Panorama

"Drakonische Maßnahmen" drohen Ärzte-Präsident fürchtet jahrelange Pandemie

Ein zweiter Lockdown kommt mit Blick auf die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus immer näher, befürchtet Welt-Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery. Im Gespräch mit ntv sagt der Mediziner, was ihn in der Bekämpfung der Pandemie stört - und was ihn optimistisch stimmt.

Mit mehr als 14.000 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden meldete das Robert-Koch-Institut am Samstag den bisherigen Höchstwert im Laufe der Corona-Pandemie, 272 Regionen gelten inzwischen aufgrund eines 7-Tage-Inzidenz-Wertes von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner als Corona-Hotspots. Angesichts des weiterhin dynamischen Infektionsgeschehens rechnet Frank Ulrich Montgomery schon bald mit neuen, weitreichenden und einschneidenden Konsequenzen für das öffentliche Leben in Deutschland. "Irgendwann wird es einen Punkt geben, an dem man wieder mit drakonischeren Maßnahmen" arbeiten müsse, sagte der Welt-Ärztepräsident im "Corona-Spezial" von ntv. "Das furchtbare L-Wort steht da immer im Hintergrund, der Lockdown."

Bei 20.000 Neuinfektionen "gerät die Lage außer Kontrolle", hatte Montgomery der "Rheinischen Post" gesagt, spätestens dann "droht uns ein zweiter Lockdown, weil sich das Virus anders nicht mehr bremsen lässt." Von der "Illusion, zu glauben, dass die Gesundheitsämter jede Infektion bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen können" müsse man sich jetzt schon verabschieden. Man habe aber aus den Erfahrungen des ersten Lockdowns gelernt und werde "heute nicht mehr die gesamte Wirtschaft von jetzt auf gleich in einen totalen Stillstand bringen" müssen.

"Wir haben es eigentlich richtig gemacht"

Der Mediziner sieht lokale Lockdowns als die richtige Strategie. So seien die für den bayerischen Landkreis Berchtesgaden verhängten Maßnahmen genau richtig: In der Region mit einem 7-Tage-Inzidenzwert von 237 (Stand: 26. Oktober) gelten Ausgangsbeschränkungen, Schulen und Kindergärten bleiben geschlossen. So sollten bundesweit alle Orte "mit solchen Inzidenzwerten" reagieren. In dem Landkreis war die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner vorher binnen sieben Tagen auf über 250 gestiegen.

Die Politik, sagte der Mediziner, müsse Maßnahmen und Strategien aber künftig besser vermitteln. "Wir haben es eigentlich richtig gemacht, wir haben es nur nicht richtig kommuniziert", sagte er. "Je mehr wir reden und versuchen, Beruhigung in die Bevölkerung zu bringen, desto mehr verunsichern wir sie gleichzeitig. Von daher sind wir alle Teil dieses Problems. Auch ich bin Teil dieses Problems." Um das Infektionsgeschehen einzudämmen, "müssen wir es jetzt aber schaffen, der Bevölkerung klar zu machen: Wenn wir es nicht endlich schaffen, uns an die Regeln zu halten, dann wird uns diese Pandemie noch über Jahrzehnte und ganz heftig begleiten."

Einer erfolgreicheren Bekämpfung der Ausbreitung des Virus hätten bisher auch föderale Eitelkeiten im Wege gestanden, kritisierte Montgomery im Gespräch mit ntv: "Warum muss in jedem Bundesland eine andere Regelung gelten? Dem Virus sind die Grenzen zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein vollkommen egal. Hier hätte man politisch viel mehr verhindern können, indem man sich auf eine gemeinsame Linie einigt und nicht die Eitelkeiten die ganze Zeit die Diskussion überwuchern."

"EU hat etwas sehr Kluges gemacht"

Ein Impfstoff sei kein Allheilmittel, hatte Montgomery schon vergangene Woche der "Rheinischen Post" gesagt. Es werde "zwei, drei Jahre dauern" bis die Bevölkerung durchgeimpft sei. Immerhin werde die Europäische Union vorbereitet sein, wenn ein Impfstoff auf den Markt kommt. "Die Europäische Union hat etwas sehr Kluges gemacht, sie hat sehr viel mehr Impfdosen bestellt bei den Produzenten, als sie selbst braucht. Einen Teil davon werden wir an Länder verschenken, die es sich nicht leisten können. Wir haben ein weltweites gemeinsames Interesse an einer durchgeimpften Weltbevölkerung", sagte er ntv.

Ob ein Impfstoff, mit dem im Frühjahr gerechnet wird, umfassenden Schutz vor der durch das Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 bietet, ist für Montgomery derzeit noch nicht absehbar: "Bei Aids haben wir mit einer Therapie heute eine fast normale Lebenserwartung, aber keine Impfung. Das kann uns hier auch passieren. Ein bisschen spricht dagegen, dass es etwa 200 Impfstoffkandidaten weltweit in der Forschung gibt. Ich glaube schon, dass wir einen Impfstoff bekommen werden, aber wie wirksam der ist, (…) das muss man noch schauen."

Ohnehin müsse jedem bewusst sein: "Wir können nicht jahrelang im Zustand ewiger Erregung verharren", denn: "Wir müssen noch über Jahre mit dem Virus leben und damit umgehen: Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen", resümierte Montgomery. Daher werde es auch 2021 keinen normalen Sommerurlaub geben.

Quelle: ntv.de