Kino

"Echte Männer tragen Lila" Mit Mišel Matičević im "Exil"

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Xhafer, Ingenieur, dreifacher Vater, im Kosovo geboren. Ein Mobbingopfer wegen seiner Herkunft?

(Foto: Alamode)

Beklemmend, einnehmend, fesselnd: Visar Morinas Chronik einer schleichend wachsenden, aber womöglich imaginären Bedrohung ist ein aufrüttelndes Drama, das keinen Zuschauer kaltlassen dürfte. Mišel Matičević ist Xhafer, ein 45-jähriger, im Kosovo geborener und nun in Deutschland lebender Chemieingenieur, verheiratet, drei Kinder - so weit alles normal. Oder? Bis eine tote Ratte an seinem Gartentor hängt. Immer mehr beschleicht ihn das Gefühl, dass er an seinem Arbeitsplatz diskriminiert und schikaniert wird. Bald steht für Xhafer fest, dass seine Kollegen ein rassistisches Statement gesetzt haben - und von da an wird jedes Ereignis, jedes Wort, jede Geste zu einem Anhaltspunkt, ja zu einem Beweis für seine These. Seine deutsche Frau Nora (Sandra Hüller), ein Baby an der Brust und ihre Promotion vor sich hinschiebend, ist es bald leid, dass ihr Mann hinter jeder Schwierigkeit Mobbing vermutet. Doch geschieht dies wirklich oder bildet er sich alles nur ein? Xhafers Drahtseilakt als integrierter Mittelschicht-Familienmensch und dennoch Fremder in seiner Wahlheimat - der Film "Exil" ist ein faszinierender Thriller über Paranoia und Identität. Schwarz, surreal und voll eigenwilligem Humor. Mit ntv.de trifft sich Mišel Matičević in einem Café in Berlin-Kreuzberg, er kommt angeradelt. Deswegen sprechen wir zuerst auch über Fahrräder, denn Fahrradfahren ist geil, wie er sagt. Er hat drei: ein Mountainbike, ein Streetbike für jeden Tag und ein Rennrad, er zeigt es mir auf dem Handy.

ntv.de: Lila?

Mišel Matičević: Mein absoluter Stolz, das habe ich mir erst letztes Jahr bauen lassen.

Und dann gleich in Lila?

Ja, na klar, nur echte Männer können Lila tragen. Oder fahren (lacht).

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Kann alles tragen: Mišel Matičević.

(Foto: imago images/Future Image)

So ein Rennrad ist schnell und die Stadt ist verkehrstechnisch wirklich krass.

Ich bin ja kein Profi, so schnell fahre ich nicht.

Man hat jetzt aber ein Fahrrad für jede Gelegenheit?

Kommt drauf an, wie sehr man involviert ist. Meine guten Räder lasse ich nicht einmal angeschlossen aus den Augen.

Sprechen wir über "Exil", den äußerst beeindruckenden Film von Visar Morina: Auffällig ist, wie sehr die Kamera an Ihnen klebt, wie sie kaum von Ihrem Gesicht ablässt.

Ja, schlimm! (lacht)

Das muss man aushalten können …

Als Zuschauer? Stimmt! (lacht) Naja, eigentlich ist es egal, wie lange die Kamera auf einem drauf ist, man spielt seine Rolle. Wenn man extra für die Kamera spielen würde, dann wird es eitel. Als Schauspieler spielt man und vergisst im besten Fall die Kamera.

Ich sehe Sie heute zum ersten Mal "in echt" - und bin positiv überrascht, dass Sie ein so großer, stattlicher Mann sind. Schauspieler sind ja oft eher klein.

(lacht laut) 1,86 Meter immerhin. Und eigentlich bin ich auch Brad Pitt, Sie haben mich nicht erkannt.

Kein Wunder, überall Masken …

Ja, ätzend, ich trage die Maske hier aus Solidarität mit den Kellnern. Ich nehm' sie jetzt aber wieder ab, sonst kann man nicht sprechen …

Darf man an seinem Platz ja auch. Kurzer Corona-Exkurs - wie haben Sie das bisher überlebt, erlebt? Sie sind ja gut im Geschäft, konnten nun aber auch nicht drehen …

(klopft drei Mal auf den Tisch) Ich habe Glück gehabt, weil ich letztes Jahr ein großes Projekt gedreht habe. Das hat mich finanziell beruhigt.

"Babylon Berlin"?

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In "Babylon - Berlin"

(Foto: imago/Prod.DB)

Nein, die Dreharbeiten für die vierte Staffel beginnen, so Gott will und Corona es zulässt, im Februar. Ich meinte damit "Oktoberfest 1900", das kommt jetzt auch bald, im September. Ich konnte den Lockdown also ganz gut verkraften, wohl wissend, dass es anderen anders geht. Ich habe gewartet und gehofft.

In "Exil" ist nicht nur auffällig, dass alles in sehr gedeckten Farben abläuft und man viel schwitzt - es gibt eben doch eine Menge zu verbergen. Was am meisten auffällt, ist die Sprachlosigkeit der Protagonisten.

Das habe ich beim Lesen des Drehbuchs gar nicht so empfunden. Das Paar ist in einer Krise, klar, aber als so sprachlos habe ich die dann gar nicht gesehen. Eine Männeransicht vielleicht (lacht).

Haben Sie sich schon mal so ausgegrenzt gefühlt wie Ihre Figur? Egal, was passiert und egal, aus welchem Grund, man entwickelt dann eine Paranoia.

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Mit Visar Morina und Sandra Hüller auf der Berlinale zur Vorstellung von "Exil".

(Foto: imago images/Future Image)

So krass nicht, Gott sei Dank nicht, aber ich kann das schon nachvollziehen, was meine Figur da durchmacht. Ich glaube, das ist jedem schon mal so gegangen, dass er sich ausgegrenzt gefühlt hat und dachte, nicht dazuzugehören. Und dass man sich dann etwas zusammenreimt, das kann dann ganz leicht passieren. Da führt eins zum anderen. Als Kind ist mir das passiert, immer wieder mal. Zum Beispiel bei meinem Namen. Den spricht man so aus: Mischel Matitschewitsch, das kann nicht jeder (lacht). Das ist keine beabsichtigte Ausgrenzung, das wäre vielleicht übertrieben, aber man fühlt sich manchmal schon blöd, wenn andere nicht einmal deinen Namen aussprechen können.

Rassismus gibt es überall.

Ganz schwieriges Thema. Man sagt einer Person etwas und meint es nett. "Du hast so tolle Haare" zum Beispiel. Aber die andere Person denkt sich, du verbindest bestimmte Merkmale wie Haare mit anderen bestimmten Merkmalen und schon kann es in den falschen Hals gelangen. Vielleicht können Weiße Schwarze nicht komplett verstehen, maßen es sich aber an. Und umgekehrt ist es vielleicht auch so, das ist nur kein Thema. Aber ganz ehrlich - es ist doch unglaublich, dass wir überhaupt noch darüber sprechen müssen. Dass Rassismus in unserer Welt noch vorhanden ist, dass so etwas wie mit Georg Floyd passieren kann, das erschüttert mich! Das ermüdet mich aber auch. Man ist ohnmächtig und denkt, warum gibt es immer noch so viele Rassisten da draußen?

Was denken Sie über diese Leute, was können wir dagegen unternehmen?

Ich frage mich immer, wie man so blöd sein kann. Ich kann die nicht ernst nehmen, diese Verschwörungstheoretiker zum Beispiel. Ich bin echt niemand, der alles glaubt, was man ihm sagt, und sehr viele Politiker haben sicher Dreck am Stecken. Aber zu glauben, dass es Leute geben könnte, die in der Lage dazu sind, einen ganzen Globus in eine Art Dornröschenschlaf zu versetzen, und die aus Machtgier die ganze Wirtschaft runterfahren und Menschen gefügig machen, damit irgendwelche Eliten sich noch weiter bereichern?

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In der Serie "Oktoberfest 1900), ab September

(Foto: dpa)

Und fühlen Sie sich dann berufen, in Ihrer Position als Schauspieler anderen etwas mit auf den Weg zu geben?

"Ich habe zwar vorhin behauptet, Brad Pitt zu sein, aber nun muss ich Sie enttäuschen, ich bin es doch nicht (lacht). Er oder George Clooney, die erreichen was, aber so einen Stand habe ich nicht mal annähernd.

Naja, ich würde die Sache mit George Clooney jetzt nicht überbewerten …

George ist doch cool! Aber Spaß beiseite, nein, was soll ich denn erreichen? Bloß weil ich Schauspieler bin? Manchmal entsteht daraus nur Aktionismus. Dann gibt es ein Zuviel und man sieht dann in allem und jedem etwas Böses - womit wir wieder beim Film wären. Aber auf jeden Fall gibt es noch jede Menge weiße Arschlöcher (lacht). Ich kann eh nicht begreifen, wie man auf die Idee kommen kann, egal in welchem Jahrhundert, dass es Menschen geben sollte, die mehr wert sein sollen als andere.

Für wen ist der Film?

Für jeden, der Lust hat auf eine spannend erzählte Geschichte. Wir haben in Deutschland wahrlich genug Feelgood-Movies, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so feel-good und humorvoll sind. Da wird irre viel Potenzial verballert, finde ich. Obwohl wir hier so tolle Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren haben.

Wie steht es bei Ihnen mit Balkanhumor?

Den liebe ich, der ist derb und schwarz. Ich würde sofort mitmachen, wenn mich einer fragt, ob ich in der Richtung was drehen will.

Mit Mišel Matičević sprach Sabine Oelmann

"Exil" läuft ab 20. August im Kino.

Quelle: ntv.de

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