatsby zugeschnitten. Lange wird die Figur nur angedeutet, dramaturgisch geschickt inszeniert Luhrmann dann ihr erstes Auftreten, mit funkelnden Augen und Feuerwerk. DiCaprio kann die Rolle durchaus ausfüllen, auch wenn er hier und da etwas zu unausgereift wirkt, ja geradezu satirisch. Zum Beispiel ist seine an Wahnsinn grenzende Liebe zu Daisy nicht immer überzeugend. Der Bombast der Tricktechnik zerstört die Intimität und verhindert, dass es zwischen den beiden wirklich knistert.

Vom restlichen Cast ragt Joel Edgerton heraus, dessen Figur Tom die Partys von Gatsby für eine Zirkusnummer hält. Edgerton legt die Rolle dabei zwischen Standesdünkel und gewaltiger physischer Präsenz an. Carey Mulligan wirkt als Daisy eigentlich zu zerbrechlich, man hätte ihr in der Darstellung der Figur etwas mehr Stärke und verspielte Arroganz gewünscht. Toms Geliebte Myrtle und ihr Mann George (Jason Clarke), die als verarmtes Paar den Gegensatz zur Prunksucht der Hauptfiguren darstellen sollen, bekommen dagegen viel zu wenig Raum. Der Film vergibt hier die Chance, das umfassende Gesellschaftsportrait, die Gesellschaftskritik des Romans durchzuspielen.

So ist "Der große Gatsby" ein beeindruckender Film geworden, der aber die Subtilität der literarischen Vorlage vermissen lässt. So viel Spaß die visuellen Effekte auch machen - und das tun sie ohne Frage -, ihr Übermut schadet der Story. Allerdings zieht die Dramatik im zweiten Teil des Films an, die Figuren und ihre Auseinandersetzungen rücken wieder in den Vordergrund. Nur reicht das nicht mehr, um den Film zu dem großen Drama zu machen, das die Vorlage verspricht. Andererseits verfügt "Der große Gatsby" noch über genügend großartige Momente, um den Zuschauern ein wundervolles Kinoerlebnis zu bescheren.

"Der große Gatsby" startet am 16. Mai in 3D in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de