Panorama

"Kauft nicht bei Juden"Antisemitismus in Deutschland - wo bleibt der Aufschrei?

28.04.2026, 18:41 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecEin Kommentar von Sabine Oelmann
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Wer möchte, dass Juden in Frieden leben können, ist nicht automatisch gegen ein freies Leben für Palästinenser. Bitte immer das Gehirn einschalten, bevor man anfängt zu sprayen. Im Bild: der Anschlag auf das Restaurant Eclipse in München. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Antisemitismus ist Alltag in Deutschland, aber den meisten Menschen scheint das egal zu sein. In Berlin werden Häuserwände mit antisemitischen Parolen beschmiert und in München Läden zerstört und angegriffen. Der Aufschrei ist vergleichsweise leise.

Schmierereien an Hauswänden wie "Juden raus", "Kauft nicht bei Juden", "Nur ein toter Jude ist ein guter Jude", versehen mit Hakenkreuzen zur besonderen Betonung der Gesinnung. An anderen Stellen Davidsterne, um klarzumachen: Hier wohnen Juden. Willkommen in Deutschland 2026. Über acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs treten in deutschen Städten vermehrt Parolen auf, von denen man dachte, diese Phase hätte das Land hinter sich gelassen. Dass es Judenhass gibt, ist kein Geheimnis. Dass er offen zur Schau gestellt wird, ist nicht ganz neu. Dass es aber täglich mehr wird, ist äußerst beunruhigend.

Der Antisemitismus-Beauftragte Berlins, Samuel Salzborn, beklagte bereits vergangenes Jahr das Ausmaß von Judenhass und Antisemitismus in Berlin nach den Ereignissen des 7. Oktobers 2023 und stufte die Entwicklung als besorgniserregend ein. Salzborn bezeichnet den Hass, die Gewalt, die Bedrohungen und Beleidigungen, denen jüdische Bürgerinnen und Bürger ausgesetzt sind, aber auch als "alltäglich". Die Zahl der geschützten jüdischen Einrichtungen in Berlin stieg auf um die 200, darunter Kindergärten und Schulen. 

Auch die Polizei spricht seit dem Massaker während des Supernova-Festivals in Israel von einer deutlichen Zunahme antisemitischer Vorfälle, insbesondere aus dem propalästinensischen und extrem linken Spektrum. Viele Juden in Deutschland meiden es inzwischen, ihre Identität in der Öffentlichkeit zu zeigen, aus Angst vor Angriffen. 

Wenn sie doch Kippa tragen oder sichtbar eine Kette mit Davidstern, müssen sie mit Gewalt oder zumindest der Androhung von Gewalt rechnen. Andere handeln genau entgegengesetzt und ringen um mehr Sichtbarkeit. Experten stellen fest, dass neben rechtem Antisemitismus besonders importierter Antisemitismus sowie ein auf den Nahostkonflikt bezogener Judenhass immer präsenter werden. Erschreckend offen wird bei Propalästina-Demonstrationen purer Judenhass beobachtet, der oft in Gewalttaten mündet. Eine Verständigung scheint in vielen Momenten nicht möglich zu sein. 

Hass auf die Demokratie

"Jüdisches Leben ist leider Lichtjahre davon entfernt, selbstverständlich im Alltag öffentlich gelebt werden zu können", so Salzborn, der auch darüber spricht, dass jüdische Menschen massiv in ihren von der Verfassung garantierten Grundrechten beschnitten werden. Der Politikwissenschaftler, Soziologe, Psychologe und Rechtswissenschaftler warnt: "Der antisemitische Hass ist auch ein Hass auf die Demokratie." Antisemiten verachten und bekämpfen seiner Ansicht nach Grundrechte wie die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, das Diskriminierungsverbot oder die Religionsfreiheit.

Auch das Gewaltmonopol des Staates wird infrage gestellt: Angriffe gegen Polizisten im Zusammenhang mit propalästinensischen Demonstrationen, Angriffe auf die Pressefreiheit, Journalisten, die Ziel verbaler und körperlicher Angriffe werden, Boykott jüdischer Kunst- und Kultureinrichtungen, Angriffe gegen Kultureinrichtungen, die sich gegen Antisemitismus positionieren - all das passiert tagtäglich in Deutschland. Dem Land der Täter, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiv um die Aufarbeitung, "Wiedergutmachung" und Verhinderung weiterer antisemitischer Taten bemüht hat.

Man muss feststellen, dass diese Bemühungen nach über 80 Jahren vielerorts gescheitert zu sein scheinen: Wenn auch an Universitäten - nicht nur in Deutschland - offen Hass und Gewalt gegen jüdische Studierende und Lehrende propagiert werden, dann haben Staat und Gesellschaft in großen Teilen versagt. Nachdem auf Kundgebungen in Berlin oder Demonstrationen unter Überschriften wie "Hände weg vom Jordanland" bereits zur Erschießung von Juden aufgerufen wurde, griffen immerhin sowohl die Palästinensische Autonomiebehörde als auch Israel und der Staatsschutz ein.

Das BKA informiert

Am 3. März 2026 beteiligte sich das Bundeskriminalamt (BKA) an einem europaweiten Aktionstag zur Bekämpfung extremistischer und terroristischer Online-Inhalte im Audioformat. Der Aktionstag fand auf Initiative Ungarns statt und wurde durch Europol koordiniert.

Im Fokus standen Musik- und Audio-Plattformen, die eine hohe Reichweite - insbesondere bei jungen Menschen - erzielen. Extremistische Akteure nutzen diese Kanäle gezielt zur Verbreitung von Ideologien, Feindbildern und Gewaltaufrufen sowie zur Rekrutierung und ideologischen Festigung.

Von deutscher Seite wurden durch das BKA im Vorfeld fast 1500 entsprechende URL identifiziert. Diese wurden am Aktionstag an die jeweiligen Online-Service-Provider mit der Anregung zur Prüfung und Entfernung übermittelt.

"Macht mir große Sorgen"

Berlins Bürgermeister Kai Wegner warnte im September im Interview mit ntv.de: "Die Linke, gerade in Berlin, hat sich radikalisiert und weist eindeutig antisemitische Tendenzen auf. Das macht mir große Sorgen." Er kritisierte Linken-Politiker, die Misstrauen und Hass gegen die Polizei schüren: "Währenddessen hofieren sie Hamas-Unterstützer auf ihren Festen. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Das ist nicht harmlos." Er warnte vor AfD und Linken: "Beide Parteien sind extrem - und auch extrem auf Social Media unterwegs. (…) Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die jungen Menschen besser erreichen, denn die Politik der Mitte darf sie nicht den linken und rechten Populisten und Radikalen überlassen."

Ist es schon zu spät? Die Art der Gewalt verändert sich schleichend. Während momentan weniger Demonstrationen auf den Straßen zu beobachten sind, scheint es im Hintergrund - im Untergrund? - zu brodeln. In München wurden in den vergangenen Wochen ein israelisches Restaurant und eine Boutique angegriffen, im Berliner Szene- und Familienbezirk Prenzlauer Berg haben Unbekannte erneut widerliche Hassparolen gegen jüdische Bürger an Hauswände geschmiert. Sie tauchten an mehreren Fassaden auf. Einige Anwohner gaben an, "der halbe Block" sei betroffen.

Die Polizei bittet um Mithilfe

Am vergangenen Wochenende kam es in Pankow zu mehreren Sachbeschädigungen mit antisemitischem Hintergrund. Bisher Unbekannte brachten im Zeitraum vom vergangenen Samstag, 22 Uhr, bis Sonntag, 13.45 Uhr, sowie auch in der Nacht zum Samstag, 11. April, an Hauswänden in der Ueckermünder Straße volksverhetzende Schriftzüge wie "Kill all Jews" und verfassungsfeindliche Symbole in Form von Hakenkreuzen an.

Die Ermittlerinnen und Ermittler des Polizeilichen Staatsschutzes bitten die Bevölkerung um Mithilfe und haben folgende Fragen:

Wer hat in den genannten Zeiträumen die Taten beobachtet? Wer kann Hinweise zu den Identitäten der Täterinnen und/oder Täter geben?

Wer kann sonstige sachdienliche Hinweise zu den Taten geben?

Hinweise bitte direkt an den Polizeilichen Staatsschutz im Bayernring 44 in 12101 Berlin-Tempelhof unter der Telefonnummer (030) 4664-953528, per E-Mail an lka535-hinweis@polizei.berlin.de, über die Internetwache der Polizei Berlin oder auch an jede andere Polizeidienststelle.

Zu lesen waren neben den üblichen, bekannten deutschen Hassparolen auch - für die Prenzlberg-Touris und Zugereisten - "Kill all Jews" und ein Schriftzug in arabischer Sprache, der "Paradies" bedeutet. An einer Wand tauchten außerdem die Zeichen "271K" auf, die sich auf einen Code aus der rechtsextremen Szene im Zusammenhang mit der Holocaust-Leugnung beziehen.

"271k" könnte demnach für die falsche Behauptung stehen, dass während des Holocausts "nur" 271.000 Jüdinnen und Juden ermordet worden seien. Wer hinter den Angriffen steckt, steht noch nicht fest, die Polizei ist um Schadensbegrenzung bemüht und entfernt oder übersprüht die widerlichen Parolen nicht nur an Häuserfassaden, sondern auch in Hausfluren. Was ein Gefühl dafür vermittelt, wie nah die Hetzer den Bewohnern kommen.

Blind? Abgestumpft?

Übertünchen von Parolen wird den Hass und die Ursachen jedoch nicht bekämpfen. Der Berliner "Tagesspiegel" stellte erstaunt fest, dass kaum jemandem die Schmierereien aufgefallen seien. Weder den kinderwagenschiebenden Müttern noch den Joggern noch den DHL- oder Pizza-Boten. Nur wer betroffen ist, also direkter Anwohner oder selbst jüdisch, scheint etwas bemerkt zu haben. Sind das die berühmten Anfänge der noch berühmteren deutschen Blindheit, die auch in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts ihren unheilvollen Anfang nahmen? So doof können wir doch nicht sein! Oder doch?

Prenzlauer Berg - das steht immerhin für Kiez, Miteinander, Latte macchiato, viele Zugereiste, Kinder, Gentrifizierung. Aber doch nicht für Antisemitismus. Anscheinend aber schleicht er sich nun von hinten durch die kalte Küche in den Bezirk, in dem bisher nur Schwaben ihr Fett weggekriegt haben. Der Spitzenkandidat der Berliner SPD, Steffen Krach, ist inzwischen im Wahlkampfmodus angekommen: "Das sind keine Schmierereien, das ist ein krimineller Angriff." Er werde so lange dagegen kämpfen, bis dieser Geist aus der Stadt verschwindet. Hoffentlich findet er genug Unterstützung - vielleicht sogar parteiübergreifend. Wie in München.

Denn auch dort gab es Angriffe gegen unterschiedliche Einrichtungen. Dem israelischen Restaurant "Eclipse" in der Maxvorstadt, dem Studenten- und Ausgehviertel, wurden die Scheiben eingeschlagen. Den Besitzer ereilte danach viel Zuspruch, er will die Hoffnung nicht aufgeben.

Im Laden von Trixi Obermaier, die einen Aufkleber im Fenster hat: "Antisemitismus - ohne mich", wurden die Fenster und der Türrahmen mit Parolen wie "Zios jagen" beschmiert. Die Ladenbesitzerin schreibt auf Instagram, dass der Aufkleber seit 2014 in ihrem Fenster sei und sie ihn auf keinen Fall entfernen werde. So viel Zivilcourage hat auch die Politik zu einem Abstecher in den sonst friedlichen Bezirk Au-Haidhausen verleitet: Abgeordnete der Grünen und der CSU besuchten Obermaier und machten klar: Antisemitismus ist keine Meinung. Sondern eine Grenze.

Trotz allem steigt die Zahl der Juden, die Israel verlassen und nach Deutschland, vor allem Berlin, kommen wollen, stetig. Widersprüchlich? Oder einfach nur Ausdruck dessen, dass es immer unerträglicher für Juden unter der aktuellen Regierung in ihrem eigenen Land wird? Glaubenskriege - wie alle Kriege - sind so dumm wie überflüssig, im Großen und im Ganzen. Auch an Häuserwänden.

Quelle: ntv.de

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