Panorama

Nur noch Museum der Moderne? 365 Tage Bauhaus zwischen Party und Kritik

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Das neue Bauhaus-Museum Dessau, noch im Bau. Es soll im September 2019 eröffnen.

(Foto: imago/Hartmut Bösener)

Deutschland erlebt derzeit einen beispiellosen Erinnerungsboom, eine ganze Nation feiert das Bauhaus und seinen 100. Geburtstag. Viel Geld fließt für das Jubel-Gedenken, während Experten um die Inhalte streiten. Ist das Bauhaus nur noch ein Museum oder ein Vermächtnis?

In wenigen Tagen, am 5. April, feiert Weimar die Eröffnung seines neuen Bauhaus-Museums. Nach dem Auftaktfestival in der Berliner Akademie der Künste und der seit Mitte März im Berliner Haus der Kulturen gezeigten Ausstellung "Bauhaus Imaginista" wird damit bereits ein dritter Gipfel erklommen in dem zwölfmonatigen Eventmarathon, mit dem praktisch eine ganze Nation die Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren begeht. Weil die Meldeliste für einschlägige Veranstaltungen immer noch nicht geschlossen wurde, haben sie im Koordinationsbüro "Bauhaus100" irgendwann aufgehört zu zählen.

Der gedruckt vorliegende Terminkalender verspricht einfach "365 Tage Bauhaus" und listet so sämtliche Ausstellungen, Konferenzen, Vortragsabende, Schülerwerkstätten (sogar Laternenumzüge oder ein "B100-Golfturnier") auf, mit denen Museen, Hochschulen, Kunstvereine, kommunale Ämter, Volkshochschulen und andere Kulturträger sich - mal mehr, mal weniger erkennbar - auf die legendäre Kunst- und Architekturschule beziehen.

Bildungstouristen können entlang einer "Grand Tour" in jedem Bundesland hervorstechende Bauwerke des 20. Jahrhunderts besichtigen, von denen jedoch nur die allerwenigsten direkt mit dem Bauhaus zu tun haben. Und dann natürlich: Alle drei Städte, in denen das damals umstrittene Lehrinstitut Fuß zu fassen suchte, erhalten neue Museen. Weimar eröffnet zuerst (Baukosten 22,6 Millionen Euro), Dessau im kommenden September (25 Millionen). Berlin (56 Millionen) braucht noch drei Jahre. Mindestens.

Beispielloser Erinnerungsboom

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Ein unpolitischer Ort? Vor dem Bauhaus-Gebäude in Dessau durften Feine Sahne Fischfilet nicht spielen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Stolze 21 Millionen Euro wenden Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Bundeskulturstiftung für den beispiellosen Erinnerungsboom auf. Werden sich dafür im Jahr 2019 neue Blicke auf das Zeitalter der Moderne eröffnen? Hoffnungen sind ja durchaus geweckt. Unter dem Motto "Die Welt neu denken" versprechen die Sammlungsinstitute in Weimar, Dessau und Berlin, nicht bloß materielle Zeugnisse des Bauhauses neu zu interpretieren, sondern "seine Impulse für unsere Gegenwart und Zukunft zu erkunden".

Leider war es mit diesen Impulsen schon im November 2018 nicht sehr weit her, als die Absage des Konzerts einer vehement linken Punkband auf der Dessauer Bauhaus-Bühne den Auftakt zum Festjahr gründlich vermasselte. Um nicht bei der lokalen Rechtsfraktion anzuecken, hatte die Stiftung Bauhaus Dessau den Linken die Tür gewiesen, dabei auf die angeblich "unpolitische" Tradition der historischen Schule pochend. Der Proteststurm einer alarmierten Öffentlichkeit fegte eisig durch die Jubiläumsvorfreuden. Wer immer sich auf Galaabende und noble Vernissagen, auf Design-Chic und schillernde Avantgarde eingestimmt hatte, fand sich ernüchtert in Deutschlands rauer Wirklichkeit wieder.

Abschied vom Bauhaus?

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Atelierhaus des Bauhaus-Gebäudeensembles in Dessau.

(Foto: www.imago-images.de)

Es gab Stimmen, die hielten nach diesem Skandal die Aura des Dessauer Bauhauses für gravierend beschädigt. Wie soll man, nach solch peinlicher Entscheidung, Gropius' unvergleichliches Glasgehäuse fortan noch mit Fortschrittsgeist assoziieren? Wäre es also tatsächlich angebracht, wie eine Diskursgemeinde um den vorletzten Dessauer Stiftungsdirektor Philipp Oswalt schon länger fordert, "das Bauhaus zu verabschieden, um sich unvoreingenommen den Herausforderungen der Gegenwart stellen zu können"? Andere sind allerdings bereit, im Eklat auch eine Chance zu sehen, und das sind sicher mehr als jene 2000 Unterzeichner, die in einem Offenen Brief angesichts von zu viel unreflektierter Bauhaus-Euphorie zur Besinnung riefen: Weniger Stil, mehr Haltung!

Selbst drei aufwändige Neubauten erübrigen die grundsätzliche Frage ja nicht: Museum oder Vermächtnis? Was wäre unter dem Ehrentitel Weltkulturerbe eigentlich zu verteidigen - eine Ansammlung ästhetischer Hochglanzprodukte? Oder nicht doch das Bestreben, "eine humanistische Sicht auf die technische Zivilisation freizulegen" (Tomás Maldonado), die von Generation zu Generation weiterlebende Hoffnung auf eine bessere Welt, die in diesem historisch einmaligen Institut ihren symbolischen Ort fand und weiter finden sollte?

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Wolfgang Kil ist freiberuflicher Berliner Architekturkritiker und Publizist.

(Foto: Ingrid Hartmetz/Wolfgang Kil)

Bauhaus war stets beides: Ort und Idee. Beflügelt von dieser Idee hat es immer wieder Versuche gegeben, gesellschaftsgestaltend einzugreifen, von der Ulmer Hochschule für Gestaltung über die IBA Emscherpark oder das Industrielle Gartenreich Dessau-Wörlitz bis zum visionären "Volkspalast" in der Mitte Berlins. Und zu welchen Prozessen, zu welcher Gestalt findet radikal kreatives Denken heute? Hartgesottene Zyniker vermuten schon, ein adäquates "Bauhaus" für unser Jahrtausend wäre eher im Silicon Valley zu verorten, schließlich würde die Idealfigur des Neuen Menschen längst erfolgreich von Apple & Co. figuriert. Forderte "Haltung" dann nicht eher Systemkritik und Widerstand?

Das Bauhaus lediglich als Marke zu kultivieren, damit Staat, Kommunen, Wirtschaft oder Tourismusförderung sich mit dessen Abglanz lässig schmücken können, heißt, seine produktiven Impulse zu verkennen. Am Ideenfundus dieser einmaligen Innovationszentrale sollten uns weniger Design-Ikonen oder architektonische Stilübungen interessieren als vielmehr das wache Bewusstsein für die drängenden Probleme ihrer Zeit. Ob Wohnungsfrage, Ressourcenschonung oder Gerechtigkeit - die meisten der Probleme von damals haben an Brisanz doch bis heute nichts verloren.

Quelle: n-tv.de

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