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Was einen Raser zum Mörder macht Als Vincent R.s Angeberei drei Leben kostete

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Das Urteil gegen Vincent R. soll am 15. Dezember fallen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit 230 km/h rast Vincent R. am 10. Juli 2021 über eine Landstraße in Brandenburg - bis es knallt. Zwei Frauen und ein ungeborenes Baby sterben. Das Landgericht Neuruppin muss nun urteilen: War R.s Fahrt schlicht fahrlässig - oder hat sie ihn zum Mörder gemacht?

10. Juli 2021, noch knapp sechs Sekunden bis zur Kollision. Der schwarz lackierte Mercedes AMG schießt mit 230 km/h über die B96a in Brandenburg. Für den Fahrer, Vincent R., sind die Baumkronen am Fahrbahnrand der Landstraße nur noch schemenhaft zu erkennen, die Spur kann er kaum noch halten. Der junge Fahrer rast auf eine Rechtskurve zu. Er bremst kurz ab, 165 km/h. Dann drückt R. das Gaspedal voll durch: Diese Kurve, die nimmt er mit Vollgas. Der 510 PS starke Sportwagen ist nun noch eine halbe Sekunde von dem alten Skoda auf der Gegenfahrbahn entfernt. Die Tachonadel reißt die 177. Dann knallt es.

Obwohl von dem Mercedes AMG nach dem Unfall nicht mehr viel übrig ist, überlebten Vincent R. und sein Beifahrer die Kollision beinah unverletzt.

Obwohl von dem Mercedes AMG nach dem Unfall nicht mehr viel übrig ist, überlebten Vincent R. und sein Beifahrer die Kollision beinah unverletzt.

(Foto: picture alliance/dpa/BLP)

Am Landgericht Neuruppin scrollen Richter, Staatsanwältin, Verteidiger und Unfallgutachter stundenlang durch die Auswertung des Airbag-Steuergerätes aus dem zerstörten Mercedes. Durch die gespeicherten Daten lässt sich das Fahrverhalten von Vincent R. in den letzten Sekunden vor dem Unfall genau rekonstruieren. Für das Landgericht Neuruppin ein wichtiges Indiz. Hier muss sich der 24-Jährige für seine gefährliche Fahrt durch den brandenburgischen Kreis Oberhavel seit Anfang Oktober verantworten. In der kommenden Woche fällt das Urteil. Die Richter und Schöffen müssen dann entscheiden, ob Rs Raserei schlichtweg fahrlässig war - oder ob sie ihn zum Mörder gemacht hat.

Zwei Insassinnen des alten Skodas überlebten R.s Fahrt nicht. Auch das ungeborene Baby der Fahrerin konnte nicht mehr gerettet werden. Die beiden Frauen, 28 und 32 Jahre alt, starben an einem Polytrauma - sie erlitten unzählige Organverletzungen und Knochenbrüche, es kam zu einem Riss ihrer Aorta und zum Teilabriss des Gehirns. Die Verletzungen durch die Wucht des Aufpralls waren so heftig, fasst es der Rechtsmediziner für das Gericht zusammen, "sie wären auch bei sofortiger Hilfe nicht behandelbar gewesen".

Tödliche Protzerei?

Während der Ausführungen verlassen einige Angehörige und Freunde den Saal. Florian O. und Tina K., der Verlobte und die Ehefrau der Verstorbenen, versuchen unter Tränen die Fassung zu wahren. Auch sie saßen damals im Skoda, überlebten den Zusammenstoß mit dem Mercedes jedoch schwer verletzt. Im Prozess gegen Vincent R. treten sie als Nebenkläger auf. Weil Vincent R. ihnen "alles genommen" hat, wie K. laut der "Märkischen Oderzeitung" sagte. Und weil "die Zukunft nun weg" ist, wie O. es ausdrückte.

Die Hinterbliebenen müssen mit diesem Schicksalsschlag leben, weil Vincent R. an jenem Julitag im vergangenen Jahr protzen wollte. So nimmt es die Staatsanwaltschaft an. Dies begann bereits am frühen Abend, als R. mit dem Mercedes zu einer Geburtstagsfeier fuhr. Der Auszubildende hatte sich das rund 70.000 Euro teure Gefährt zuvor bei seinem Arbeitgeber, einem Autohaus in der nächstgelegenen Kleinstadt, geliehen. So etwas kam durchaus öfter vor, bestätigte das Autohaus vor Gericht. Für gute Leistungen oder wenn der eigene Wagen in der Reparatur war. Außerdem galt R. laut der "Märkischen Oderzeitung" als erfahrener Autofahrer. Dieses Mal sollte er eigentlich einen anderen Mercedes erhalten - die B-Klasse mit weniger PS. Doch R. nahm sich den Schlüssel des AMG.

Auf der Geburtstagsparty waren die geladenen Gäste beeindruckt von dem Luxuswagen vor der Tür. Wer wollte, durfte mal Probesitzen und den Motor aufheulen lassen. R. glänzte als stolzer Besitzer, es wurde gefeiert - und getrunken. Um kurz nach 20 Uhr stieg R. noch einmal ins Auto, "um etwas zu holen", wie er vor Gericht aussagte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits betrunken - mindestens 1,7 Promille wird das rechtsmedizinische Gutachten später feststellen. Oliver B. nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Auf der B96a angekommen, drückte R. das Gaspedal dann durch, um dem 33-Jährigen zu imponieren, schilderte Staatsanwältin Lara Garnkäufer das Geschehen zum Prozessauftakt. Die Anklage lautete auf Mord. Vincent R. habe den Tod zweier Menschen aus niedrigen Beweggründen verursacht.

Hände in Handschellen, Fingernägel abgekaut

Vincent R., das ist ein schmächtiger junger Mann mit Sidecut und viel Gel in den blonden Haaren. Seinen Ausbildungsplatz hat er mittlerweile verloren, seine damalige Freundin auch. Seit April sitzt er in Untersuchungshaft. An den Unfall könne er sich nicht mehr erinnern. Nur, dass er nach dem Aufprall aus dem Mercedes geklettert sei. Später haben ihn die Polizisten gestellt - auf der Flucht, wie die Staatsanwaltschaft hinzufügt. Viel mehr hat R. im Prozess nicht hinzuzufügen. Nur einmal bittet er T. und O. um Verzeihung, obwohl er wisse, dass es "nicht möglich ist, die richtigen Worte zu finden".

T.s Anwalt bezeichnet den Angeklagten als "kühl und berechnend". R. nimmt diese Worte regungslos auf. Im Gerichtssaal verschwindet er beinah hinter seinem Anwalt und in seinem dunkelgrauen Rollkragenpullover. Die Hände hat er in Handschellen, die Fingernägel abgekaut. Der junge Mann wirkt der Situation nicht gewachsen. So wie er auch dem Sportwagen am Abend des 10. Juli nicht gewachsen war.

Die Richter am Landgericht Neuruppin müssen nun entscheiden, ob die eingeführten Beweise und Gutachten eine Verurteilung wegen Mordes rechtfertigen. Zwei Menschen und ein ungeborenes Baby sind tot. Allerdings - und da liegt die Schwierigkeit aller Raser-Fälle - wollte R. nicht, dass sie sterben. Eine Strafe wegen Mordes oder Totschlags setzt jedoch einen Vorsatz des Täters voraus. "Deswegen spielt der bedingte Vorsatz in den Fällen von Raserei eine entscheidende Rolle", erklärt Uwe Lenhart, Fachanwalt für Strafrecht und Verkehrsrecht im Gespräch mit ntv.de. "Dafür reicht es, wenn der Täter erkennt, dass seine Handlung gefährlich ist und er es trotzdem macht." Das heißt: R. musste nicht mit dem Willen ins Auto gestiegen sein, Menschen zu töten. Es genügt, wenn es ihm gleichgültig war.

In den Kopf des Angeklagten schauen

Das allerdings müsste das Gericht dem Angeklagten nachweisen. War es ihm tatsächlich egal oder hat er darauf vertraut, dass nichts passiert? Diese Gratwanderung entscheidet über Vorsatz oder Fahrlässigkeit - und damit über 15 Jahre Haft oder maximal fünf Jahre.

Nun können die Richter nicht in den Kopf des Angeklagten schauen. "Das Gericht muss den Vorsatz daher aus objektiven Umständen ableiten", sagt Lenhart. Wie schnell war der Raser unterwegs? Und wie rücksichtslos? Wie dicht war der Verkehr? "Auch unbedachte Äußerungen gegenüber dem Sachverständigen oder Gericht können zur Überzeugung des Gerichts führen, der Angeklagte habe tödliche Unfälle in Kauf genommen", sagt der Jurist. "Und vielleicht hat er ja auch einen Youtube-Kanal, auf dem er sich als Raser inszeniert." All diese Indizien ergeben am Ende des Prozesses eine Tendenz: für den Vorsatz oder für die Fahrlässigkeit.

Im Fall des Kudamm-Rasers, der durch ein Autorennen im Februar 2016 den Tod eines Rentners verursachte, sprach sich das Gericht 2017 erstmals für einen bedingten Vorsatz und die Verurteilung wegen Mordes in einer solchen Konstellation aus. Die Begründung damals: Das "rücksichtslose und hoch riskante Verhalten" des Fahrers sei "kaum noch steigerungsfähig" gewesen. Der Fahrer muss daher in Kauf genommen haben, dass andere Verkehrsteilnehmer gefährdet werden.

"Geschmackssache des Gerichts"

Gilt das auch für Vincent R.? Das komme einzig darauf an, wie das Landgericht Neuruppin die Indizien bewertet, erklärt Lenhart. Ob Rasern ein bedingter Vorsatz unterstellt wird, "ist immer auch Geschmackssache eines Gerichts". Wie sehr, das zeigt die Spannweite an Strafen für Raser in den vergangenen Jahren: Die Verurteilungen reichen von Bewährungsstrafen, über kurze Gefängnisstrafen wegen illegalen Autorennens bis hin zu lebenslanger Haft wegen Mordes. Seit dem Kudamm-Raser-Fall lauten viele Anklagen auf Mord. Die meisten werden allerdings im Laufe der Verhandlungen heruntergestuft - mangels Vorsatzes.

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Dies zeichnet sich auch im Fall von Vincent R. ab. Im Landgericht Neuruppin verkündet Staatsanwältin Lara Garnkäufer am vorletzten Verhandlungstag, vom Mordvorwurf abzurücken. Die Indizien sprechen gegen einen Tötungsvorsatz. Großes Gewicht hat hierbei das Gutachten des forensischen Psychiaters Hans-Ludwig Kröber, der R. als einen Fahrer beschrieb, der glaubt, "dass er so gut Autofahren kann, dass er auch betrunken keine Fehler macht". Die Gefahr habe er - auch alkoholbedingt - nicht realisiert. Dafür spreche auch das Fahrverhalten in den letzten Sekunden vor dem Unfall. Wenn R. nicht ahnte, was durch seine Fahrt passieren kann, kann er es auch nicht in Kauf genommen haben.

"Grob verkehrswidrig und rücksichtslos" habe sich R. trotzdem verhalten, erklärte Garnkäufer weiter. Zwei junge Frauen, einen von ihnen hochschwanger, haben seine "schicksalsträchtige Fahrt" nicht überlebt. Es liegt nun an den Richtern, das richtige Strafmaß dafür zu finden.

Quelle: ntv.de

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