Musik

Schiller und der Graf und die Frauen Zur Sonne, zur Freiheit

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Mit Schiller in die Sonne ... (Foto: Philip Glaser)

Hier soll es nicht nur um die Zusammenarbeit des Christopher von Deylen mit dem Grafen von Unheilig gehen, das würde dem Album nicht gerecht werden, und dafür sind auch wieder zu viele schöne Frauenstimmen dabei, aber der Aufhänger ist es doch. Mit "Sonne", dem 7. Studio-Album von Schiller, kann man sich ein Stück Sommer mit in den Herbst nehmen.

Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, bei einem Künstler einfach so zu Hause vorbeizuschneien? Nie, würde man eigentlich denken, denn die Großen des Musik- und Show-Business machen ja gerne einen Riesen-Hype um sich und wollen auf keinen Fall zu viel Privates preisgeben. Bei Christopher von Deylen ist das ganz anders. Da wird man eingeladen zur kleinen, aber feinen Präsentation seines neuen Albums und ein paar Wochen später nochmal zum Interview. "Cola?", fragt er, "ja, bitte", "light?", "na klar". Erst hinterher überlegt man, ob man es sich im Sommerurlaub doch ein bisschen zu gut gehen lassen hat, aber egal. Er ist so freundlich, und er strahlt eine wahnsinnige Ruhe aus, dass man sich jetzt, im Zentrum des Privaten, ehrlich gesagt total blöd vorkommen würde, über solche Nebensächlichkeiten nachzudenken.

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"Es macht große Freude, mit Künstlern aus völlig anderen Stilrichtungen zu arbeiten."

Wir sitzen am großen Esstisch. Links das Studio, hinter ein paar Vorhängen als Arbeitsplatz vom Wohnraum quasi abzutrennen. Rechts das Bett, der Balkon, hinter uns die Küche. Alles beieinander. Fragen zum Privatleben treten in den Hintergrund, denn privater geht's ja schon nicht mehr. Aber eines fällt auf: Ganz so aufgeräumt wie zur Albumpräsentation ist es nicht. Beruhigend. Christopher von Deylen wirkt eh schon so wahnsinnig aufgeräumt, mit sich im Reinen, dass man sich selbst automatisch zappelig vorkommt. Draußen tobt das Leben in Berlin-Friedrichshain, hier drinnen herrscht Ruhe. Da passt es auch, dass er erzählt, was ihn bei seinem neuen Album bewegt hat, was ihm am Herzen lag. Immerhin sind da 30 Stücke drauf, die komponiert man ja nicht mal so eben herunter. "Christopher von Deylen, macht die Sonne Geräusche?" "Ja, bestimmt. Aber ich habe versucht, den metaphysischen Klang der Sonne zu erfassen, nicht das wahre Geräusch der Sonne. Die Sonne löst ja so vieles in uns aus. Ich verbinde damit eben auch Wärme, und Licht und Kraft, und deswegen musste mein neues Album einfach so heißen."

Und der Graf? Wie passt der dazu? Von Deylen lacht: "Ja, der Graf." Übrigens: Wenn der jetzt hier aus der Tür hinausspazieren würde ins pralle Berliner Leben, dann würden sich die Menschen wohl umdrehen, um ein Autogramm bitten, ein Foto. Christopher von Deylen  geht das nicht so - dabei füllt er die Stadien: Er spielt in Frankfurt in der Jahrhunderthalle, in den O2-Arenen des Landes, die Shows sind ausverkauft, und dennoch läuft der 42-Jährige unerkannt durch die Straßen. "Das ist mir äußerst recht so", sagt er, und man glaubt es ihm sofort. "Nicht wäre mir unheimlicher als ein gewisser Personenkult, den ich bei anderen Künstlern hin und wieder natürlich beobachte." Am 23. November startet seine große Deutschlandtour, und sie endet am 9. Dezember in der Berliner O2 World. Wenn dann 17.000 Menschen den Klängen des Sound-Meisters folgen, könnte man denken, dass er eine Art Guru-Status haben müsste unter seinen Anhängern. Und vielleicht ist das auch so, doch der stets schwarz und klassisch gekleidete gebürtige Niedersache wehrt ab: Nee, kein Personenkult, kein Gekreische, es geht um die Musik.

"Ist doch wie immer" reicht nicht

Zurück zum Grafen, der die Menschheit ja spaltet wie kaum ein anderer: Entweder mag man den oder man mag ihn nicht. "Entschuldige also gleich mal die nächste Frage, aber dass ihr beide zusammengearbeitet habt, ist schon eher ungewöhnlich, oder? Du arbeitest ja oft und gern mit Frauen zusammen, die eher, sagen wir mal, 'sphärisch' klingen - der Graf aber ist davon ja das ganze Gegenteil." "Ja", sinniert von Deylen, den wir uns scheuen, "Schiller" zu nennen, denn so heißt nunmal sein Musikprojekt (nicht seine Band, und auch nicht er!), "aber ist das nicht gerade das Gute daran, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet? Dass es auf den ersten Blick vielleicht nicht passt? Oft ist es doch viel spannender, weil man nicht genau weiß, was dabei rauskommt. Und für mich war ausschlaggebend, dass die Stimme des Grafen hervorragend zu Schiller passt. Seine Stimme lässt sich perfekt einbetten in die Musik von Schiller. Dass der Graf, oder Unheilig, so polarisiert, wusste ich bis zu unserer Zusammenarbeit übrigens gar nicht." "Und es wäre mir sowieso egal gewesen", fügt er hinzu. "Außerdem habe ich als Kontrast zu der erdigen Stimme des Grafen ja auch wieder viele schöne ätherische Frauenstimmen." Die Single "Sonne" mit dem Grafen gehört zu den erfolgreichsten Singles seiner Karriere, erzählt von Deylen, "was für mich sonst nie ein Kriterium ist, aber als Gradmesser gibt das doch einen Anhaltspunkt, oder?" Eine Auseinandersetzung mit seiner Musik ist für von Deylen besonders wichtig: "Wenn die Leute mit der Schulter zucken und sagen, ja, ganz nett, ist doch wie immer, dann hätte ich etwas falsch gemacht, aber so lange die Leute darüber reden ist alles in Ordnung."

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Freut sich auf seine Tour, ist aber auch aufgeregt - vor jedem Auftritt: Schiller.

Dabei herausgekommen ist jedenfalls ein Song, der innerhalb kürzester Zeit entstanden ist. Schiller bzw. von Deylen hat dem Grafen bzw. Unheilig seinen Entwurf für ein Lied geschickt: "Ich wollte mal wieder etwas Deutsches machen, und der Graf ist mir da recht schnell in den Sinn gekommen," erzählt er. Seine Post kam einen Tag später zurück - der Graf fühlte sich so inspiriert, dass ihm sofort etwas zu den elektronischen Klängen seines Kollegen eingefallen ist. Total poetische Klänge sind das, die die beiden doch sonst relativ cool wirkenden und doch so unterschiedlichen Herren da aufgenommen haben.

Aber auch internationale Gastkünstler geben Schillers Sonne - wie immer - ihre ganz persönliche Note. Der US-amerikanische Elektronik-Künstler Owl City performt das poppige "Alive". Ihre ganz eigenen Sonnenstrahlen sendet die norwegische Singer/Songwriterin Kate Havnevik, die schon auf dem letzten Album und der Live-Tournee die Fans begeisterte. Eine weitere Begegnung war für den Soundvisionär besonders überraschend: Immer auf der Suche nach neuen Klängen und neuen Stimmen, entdeckte er die Texanerin Meredith Call, mit der er erst einmal lange skypte, bevor er sie  sie zu Aufnahmen nach Berlin einlud. In drei Stücken bezaubert sie mit ihrer Stimme, die von außergewöhnlicher Intensität ist.

Von Deylen, der disziplinierte Arbeiter, der sich am liebsten in den frühen Vormittagsstunden von der Muse küssen lässt, hat sich seine Inspiration auch dieses Mal wieder auf Reisen geholt, aber so lange, wie an diesem Werk, hat er dann in seinen eigenen vier Wänden auch noch nie getüftelt. "Ich trenne mich immer schwer von meinen Kompositionen, aber irgendwann muss man dann auch mal loslassen", lacht er. Sein siebentes Studioalbum befindet sich auf einem direkten Marsch an die Spitze der Albumcharts, was beweist: Schiller-Fans sind vielseitig. Sie gehen mit Christopher von Deylen immer wieder neue Wege. Das spricht für sie - und für Schiller.

Quelle: n-tv.de

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