Panorama

Cooler Hype, miese Organisation Ali entscheidet, wer den BVG-Sneaker kauft

Berliner können ihre Liebe für Bus und Tram nun auch zeigen. Gemeinsam mit Adidas haben die Verkehrsbetriebe einen limitierten Sneaker mit Jahreskarte herausgebracht. Doch der Verkaufsstart hat nichts vom Motto "Weil wir dich lieben".

Mit dem Hype um einen schwarzen Sneaker mit gelben Schnürsenkeln und dem Muster eines U-Bahn-Sitzes haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und Adidas wohl selbst nicht gerechnet. Anders sind die Menschenmassen vor dem Flagshipstore des Sportartikelherstellers in Berlin-Mitte, das selbstinitiierte Vergabesystem und die schlechte Organisation beim Einlass in den Shop nicht zu erklären. Das BVG-Motto "Weil wir dich lieben" mutiert zu "Weil wir es nicht besser können".

Seit Donnerstag harren der 16 Jahre alte Nikita und seine Freunde im Hauseingang neben dem Adidas-Shop aus. In Decken gehüllt sitzen sie auf Anglerstühlen, die Mützen und Schals so tief wie möglich ins Gesicht gezogen. "Es war extrem kalt und kaum aushaltbar, besonders als wir auf dem Boden geschlafen haben", sagt der Schüler. Immerhin: Nikita steht auf Platz vier der Warteliste und gehört damit zu jenen, die einen der begehrten Treter mit der BVG-Jahreskarte ergattern werden.

Wer den "Check" verpasst, hat Pech

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Ali ist der Herr über die Warteliste.

(Foto: Lisa Schwesig)

Von einer Liste wissen nur die wenigsten, die sich erst in der Nacht oder am frühen Morgen in die Hunderte Meter lange Schlange gestellt haben. Sie wird beherrscht von Ali, "dem Listenführer". Der 25-Jährige hatte einen geheimen Tipp von Freunden aus der Sneaker-Szene bekommen und war als Erster am Donnerstag vor dem Adidas-Store. Dort hat er angeboten, ein eigenes Wartelistensystem zu führen. "Ich habe so etwas schon öfter gemacht", erzählt der Turnschuh-Fan, der selbst "nur noch rund 100 Paar" besitzt und geübt ist im Anstehen.

Alle zwei bis vier Stunden rief Ali die vergangenen sechs Tage die Namen auf der Liste auf. Wer zum "Check" nicht vor Ort war, wurde gestrichen. "Ich versuche, fair zu sein. Aber natürlich mache ich auch mal einen Fehler." Sein System ist von Adidas abgesegnet worden, erzählt er. Offiziell eingesetzt wurde er für diese Funktion nicht. Geld erhält Ali laut eigener Aussage ebenfalls nicht. Dafür trägt er mittlerweile eine gelbe BVG-Regenjacke über seiner Adidas-Jogginghose und steht an Platz eins seiner Liste. Er darf somit als Erster den Schuh in der für ihn passenden Größe in den Händen halten. Jede Schuhgröße ist nur begrenzt vorrätig.

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Kurz vor dem Verkaufsbeginn zieht sich die Schlange der Wartenden beinahe um den gesamten Häuserblock und blockiert allmählich die Straße.

(Foto: Lisa Schwesig)

Kurz vor dem geplanten Verkaufsstart um elf Uhr verkündet dann ein Mitarbeiter aus dem Laden, dass Alis Warteliste Gültigkeit hat. Das ist ein Schlag für die rund 1000 Wartenden in der Münzstraße, die sich erst heute angestellt haben. Denn von den limitierten BVG-Turnschuhen gibt es insgesamt nur 500 Stück - in Berlin-Mitte werden gerade einmal 150 Paar verkauft. Der Einlass erfolgt über die Hintertür des Ladens. Die Menschentraube vor dem Geschäft, die den gesamten Gehweg blockiert, wird von der Polizei zum Gehen aufgefordert. Die große Zahl an Kaufwilligen ist ein Sicherheitsproblem für den Straßenverkehr und verzögert den Einlass immer wieder.

"First come, first serve" gilt nicht

"Wenn wir keine Schuhe bekommen, wissen wir, dass es nicht korrekt gelaufen ist", sagt Lena. Die 35-Jährige wirft Ali vor, die Warteliste nicht einwandfrei zu führen. Eine regelmäßige Kontrolle der Liste findet jedenfalls nicht statt, nur gelegentlich schaut ein Ladenmitarbeiter Ali beim Abhaken über die Schulter. Lena ist enttäuscht davon, wie der Verkauf geregelt wird. "Das macht das Image von Adidas und der BVG kaputt", sagt sie. Auch bei anderen Wartenden kommt bereits Stunden vor dem Verkaufsstart Wut auf. "First come, first serve", fordern sie - also "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." Dass andere seit Tagen im Hof des Ladens campieren, dort schlafen und sich von Döner ernähren, akzeptieren sie nicht.

Die meisten wollen den begehrten Turnschuh aber sowieso nicht behalten, sondern damit schnelles Geld machen - so wie Nikita. "Der Schuh ist wirklich hässlich", sagt der Schöneberger. Er rechnet mit einem Verkaufswert von 850 Euro für den 180-Euro-Sneaker. Die Preisspekulationen in der Warteschlange liegen deutlich höher: Viele rechnen mit bis zu 10.000 Euro für den limitierten Turnschuh mit der aufgestickten Jahreskarte. Gültig ist diese jedoch nicht für die S-Bahn, sondern nur für Verkehrsmittel der BVG - also Bus, U-Bahn, Straßenbahn und Fähre.

Quelle: ntv.de