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(K)eine Frage zu Tattoos Interview mit Mittelfinger: Jennifer Rostock

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Jahr 4, Album 3: Jennifer Rostock.

(Foto: Warner Music Group)

Jennifer Rostock sind so etwas wie die neue deutsche Rockelite - derber als Silbermond, punkiger als Mia. und rotziger als Wir sind Helden. "Mit Haut und Haar" heißt ihr allemal hörenswertes neues Album. Und im Refrain der ersten Single-Auskopplung verkündet Sängerin Jennifer Weist selbstbewusst: "Keiner nimmt mir mein Mikrofon". Getreu diesem Motto trafen sie, Keyboarder Johannes "Joe" Walter und Bassist Christoph Deckert n-tv.de zum Interview.

n-tv.de: "Mit Haut und Haar" heißt euer neues Album. Wisst ihr eigentlich, woher die Redensart kommt?

Johannes: Nein.

Jennifer: Nö.

Christoph: Aber du weißt es doch bestimmt.

Ja, sie stammt aus dem Mittelalter. Ursprünglich sprach man von Bestrafungen "mit Haut und Haar" etwa durch Prügel und Scheren …

Johannes: Das ist gut.

Ja, wirklich?

Johannes: Ja, das gibt dem Ganzen nochmal so einen …

Jennifer: … so einen ganz eigenen Touch.

Im Ernst: "Mit Haut und Haar" ist euer drittes Album in vier Jahren. Wie schwer ist es, in so kurzer Zeit so kreativ zu sein?

Johannes: Ach, gar nicht so schwer. Sonst würden wir es ja nicht so machen. Wenn wir genug Songs zusammenhaben und, was das Wichtigste ist, mit ihnen zufrieden sind, dann geht das schon.

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In der Band herrscht Basisdemokratie.

(Foto: Warner Music Group)

Es heißt, ihr hättet euch für das neue Album monatelang komplett zurückgezogen …

Johannes: Ja, das stimmt, wir haben uns ein bisschen mehr Zeit für das Songwriting genommen und sind auch die Aufnahme ganz entspannt angegangen. Das war gut, weil wir jetzt doch alle mit Haut und Haar mit dem Album zufrieden sind.

Wie muss man sich das mit dem Songwriting bei euch vorstellen? Klingelt da um acht der Wecker und ihr setzt euch um neun zum Schreiben hin?

Jennifer: Nee, nee, nee!

Johannes: Nein, oh Gott, wie furchtbar!

Jennifer: Also, beim "Joe" ist das zum Beispiel so: Er klappt irgendwann seinen PC auf und schreibt kurz eine Zeile. Im nächsten Moment klappt er ihn vielleicht schon wieder zu und hört Musik. Egal, wo wir gerade sind und was wir gerade machen - wir haben einfach immer alles dafür dabei. Wenn uns etwas einfällt, schreiben wir es auf.

Johannes: Und dann setzt man sich irgendwann hin und versucht, die ganzen wirren Gedanken in eine vernünftige Reihenfolge zu kriegen und daraus einen Text zu schustern.

Christoph: Und danach wird sich schön im Proberaum eingeschlossen.

Und weiter an dem Song gearbeitet …

Johannes: Ja, genau. Da basteln wir dann so lange daran herum, bis alle mit dem Song zufrieden sind. Und gerade auch für diese Proberaum-Zeit haben wir uns diesmal etwas mehr Zeit genommen. Auch wenn wir dachten, dass eigentlich alles fertig sei, haben wir uns ab und an dann doch noch mal überlegt, ob wir es nicht noch einmal ganz anders probieren wollen.

Jennifer: So sind echt viele  Songs entstanden, die so nie auf einem anderen Album von uns gewesen wären, zum Beispiel "Hier werd' ich nicht alt".

Christoph: Beim Album davor war es eine ziemliche Kontrastsituation: Die Songs dafür haben wir teilweise in den Soundchecks vor Konzerten geprobt, weil wir sonst gar keine Zeit dazu hatten.

Johannes: Ja, da sind wir direkt nach der Rückkehr von der Tour ins Studio gegangen und haben mit den Aufnahmen begonnen.

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Die Aufnahmen zum neuen Album fanden in den USA statt.

(Foto: Warner Music Group)

Für die Aufnahmen von "Mit Haut und Haar" seid ihr sogar in die USA gereist. Was war die Idee dahinter?

Johannes: Wir haben nach einem bestimmten Sound gesucht und uns auch dafür im Vorfeld mehr Zeit genommen. Wir haben uns öfter zusammen hingesetzt und Musik gehört. Und wir sind die verschiedensten Produzenten, die in Frage kämen, durchgegangen, auch in UK und den USA - Fragen kostet ja nichts, dachten wir uns. Dann haben wir Chris Badami (Produzent von "Mit Haut und Haar", Anm. d. Red.) gefunden. Den fetten Sound, den er macht, fanden wir echt geil. Und auch passend für das Album. Wir haben ihn gefragt, ob er Zeit hat. Er sagte Ja - also sind wir zu ihm gereist.

Jennifer: Ja, aber zuvor kam er noch rum. Da haben wir erst mal geguckt, ob wir uns verstehen.

Und - habt ihr?

Jennifer: Ja, auf Anhieb, richtig gut.

Ist es vielleicht auch ein bisschen der Wunsch oder Gedanke, auch außerhalb Deutschlands Erfolg zu haben?

Jennifer: Nein, gar nicht. Das wird uns ja gerne mal unterstellt, dass wir amerikanisch klingen oder da rüber wollen …

Johannes: … oder den dicken Max machen wollten. Aber letztendlich ging es wirklich um den Sound und darum, dass wir mit Chris Badami aufnehmen wollten. Und sein Studio ist nun mal in New Jersey. Wenn wir auf den amerikanischen Markt schielen würden, wäre das Album wohl nicht auf Deutsch.

Christoph: Ja, dann hätten wir es auf Englisch aufgenommen.

Und ein Album auf Englisch aufzunehmen, käme für euch nicht in Frage?

Johannes: Wir würden das nicht komplett ausschließen. Aber im Moment sind wir voll auf unser jetziges Album und die deutschen Fans fixiert. Deutsch ist ja auch die Sprache, in der wir schon seit Jahren Musik machen und in der wir uns wohl fühlen. Es wäre schon nochmal ein krasser Schritt für uns, etwas auf Englisch zu machen.

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Jennifer Weist ist Frontfrau und Aushängeschild der Gruppe.

(Foto: Warner Music Group)

Ihr hattet auch bei euren ersten beiden Alben "Ins offene Messer" und "Der Film" schon einen starken Elektroanteil in der Musik. Aber würdet ihr mir widersprechen, dass der noch einmal größer geworden ist?

Jennifer: Nein, da würden wir dir nicht widersprechen.

Christoph: Wobei die Gitarren equivalent dazu auch mehr geworden sind.

Jennifer: Ja, auf jeden Fall. Mehr Gitarren und mehr Elektronik. Und wir haben auch mal ganz neue Sachen ausprobiert, zum Beispiel dieses Feature mit Nico (Nico Webers, Gastsänger beim Song "Es war nicht alles schlecht", Anm. d. Red.), also ein bisschen Hardcore. Man könnte insgesamt wahrscheinlich sagen, dass wir nochmal mehr in die ganzen Genres hinein gegrätscht haben. Aber im Endeffekt ist es trotzdem homogener geworden.

Woran liegt das? Habt ihr besondere Einflüsse zurzeit?

Jennifer: Ja, uns selber. (lacht) Schön, oder? Nein, ich denke, das ist einfach durch die noch engere und längere Zusammenarbeit von uns allen so gekommen.

Johannes: Und eben dadurch, dass wir mehr ausprobiert haben. Schon bevor wir in New Jersey waren, war alles fertig geschrieben und arrangiert. Also haben wir die sieben Wochen dort ausschließlich fürs Aufnehmen genutzt. Und gerade was Keyboards und Gitarrensounds angeht, haben wir wahnsinnig viel ausprobiert.

Jennifer: Wir hatten zehn verschiedene Keyboards. Wir haben sogar Elektrosound mit einem iPad gemacht.

Johannes: Und wir hatten auch so kleine Keyboards, an denen einfach nur ein paar Knöpfe dran sind, die man dreht und guckt, was passiert …

Christoph: Ja, Kabel rein, Kabel raus und schauen, was das Ding letztlich so macht.

Johannes: Das ist ziemlich unterhaltsam.

Eure Texte indes sind wie gewohnt mehrdeutig. Den Song "Der Kapitän" allerdings beschreibt eure Plattenfirma im Begleittext zu dem Album ziemlich eindeutig als Abrechnung mit dem Musikbusiness …

Johannes: Nee, das haben wir geschrieben.

Echt?

Johannes: Ja, wir schreiben unsere Promo-Texte lieber selber.

O.k., sind denn eure Erfahrungen mit dem Business so schlecht?

Johannes: Nein, unsere persönlichen zum Glück nicht. Wir sind mit unserer Plattenfirma Warner komplett zufrieden. Aber natürlich haben wir in den vergangenen Jahren viel miterlebt, auch bei anderen Bands, bei anderen Plattenfirmen und anderen Leuten, die in dem Business arbeiten. Und natürlich haben wir am eigenen Leib viel Kritik eingesteckt und mitbekommen, wie uns viele Leute von Anfang an totgesagt haben. Da gab es welche, die meinten, wir würden das kein halbes Jahr durchhalten …

Jennifer: Und jetzt sind wir vier Jahre weiter, haben unser drittes Album und sind immer noch da. Da haben wir uns rausgenommen, das mal kundzutun. (Sie streckt den Mittelfinger aus, Anm. d. Red.)

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Jennifer Rostock sind: Alex Voigt, Jennifer Weist, Christopher "Baku" Kohl, Christoph Deckert und Johannes "Joe" Walter (v.l.n.r.).

(Foto: Warner Music Group)

Das mit dem Mittelfinger sieht leider kein Leser …

Johannes: Schreib doch in Klammern "Mittelfinger". (Gesagt, getan, Anm. d. Red.)

Andererseits hat man bei euch den Eindruck, dass ihr auch einiges mitmacht - von der Werbekampagne für einen Motorroller-Hersteller, über Auftritte bei GZSZ ("Gute Zeiten Schlechte Zeiten") und dem "Perfekten Promi-Dinner" bis hin zum Soundtrack für "Twilight". Muss man das als Band heute machen, wenn man mitspielen will?

Jennifer: Nein, muss man garantiert nicht. Aber wir sind einfach eine Band, die durch Handheben entscheidet. Das heißt: Wenn drei dafür sind, wird es gemacht. Außerdem nehmen wir uns selbst nicht so wichtig, sondern nehmen viele Sachen mit, weil wir es lustig und cool finden, sie gemacht zu haben. Das gilt zum Beispiel auch für unseren Auftritt beim Fernsehgarten …

Da wart ihr auch?

Jennifer: Ja. Und jetzt kommen alle und meinen: Das hat euch doch bestimmt die Plattenfirma aufgezwängt. Aber so ist es nicht. Für uns ist es echt lustig, auf die vier Jahre zu blicken und zu sehen, was wir alles gemacht haben.

Christoph: Nur dadurch, dass wir bestimmte Dinge machen, haben wir ja auch die Chance, so etwas überhaupt mal zu erleben.

Jennifer: Ja, wenn man solche Chancen hat, sollte man sie doch auf jeden Fall ergreifen.

Schaut ihr privat GZSZ oder "Twilight"?

Alle: Nö.

Jennifer, du wolltest dich ja sogar mal für den Playboy ausziehen …

Jennifer: Ja, habe ich aber dann nicht gemacht.

Warum eigentlich nicht?

Jennifer: (lacht) Ich habe es nicht gemacht.

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Die Wahlheimat der Gruppe ist Berlin.

(Foto: Warner Music Group)

Was ihr aber macht: Ihr nehmt in diesem Jahr zum zweiten Mal am Bundesvision Song Contest teil. Beim ersten Mal 2008 wurdet ihr Fünfte. Und diesmal?

Jennifer: Wir erhoffen uns immer nichts. Und das ist gut so. Das letzte Mal haben wir uns über den fünften Platz tierisch gefreut, die Aftershow-Party mitgenommen und gut war …

Johannes: Natürlich würden wir uns den Arsch abfreuen, wenn wir gewinnen würden. Aber das wäre echt nur die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Es macht auch so Spaß, da mitzumachen und die ganzen anderen Acts und Bands zu treffen. Das ist eine coole Veranstaltung. Und wir sind froh, wieder mit dabei zu sein. Und sollten wir gewinnen, …

Christoph: … dann geben wir einen aus.

Das müsstet ihr dann ja wohl in Mecklenburg-Vorpommern, für das ihr - trotz eures Wohnsitzes in  Berlin - antretet. Das hängt mit eurer Herkunft zusammen, weil Jennifer und Johannes aus Zinnowitz auf Usedom stammen

Johannes: Ja, unsere Wurzeln liegen einfach dort. Auch wenn wir inzwischen Berlin als unsere Heimat bezeichnen würden.

Zinnowitz hat etwa 4500 Einwohner. Werdet ihr dort mittlerweile als Lokalhelden gefeiert?

Jennifer: Nein.

Johannes: Wir kommen auch nicht so oft dazu, nach Hause zu fahren, weil wir ständig unterwegs sind.

Jennifer: Ich war, glaube ich, zwei Jahre lang nicht mehr da.

Johannes: Das letzte Mal, als wir in der Nähe von Zinnowitz gespielt haben, wurden wir mit Sachen beworfen …

Jennifer: Mit Fleisch, mit rohem Fleisch.

Christoph: Da flog ein rohes Steak auf die Bühne.

Jennifer: Und dann waren da wohl auch noch ein paar Leute, die meinten, sie würden uns nach dem Konzert verfolgen und verprügeln. Ja, war echt schön da …

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Im September 2011 nimmt die Band zum zweiten Mal am Bundesvision Song Contest teil.

(Foto: Warner Music Group)

Woher kommt das?

Jennifer: Das wissen wir auch nicht so richtig.

Johannes: Man muss natürlich dazu sagen: Das waren nicht alle. Viele waren auch da und wollten nur eine coole Show sehen. Das ist natürlich schade für alle, wenn wir dann quasi nur noch "unseren Job machen" und das Konzert runterreißen.

Abgebrochen habt ihr die Show aber nicht?

Johannes: Nein, so etwas machen wir nicht. Aber es ist echt komisch, dass das ausgerechnet dort passiert ist, wo wir herkommen.

Jennifer, du wirst natürlich immer wieder auf deine Tattoos angesprochen. Nerven dich Fragen danach?

Jennifer: Ja, ehrlich gesagt schon. Aber natürlich sind solche Fragen auch offensichtlich. Deshalb: Wenn ich danach gefragt werde, antworte ich auch darauf. Das war früher anders.

O.k., dann nur eine: Was war dein letztes Tattoo?

Jennifer: (Zieht ihr Shirt ein Stück nach oben) Ich bin immer noch dabei: Ich mache gerade meinen Bauch.

Wie ist das für die Jungs in der Band? Bei einer so auffälligen Frontfrau wie Jennifer steht ihr natürlich immer irgendwie im Hintergrund …

Johannes: Das ist in Ordnung so. Solange wir uns innerhalb der Band einig sind, dass wir eine Band sind und alle die gleiche Stimme haben, ist das okay.

Jennifer: Jeder in der Band hat seine ganz eigene Aufgabe. Von daher läuft das schon.

Und für dich als Frau ist es auch kein Problem, es mit vier Jungs auszuhalten?

Jennifer: Nee, das ist voll geil. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Mädchenband zu spielen. Ich glaube, da würde es eher Stress geben.

Also, wenn ihr auf Tour seid, setzen sich die vier beim Pinkeln auch immer brav hin …

Jennifer: Nö, aber das ist okay.

Johannes: Es ist andersrum: Jennifer steht dabei. (Allgemeines Gelächter)

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Das Album "Mit Haut und Haar" ist seit 29. Juli 2011 im Handel.

(Foto: Warner Music Group)

Apropos Tour: Live-Auftritte scheinen euch ja viel zu bedeuten. Ihr habt bereits mehr als 300 Konzerte gespielt …

Christoph: Ja, das ist nun mal das, wofür man als Musiker in erster Linie lebt und was uns an dem Job auch am meisten Freude bringt.

Auf dem Album habt ihr mit Nico Webers einen Gastsänger. Jennifer hatte gerade einen Auftritt mit Udo Lindenberg …

Jennifer: Ja, das war für MTV Unplugged.

Gibt es jemanden, mit dem ihr demnächst gerne mal zusammenarbeiten würdet?

Johannes: Nein, nicht wirklich. Für uns ist es ziemlich schwierig, jemanden zu finden, bei dem wir meinen, dass es passt. Die Musik, die wir machen, ist ja doch sehr zusammengewürfelt und vereint viele Stile. Da wäre es genauso komisch, mit einem Rocksänger etwas zu machen wie mit einem Hip-Hop-Sänger. 

Jennifer: Obwohl? Jay-Z ist doch noch immer offen, oder nicht? An Jay-Z arbeiten wir hart. (lacht)

Mit Jennifer Weist, Johannes "Joe" Walter und Christoph Deckert von Jennifer Rostock sprach Volker Probst

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Jennifer Rostock sind im Oktober und November 2011 auf Tour: München (29.10.), Nürnberg (30.10.), Stuttgart (1.11.), Bremen (3.11.), Dresden (4.11.), Erfurt (5.11.), Hannover (6.11.), Osnabrück (9.11.), Hamburg (11.11.), Leipzig (12.11.), Saarbrücken (14.11.), Mannheim (15.11.), Köln (16.11.), Kiel (18.11.), Magdeburg (19.11.), Berlin (20.11.)

Quelle: n-tv.de

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