Panorama

Kreis sucht Hilfe der Bundeswehr 730 von 1106 Tests bei Tönnies positiv

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Bei Tönnies soll nun auch die Bundeswehr anrücken, um der Lage Herr zu werden.

(Foto: imago images/teamwork)

Bei Deutschlands größtem Fleischzerleger Tönnies werden nun alle 6000 Mitarbeiter getestet. Bislang fielen zwei von drei Untersuchungen positiv aus. Kreis und Unternehmen fahren die Sicherheitsmaßnahmen weiter hoch und bitten die Bundeswehr um Unterstützung.

In der Tönnies-Großschlachterei in Rheda-Wiedenbrück steigt die Zahl der Corona-Fälle. Zugleich teilte das Unternehmen mit, dass am Standort in Abstimmung mit dem Kreis nun Reihentestungen bei allen 6000 Beschäftigten der Produktion beginnen. Bislang wurde den Angaben zufolge gut ein Sechstel getestet, und 730 der 1106 Untersuchungen fielen positiv aus. Damit sind zwei von drei bislang getesteten Beschäftigen mit dem Virus infiziert.

Für die anstehende Reihentestung hat der Kreis Gütersloh unterdessen bei der Bundeswehr um Hilfe gebeten. Landrat Sven-Georg Adenauer habe um Amtshilfe ersucht, sagte eine Sprecherin. Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser bei den Tests geholfen. Diese Organisationen stießen aber an ihre Grenzen. Die Bundeswehr soll ab Freitag Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen und andere für die Dokumentation schicken. Insgesamt sollen rund zwei Dutzend Soldaten helfen. Nach Angaben eines Konzern-Sprechers sollen pro Tag 1500 bis 2000 Mitarbeiter auf das Coronavirus getestet werden.

Das Unternehmen will zudem nun, wie angekündigt, seine Produktion herunterfahren. Die Mitarbeiter, die sich in Arbeits-Quarantäne befinden und sich "vorerst nur noch in den eigenen vier Wänden und der Arbeitsstätte aufhalten" dürfen, werden bis zum Wochenende "die schon geschlachteten Tiere, Puffer und Bestände" abarbeiten, sagte ein Firmensprecher. "Der Betrieb wird nach und nach kontrolliert heruntergefahren. Die noch im Betrieb befindliche Ware wird bis zum Wochenende versandfertig gemacht, damit diese nicht verdirbt."

Laut dem Unternehmen wurden die Sicherheitsmaßnahmen nochmal erhöht. So würden alle Beschäftigten beim Betreten des Geländes von einem Arzt begutachtet. Zudem sei eine mobile Praxis durch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe eingerichtet. Das Klinikum Gütersloh erhält darüber hinaus eine zweite Corona-Praxis. Temperatur-Scanner hatte das Unternehmen nach eigenem Bekunden bereits installiert.

Nach einem Corona-Ausbruch bei Tönnies hatte der Kreis Gütersloh die Schließung aller Schulen und Kitas bis zu den Sommerferien angeordnet. So soll eine Ausbreitung des Virus in der Bevölkerung vermieden werden, wie eine Sprecherin des Kreises sagte.

Neue Runde im Inhaber-Streit

Unterdessen beginnt die nächste Runde des seit Jahren schwelenden Streits der Inhaber: Robert Tönnies, Mitinhaber des Schlachtbetriebs mit Sitz in Rheda-Wiedenbrück, hat in einem Brief nun den Rücktritt seines Onkels Clemens Tönnies aus der Geschäftsleitung gefordert. In dem Schreiben vom 17. Juni wirft Robert Tönnies der Geschäftsleitung und dem Beirat des Konzerns unverantwortliches Handeln sowie die Gefährdung des Unternehmens und der Bevölkerung vor.

Der 42-jährige Robert Tönnies hält wie sein 64 Jahre alter Onkel Clemens 50 Prozent an dem Unternehmen. Seit Jahren streiten sich die beiden um die Führung und Ausrichtung des Konzerns. Robert, Sohn des verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, wirft der Geschäftsleitung und dem kontrollierenden Beirat vor, seit 2017 geltende Unternehmensleitsätze zur Abschaffung von Werkverträgen nicht umzusetzen. Er sei mit seinen Hinweisen und Vorstößen stets abgeblockt worden, heißt es in dem Brief.

"Dass gerade in Schlachtbetrieben die Infektionszahlen weit überdurchschnittlich hoch sind, ist ganz sicher auch dem System der Werkverträge geschuldet; es zwingt viele Arbeiterinnen und Arbeiter in unzumutbare Wohnverhältnisse, die mit einem hohen Ansteckungsrisiko verbunden sind und nur wenig Schutzmöglichkeiten bieten, wenn einmal eine Infektion auftritt", schreibt Robert Tönnies.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa